Die vergangenen Wochen und Monate waren arbeitsreich. Die Bedingungen für mich und meine Fahrer (insbesondere im internationalen Fernverkehr) katastrophal. Und trotzdem hat sich in meiner Belegschaft seit längerem nichts verändert. Und das ist gut so.
Ein wenig Veränderung steht jetzt aber in Kürze bevor, denn meine Azubis Franziska, Katharina und Herbert befinden sich auf der Zielgraden ihrer Berufsausbildung, die sie im August 2018 beonnen hatten. In 2019 hatte ich bewusst keine neuen Azubis einstellen wollen. Vergangenes Jahr war dann, vermutlich durch den Corona-Mist, nicht eine Bewerbung auf dem Tisch – dieses Jahr sieht es nicht besser aus. Da bei den drei Azubis des 2018er Jahrgangs die Leistungen in Schule und Praxis stimmen werden wir diese ab August dann auch fest übernehmen.
Am vergangenen Donnerstag stand bei mir ein wenig Bürokram in Berlin auf dem Zettel und am Freitag bin ich dann mal unangekündigt bei unserem Berliner Auszubildenden Herbert auf seiner Tagestour mitgefahren. Lernstandskontrolle, schließlich ist demnächst die Abschlussprüfung. Wie nicht anders zu erwarten gab es an Herberts Tour nichts auszusetzen.
Am Samstag ging es dann kurzerhand mit einem in der Niederlassung gelagertem Kajak aufs Wasser. Begleitet wurde ich dabei von meinem Fahrer Adrijan.
Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal, Westhafenkanal, Charlottenburger Verbindungskanal, Spree, Großer Müggelsee. Am dortigen Strandbad standen dann siebenunddreißig Kilometer auf der Uhr. Katie holte uns von dort mit dem Niederlassungs-Sprinter wieder ab.
Montag, 07.06.2021, Berlin.
Es ist kurz vor 05:00 Uhr. Ich entsorge nochmal fix den Kaffee in der Keramikabteilung… Es ist wieder Zeit auf Achse zu gehen. Frankreich ruft. Um dort hin zu kommen geht es erstmal stumpf die Warschauer Allee (A2) entlang gen Westen. Meine Lieblingsstrecke ist das nicht gerade. Aber bis zur Pause um 09:00 Uhr bei Hannover bleibt es unspektakulär ruhig.
Weiter geht es dann über die A1, A43 und A4.
13:00 Uhr. Im Radio läuft ‚Die perfekte Welle‘ von Juli. Bisher war es auch ziemlich perfekt. Aber jetzt gerade überschlagen sich die Ereignisse. Direkt vor mir scheppert es heftig. Vollbremsung. Ich bringe den rovfågel auf dem Seitenstreifen zum stehen. Es folgt das volle Programm inklusive Rettungshubschrauber.
Zweieinhalb Stunden später bin ich wieder unterwegs. Aber nur um zehn Minuten später durch die nächste Unfallstelle – ein brennender Trailer – wieder ausgebremst zu werden. Gigi D’Agostino begrüßt mich dazu mit Bonjour.
Wenn der Montag schon so läuft…
16:32 Uhr. Ich erreiche die Grenze zu Belgien. Im Radio läuft der Natural Blues von Moby Rein von der Fahrzeit bin ich mit gerade einmal achteinhalb Stunden dabei. Aber die beiden Unfälle unterwegs zehren an den Nerven. Kurz gesagt: Schnauze voll für heute.
Dienstag, 08.06.2021, Aire de Blois–Ménars.
An sich war der heutige Tag einfach nur Kilometer abreißen… Lüttich, die A1 runter rasseln. An Paris und Orleans vorbei…
Wenn da nicht auf den letzten Kilometern das Problem gewesen wäre ‚wo stelle ich mich fürn Feierabend hin’… Mit vierzig Minuten Überzug nach der letzten Pause und fast leerem Tank ist Feierabend. Ich zapfe noch knapp fünfhundertsiebzig Liter und stelle den Zug dann auf dem Parkplatz ab. Ich mache mir einen Audruck vom Kontrollgerät und notiere mir die vergebliche Stellplatzsuche. In Summe waren es für sechshundert Kilometer heute genau neun Fahrstunden.
Und frei nach dem Motto „Wer früh losfährt hat früh Feierabend“ ist es jetzt gerade mal 14:00 Uhr. Ich fahre daher meinen Laptop hoch und schaue mal ob es noch Büroarbeit zu erledigen gibt.
Mittwoch, 09.06.2021, kurz vor Tours.
Ich bin inzwischen wieder auf der A10 unterwegs. Mein Telefon klingelt. Wer bitte ist da aus dem Bett gefallen und will was von mir? Wir haben 03:30 Uhr. Ein Blick aufs Telefon verrät meine Dispo in München. „hansekontor. Christian Nightflyer. Wer ist da ausm Bett gefallen?“ Ich höre ein lautes Lachen. „Conny is…“ „Moin Conny.“ „Servus Cheffe.“ „Jetzt schon im Büro?“ „Ja, ging nicht früher… Ne mal im Ernst, bin eigentlich noch im Bereitschaftsmodus und sitze zu Hause am Schreibtisch. Der Kunde aus La Rochelle rief vorhin an und wollte wissen wo du bleibst.“ „Haben die… neee, ich denke lieber nicht laut. Termin ist doch heute im Laufe des Vormittag.“ „So hab ich das hier auch stehen. Kunde meint aber da gestern Abend… Hatte er aber im Vorfeld nicht erwähnt. Ich hab dem jetzt gesagt das du unterwegs bist und ich nachhorche wann… “ „Hätte er wohl gern; so von jetzt auf gleich. Hätte er früher sagen müssen. Aber so? Auf Zeit pokern um sich Expresszulage zu sparen und dann rumzuppen? Sag 08:00 Uhr. Wenn ich früher da bin hat er Glück und soll zusehen dass ich dann ne Rampe frei hab.“ „Ok!“ „Hast du schon Anschluss für mich?“ „Ja. Westlich von Paris. Poissy. Von dort mit Käse nach Jönköping. Schick ich dir per Mail wenn ich im Büro bin. Jetzt brauch ich erstmal nen Kaffee.“ „Mach das. Ich nehm auch einen. Schwarz.“
…
05:30 Uhr. Der V8 verstummt. Ich habe eigentlich nur noch zwei Kilometer bis zum Kunden. Aaaaber: Fahrzeit so gut wie voll. Da ich gestern schon übel überzogen habe will ich das heute nicht mit ein paar zusätzlichen Minuten garnieren. Ich verlange von meinen Fahrern das sie sich an die Zeiten halten – also muss ich zusehen dass ich mich auch dran halte; auch wenn der Kunde schon in Sichtweite ist…
