Kapitel 62 – Langweilige Etappen und wilde Gedanken

In diesem Kapitel…
…greift Ricky zu illegalen Mitteln…
…er fragt sich, ob er was falsch gemacht hat…
…und er wählt eine ausländische Telefonnummer!
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Montag, 20.07.2015

Die Nachrichten, dass wir Fahrzeuge abholen sollten, überschlugen sich. Also nahm Marlon einfach Judith im LKW mit, um sie bei Audi abzusetzen. Ich wollte so lange das Büro hüten. Julian fuhr mit seinem Scania V8 aus der Halle.

Dominik ließ sich die Schlüssel vom MAN geben und drehte sich in der Tür noch mal um: „Wie läuft es eigentlich?“ „Was?“ „Das Laufen.“ „Der Biss ist da, Warnschwelle auch schon höher gesetzt, aber so richtige Fortschritte mache ich die letzten zwei Wochen nicht mehr.“ „Wenn Du inzwischen routiniert läufst, achte mal auf Deine Atmung. Beim Laufen vier Schritte einatmen, einen Pause, vier ausatmen, einen Pause. Beim Gehen 3 Schritte. Dann solltest Du beim Gehen schneller wieder runter kommen und beim Laufen länger an die Grenze brauchen. Anfangs ein Bisschen lästig mit dem Koordinieren, aber das geht auch irgendwann automatisch.“ „Okay, probiere ich aus. Ciao.“ „Ciao.“

Er kam mit der Solo-Maschine problemlos und ohne Zähneknirschen aus der Halle. Wie das die Woche über mit 40 Tonnen und Handschaltung lief, war ich mal gespannt.

Als Judith mit dem Audi wieder da war, machte ich mich auf den Weg. Wenn Marlon ihr nachher noch die Papiere für die beiden Premium brachte, wollte sie heute Abend zum letzten Mal mit ihrem Nissan nach Hause und morgen das Verkehrsamt zum Rundumschlag heimsuchen.

Für mich ging es mit ungewohntem Arbeitsgerät nach Rettenmeier im Sauerland und dann weiter mit einem Trailer Formaldehyd nach Dresden. In der Baustelle bei Kassel musste ich mich ein Bisschen an die höhere Sitzposition gewöhnen.
Wenn das einmal passiert war, liebte ich das Bisschen mehr Überblick, das war auch beim Mercedes Testwagen vor ein paar Wochen so. Außerdem war der komplett ebene Kabinenboden nicht unbedingt zu verachten. Ob die Ruhe durch den weiter unten liegenden Motor nun ein Vorteil oder egal war, musste jeder für sich entscheiden. Mich störte es nicht, aber es gab nun mal Leute, denen ging der Motor auf die Nerven.

Um die Mittagszeit setzte Regen ein. Wenn der blieb, durfte ich das am Ziel mal wieder ausbaden – oder eher ausduschen. Natürlich blieb es so. Zwischen die Straße und die unfreiwillige Dusche hatte aber jemand ein Tor gebaut…

Erster Tag rum, aber schon ein 10er. Die Woche fing gut an.


Dienstag, 21.07.2015

Nach einer Nacht im Hotel hieß die nächste Anlaufstelle wieder Bosch. Ein Trailer mit verbrauchtem Kühlschmiermittel sollte bei Shell in Berlin entsorgt werden. Ich war verwundert, dass Talke auch Trailer ohne Logo auf der Seite hatte. Aber dieses auf die Niederlassung in Grimmen zugelassen Exemplar aus Edelstahl war der Beweis.

Auf dem Weg wurde immerhin das Wetter besser. So blieb ich in Berlin trocken, als ich den Tank absattelte. Um nicht gleich schon wieder stehen zu müssen schob ich eine Mittagspause bei Berliner Currywurst „ohne“ ein.
Der Streit zwischen Hamburg und Berlin als Erfinder des deutschesten Fastfood war mir allerdings egal – meine liebste Currywurst war ohnehin die aus dem Ruhrgebiet. Erwiesenermaßen nicht das Original, aber mit den Röstaromen einer Grillwurst statt fettiger Bratwurst aus der Pfanne und Cayennepfeffer statt gehackten Chilischoten für gleichmäßige Schärfe ohne auf einen ätzend scharfen Brocken zu beißen einfach unschlagbar.

Mal wieder mit einem „leeren vollen“ Trailer. Mit 5 Tonnen Styroporflakes beim Beschleunigen mit unserem PS-Meister nicht wahrnehmbar, aber voll bis oben hin, hieß das nächste Etappenziel Autohof Berg. Sobald die verschlungenen Autobahndreiecke des Berliner Außenrings überwunden waren, lief es wie von selbst in Richtung Süden.

