Freitag, 15.05.2020, Uppsala.
Es ist Freitagabend und ich sitze im Büro. Meine Kaffeetasse hat schon den ganzen Tag ein Loch – jedenfalls ist sie gefühlt immer leer wenn ich gerade einen Schluck nehmen will. Einzige Ausnahme war heute früh… da war der Kaffee nach einem längeren Telefonat mit einem Kunden kalt.
Das Jahr 2020. Bisher irgendwie ein total kurioses Jahr… Ich will gerade anfangen die letzten Wochen und Monate ein wenig Revue passieren zu lassen, da klingelt mein Mobiltelefon. Im Display +1 916…
„hansekontor i Uppsala. Christian Dansör.“ „Hey. Keela Murdock aus Sacramento hier.“ „Schön dich zu hören.“ „Schön dich zu erreichen. Duuuu… sag mal… ist Sandra unterwegs?“ „Nö. Eigentlich sitzt sie in ihrem Büro nebenan und macht sich da derzeit an der Buchhaltung zu schaffen.“ „Ok – ich versuche sie nämlich schon seit zwanzig Minuten immer wieder anzurufen, aber ihr Telefon springt nur auf Mailbox an.“ „Wahrscheinlich hat sie es ausgeschaltet um Ruhe zu haben. Ich gehe mal eben rüber.“ Ich stehe auf und gehe zu Sandras Büro. Unsere Mitarbeiter sind inzwischen alle im Feierabend, daher ist ihre Tür offen. „Älskling, Keela i telefon för dig.” Sandras Gesichtsausdruck wechselt von konzentriert auf freudig überrascht. Ich gebe ihr einen Kuss und reiche ihr das Telefon. ”En mer, tack.” Klar, den Kuss bekommt sie. Dann widmet sie sich dem Telefon und ich verziehe mich wieder in mein Büro.
Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja… das kuriose Jahr 2020 in seiner bisherigen Form…
Eigentlich ja sogar noch ein Stückchen weiter zurück… Den ersten Weihnachtsfeiertag hatten wir ja am Coeur d´Alene River in Kellog, Idaho beendet.
Von dort aus waren wir dann immer weiter in Richtung Ostküste gezogen. Der Bulli mit seiner Standheizung war ein entspanntes Reisefahrzeug und auch wenn die Jahreszeit für Camping an sich eigentlich unpassend war, so war uns das auf dem Roadtrip völlig egal und wir konnten die Staaten auf einer ziemlich eigenen Art und Weise betrachten.





Den Jahreswechsel verbrachten wir dann dann in Saint Paul. Beim Gedanken daran muss ich schmunzeln. Keela hatte dafür gesorgt, dass wir zum Jahreswechsel zu Gast bei den Ryans waren. Und Gast war man bei ihnen wirklich – von Grund auf herzlich aufgenommen und natürlich auch mit tausend Fragen gelöchert (schließlich machen wir ja den selben Job wie der Schwiegersohn und Tochter…) Und dass mein Geburtstag nur drei Tage vor dem Jahreswechsel lag nahm Angus zum Anlass den großen Smoker anzuwerfen.
Von Saint Paul aus waren wir dann schließlich weiter gen Osten, südlich der großen Seen entlang bis nach New York City. Dreieinhalb Tausend Meilen von West nach Ost. Ein Urlaub der etwas länger dauerte als geplant; aber es war einfach nötig gewesen.
Zwischendrin blieb uns natürlich der Beschluss zum Brexit nicht verborgen. Dieser sorgte dann auch gleich für ein wenig administrative Arbeit nach unserer Rückkehr Anfang Februar. Die bisher aufgeschobenen Neufahrzeuge für Kim und Ida haben wir dann kurzerhand bei Adrian Palsson (Scania Stockholm) bestellt und dann selbst nach London überführt.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist 21:00 Uhr. Die Kaffeetasse immer noch leer. Mir ist inzwischen aber sowieso eher nach einem Bier zumute.
Der Februar war dann überwiegend von Büroarbeit und Arbeit im Lager geprägt. Dazu kam dann die Planung und Durchführung eines Spezialtransports bei dem ich dann auch wieder die Dienste von Martin und Simone aus Hamburg für die Absicherung in Anspruch nahm. Und weil ich hin und wieder auch ganz gerne Schraube hatte ich vor dem Transport
meinen Actros noch ein wenig umgestaltet (wenn auch noch nicht alle Ideen umgesetzt sind).




Da Tania dann auch mal ein bisschen Urlaub brauchte machte Sandra die kompletten Touren die sich die beiden sonst teilten und ich kümmerte mich um die Bürosachen.
Im März war ich gerade mit einem meiner Kühlauflieger in Südschweden unterwegs als in den Nachrichten plötzlich nur noch ein Thema rauf und runter geleiert wurde.



Das Corona-Virus hier. Und da. Und Überall und tralala. Während hier im Schweden das öffentliche Leben weitestgehend weiter lief sah es im Rest Europas ziemlich finster aus. Einmal alles auf null – und die Wirtschaft mit voller Fahrt gegen die Wand.
Auch den geplanten Osterbesuch bei meinen Eltern in Wismar konnten wir vergessen. Sandra und ich waren uns einig, dass man die Thematik nicht verharmlosen sollte. Aber auch nicht übertreiben. Von einer Grippewelle hatte in der ganzen Zeit komischerweise so gut wie niemand geredet. Ausgefallen wegen is was anderes…
Da es auch bei Scania einen Lockdown gab ist uns in dem Bereich natürlich so einiges an Umsatz weggebrochen. An anderer Stelle – nämlich der Versorgung des Einzelhandels – konnten wir uns hingegen vor Arbeit kaum retten. Insgeheim bin ich froh dass wir in Hamburg den ein oder anderen Kühlkoffer fürs Leasinggeschäft an der Seite hatten…
Sandra kommt zu mir ins Büro und legt mein Telefon auf den Schreibtisch.
„Komigen, låt oss gå till sängs.“ „Sehr gerne, Süße. Bei Marc und Keela alles in Ordnung?“ „Ja. Die beiden kommen mit der Arbeit kaum hinterher. Auch bei den Amis wird gehamstert was der Klopapiermarkt her gibt.“ „Wen wundert’s… Ich hoffe nur das wir irgendwann beizeiten wieder auf ein normales Maß kommen. Übrigens… wir wollten ja Ende Juni zur Regatta nach Bremen und von da zum Rockharz. Beides abgesagt.“ „Jag vet. Och jag hittar skit. Jag såg fram emot det.“ Ich nehme Sandra in den Arm und gebe ihr einen Kuss.
Wir verziehen uns in den Wohnbereich; besser gesagt ins Bett…