Der Abschiedsbesuch auf Berg bestand aus einem der berühmten Schnitzel. Leider fand ich kein bekanntes Gesicht. Und zum Frühstück bleiben ging auch nicht. Mit der Restfahrzeit auf der Uhr würde ich wohl am Körschinger Forst frühstücken. Und wenn ich das nächste Mal hier vorbei kam, stand draußen ein Restaurantzelt und der Autohof war Großbaustelle mit Pächterwechsel.


Mittwoch, 22.07.2015

Gut gerechnet hatte ich, also eine Runde laufen, duschen, Müsli im Fahrerhaus anrühren und verspachteln und weiter ging es vom Körschinger Forst in Richung Süden. Dominiks Atemtrick schien zu funktionieren, auch wenn ich mich konzentrieren musste, nicht wieder unkoordiniert zu hecheln wie ein Hund.

Keine Ahnung wie oft ich das jetzt in den letzten 2 Jahren hatte, aber so eine Alpenquerung war doch immer wieder beeindruckend. Sei es der zweite Sonnenaufgang, weil die über München schon aufgegangene Sonne noch mal hinter den Bergen verschwand und später wieder hervor kam oder wie heute tagsüber die vielen Burgen und Schlösser auf beiden Seiten des Hauptkamms.

Um die Mittagszeit war ich in Mailand, kämpfte mich durch den wie immer chaotischen Verkehr und war schließlich im Hotel. Ein freier Nachmittag in einer italienischen Stadt war für mich immer wieder schön.


Donnerstag, 23.07.2015

Sich im Berufsverkehr durch Mailand zu schlagen war da schon schlimmer. Vielleicht sollten wir in solchen Städten auch in Zukunft drauf achten, dass wir erst nach dem schlimmsten los fuhren.

Schließlich hatte ich aber meinen Trailer mit Holzschutzmittel am Haken und wollte auf die Autobahn, als sich Judith meldete: „Zentrum der Arbeit!“ „Zentrum der Arbeitsverteilung! Immerhin gebe ich Dir Mitspracherecht. Aber leider nur bei der Wahl zwischen Pest, Cholera, Typhus und Malaria.“ „Klingt spannend.“ „Ab Venedig habe ich für Dich vier Optionen. Erstens Nordafrika.“ „Muss nicht unbedingt sein.“ „Zweitens Griechenland.“ „Talke?“ „Nein. Freischaffender Mittelstand.“ „Lieber nicht. Noch würde ich nicht als sicher sehen, dass wir unser Geld da bekommen. Griechenland nur für große Konzerne oder noch etwas warten, ob sich das Bankenwesen wirklich stabilisiert.“ „Wie wäre es mit Wochenende auf einem Rastplatz? Da habe ich auf halbem Weg entweder Göteborg oder La Rochelle im Angebot.“ „Bisher der angenehmste Tod.“ „Und den Abschluss macht Talke Wroclaw. Aber das dauert dann eine Stunde länger als Deine Fahrzeit mit einem 10er.“ „Das System rechnet ziemlich konservativ habe ich gemerkt. Ich nehme Wroclaw, die Zeit hole ich raus.“

Danach ließ ich, weil unsere Trucks für die Datenübertragung von GPS, Disposystem und so weiter sowieso alle einen Mobilfunkchip mit internationaler Datenflat hatten, Radio 2.0 Bracca die Regie übernehmen, sobald man sich etwas vom Sendegebiet nordöstlich Mailands entfernte, war es eigentlich ein Webradiosender.

Schließlich war das Ziel in Sicht. Noch einmal den Telepass-Doppelpiepser hören und dann in die Stadt mit so ziemlich dem großen Holzschutzmittelkonsum Südeuropas fahren.

Danach schaffte ich es noch bis Villach in ein Gewerbegebiet, bevor der Tag unbequem zu Ende war. Für morgen wollte das System noch 11 Stunden fahren, also hatte ich jetzt gerade mal 4 Minuten raus geholt, was damit zusammen hängen dürfte, dass man hier aus Mangel an Raststätten rund um den Wörthersee seine Fahrzeit auf dem Weg von der Autobahn in ein Gewerbegebiet verplempern musste.


Freitag, 24.07.2015

Auch nur eine Treppe zwischen Softwarefirma und eigenem Büro schützte nicht vor Updates ohne Ankündigung von Patchnotes. Offensichtlich hatten Bennys Jungs die Fahrzeitberechnung mal angefasst. Zur Mittagspause hatte ich immer noch 42 Minuten aufzuholen, aber schon mehr als 4 von 10 Stunden Fahrzeit verblasen.
Also war ich nicht wirklich beruhigt, obwohl ich wenigstens mit Radio Beat in Tschechien einen Classic-Rock-Sender fand, der einem die Fahrt versüßte. Ein langsam fahrender Reisebus auf der Landstraße hinter Brünn entspannte mein Zeitproblem auch nicht gerade.
Nach der zweiten Pause hatte ich noch zwei Stunden zu fahren und anderthalb auf der Karte frei. Nicht dass ich es jemals tun wollte, aber die Tricks mit denen mein lieber Kollege aus Neuss seinen Alltag bestritt, kannte ich natürlich auch.
Ich entschied mich für die Methode, die wenigstens nur ein Lenkzeitverstoß war, aber keine Urkundenfälschung oben drauf. Also nach 10 Stunden Drucker anschmeißen und weiter fahren. Am Ziel noch mal drucken und „Kein Stellplatz gefunden“ schreiben.
Wie ich ja seit kurzem wusste, fuhr Patrick auch mal eine Stunde ohne Karte durch den Ruhrpott und trug sich hinterher auf der Fahrerkarte Pause nach. Damit war vielleicht die Karte sauber, aber wenn das BAG dann auch noch den LKW-Speicher auslesen und die Zeit ohne Karte finden sollte, standen die Herren doch bald darauf auf der Matte und wollten alle Aufzeichnungen in den Archiven sehen.


Das war dann bei systematischem Vorkommen unlauterer Wettbewerb und die Behörden könnten dann auch auf die Idee kommen, die Firma abzuschließen und den Schlüssel von der Rheinbrücke zu schmeißen. Da drauf konnte ich verzichten. Wenn schon Scheiße bauen, dann wenigstens so offensichtlich, dass es mit kleinem Ärger für mich ausging und nicht mit großem für die ganze Firma.

Im Büro, wo man natürlich bei einem deutschen Unternehmen knapp 100 Kilometer hinter der deutschen Grenze keine Fremdsprache brauchte, fragte ich daher: „Kann ich meine Zugmaschine hier lassen? Ich bin schon über die Zeit.“ „Ja, hinter dem Lager für die Bigpacks sind Stellplätze. Wenn Du sie waschen willst, direkt an der Einfahrt ist ein Waschplatz. Und ein Zimmer hat Deine Disponentin auch reserviert, in dem Gebäude daneben. Für offizielle Subunternehmer 10 Euro Unkostenbeitrag die Nacht. Kantinenkarten mit Mitarbeiterrabatt gelten hier auch.“ „Habe ich leider keine.“ Aber der Hinweis war gut, da mussten wir mal in Hürth nachfragen.
Den LKW setzte ich dann aber trotzdem ohne Fahrerkarte um an den Waschplatz und schließlich auf den Parkplatz. Bei zweimal unter 3 Minuten Fahrzeit mit maximal 20 km/h konnte schlecht was illegal transportiert worden sein, das war so offensichtlich Werkstatt-Rangieren, dass da im Normalfall keiner nach fragte. Ich packte meine Sachen und ging auf das Zimmer.
Es war ein Einzelzimmer mit Ikea-Charme, aber preiswert und immerhin deutlich größer als das eigene Fahrerhaus auf dem Weg nach Göteborg oder La Rochelle. Ich ging erst einmal in die Kantine und dann in den Aufenthaltsraum. Es waren sogar ein paar bekannte Gesichter aus meiner eigenen Zeit bei Talke dabei, also ein paar Truckergesprächen stand nichts im Wege.



Montag, 27.07.2015

Wroclaw hatte nicht wirklich viel zu bieten, aber bevor ich in dem Zimmer in der Talke-Niederlassung herum sitzen musste, nutzte ich wenigstens die Zeit mit schönem Wetter, um etwas herum zu laufen. Ansonsten verkürzte mir mal wieder George R.R. Martin mit seinem epischen Lied von Eis und Feuer die Zeit.

Der Vorteil dieser Unterkunft war, dass ich am Montag einen kurzen Weg hatte. Nach dem Duschen und einem Frühstück in der Kantine machte ich mich auf den Weg in die Dispo, holte meine Papiere und den Stellplatz vom Trailer und setzte schließlich meinen Franzosen in Bewegung.
Montagmorgens war gefühlt jeder zweite LKW in Wroclaw von Talke. Auf der Straße nach Prag war eine Baustelle. Der Kollege, der kurz vor mir vom Hof war, kam noch durch, ich musste an der Ampel warten.

In Prag wurde der Verkehr ein Bisschen dicker. Das Etappenziel bis auf die A6 zum Autohof Schwabach war dadurch aber nicht gefährdet. Mit Antenne Bayern gab es auch bald wieder einen verständlichen Radiosender.

Der Berufsverkehr bei Nürnberg bremste mich auch noch einmal aus. Schwabach erreichte ich zwar, aber die Plätze waren alle voll. Also blieb mir nur, wieder auf die Autobahn zu fahren und mir noch ein verzweifeltes Plätzchen auf der wenige hundert Meter danach gelegenen Raststätte Kammersteiner Land zu suchen.


Dienstag, 28.07.2015

Weil ich schon um 6 wieder aufbrach, war es aber nicht weiter wild, dass ich ein Bisschen im Weg gestanden hatte. Etliche Fahrer suchten gerade erst ihre Lebensgeister zusammen, als ich auf die Autobahn fuhr.

Auch der zweite Tag der Woche hatte Stau zu bieten. Es waren Ferien und an der Grenze zur Schweiz trafen die Badeurlauber fürs Mittelmeer und die Wanderurlauber für die Alpen auf die Fernfahrer, die hier über die Grenze mussten.

In Zürich wechselte ich Talke-Tank gegen einen Tieflader mit alten Traktoren, die nach Rotterdam und da aufs Schiff sollten. Nachdem sie jahrelang die Schweiz beackert hatten, würden sie demnächst wohl Afrika oder Indien umpflügen.

Leider durfte ich mit dem Mistding nur 70 fahren. In Frankreich versuchte ich erst mal, mir die Zeit mit Radio Metal zu verkürzen. Ich war gespannt, wie es sich anhörte, wenn die versuchten, ihre Französischquote zu spielen. Der Sender war mir aber dann doch zu krass, meine Metal-Stile waren eher Progressive, Symphonic oder Power – das kam mir hier aber zu kurz. Also eine Ladung Kuschelweich ins Radio und auf RTL Deux gewechselt.

Der Tag endete früh, denn die Zeit bis zum Schiff war knapp. Ich ging eine Runde joggen und dann in die Koje. Nach 9 Stunden Standzeit wollte ich weiter.


Mittwoch, 29.07.2015

Es war mitten in der Nacht, als ich den 520 dXi wieder anwarf. Durch die Nacht fuhr ich weiter in Richtung Belgien. Noch tief in der Wallonie färbte die Sonne den Horizont langsam hell.

Auch heute stand Stau auf dem Programm, denn ich musste am Morgen schon in Rotterdam sein. Brüssel klappte noch, aber Berufsverkehr Rotterdam gab es dafür volle Breitseite.

Mit einem Tank voll Benzol ging es noch bis hinter Amsterdam auf einen Parkplatz. Hier durfte ich wieder nur 9 Stunden schlafen, wollte ich rechtzeitig in Berlin sein. Deshalb fing der Donnerstag am Mittwoch an. Schon abends mussten die Räder wieder rollen. Einsam ging es die kommenden 9 Stunden durch die Nacht.


Donnerstag, 30.07.2015

Einsame Nachtfahrten waren bei mir noch nie eine gute Idee gewesen. Es war gegen halb 2 hinter Hannover, als die Sache außer Kontrolle geriet.

Meine Gedanken sprangen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Unser Betrieb war noch klein, aber wir wollten wachsen. Wollte ich mitwachsen? War die Zeit nicht schön gewesen, als ich für mich alleine herum gefahren war? Einfach tun konnte, was ich wollte? Fahren konnte, wohin ich wollte? Keine Judith, die mich durch die Nacht schickte? Keine Verantwortung für Angestellte?
Okay, die Zeiten waren manchmal hart. Aber ich hatte es geschafft, eine neue Halle und einen zweiten LKW einzufahren. Da hätte ich mir stattdessen auch locker einen schönen, eigenen Truck aufbauen und zum stärksten 13-Liter-Motor greifen können.

Ich hatte immer den Classic British Style der freien Trucker und kleinen Speditionen da drüben bewundert, als ich für BP gefahren war. Altmodische Schriftschnitte mit Schattenspiel in einer anderen Farbe, dicke Zierbalken in anderer Grundfarbe entlang der Blechkonturen, auf der Hauptfarbe die Kanten und Falten mit dünnen Linien nachgezogen und in die entstehenden Felder aufwändige Ornamente gemalt – dazu wie jetzt auch dezente Lichtanbauten.
Mochten andere Fahrer auf German Oldschool a la Schubert mit Frakturschrift und Tatzenkreuz oder Dutch Style mit haufenweise Chrom und einem Weihnachtsbaum von der Stoßstange bis an den Dachspoiler stehen. Meine Traumtrucks sahen anders aus.
Ich hätte wohl doch besser im Winter den Absprung nach Großbritannien nehmen sollen. Oder konnte ich mich immer noch darüber mit Julian und Marlon einigen? Vielleicht konnte ich meinen Ausstieg so planen, dass sie mich nicht komplett auf einmal auszahlen mussten. Dann konnten sie die Firma weiter betreiben und mussten keine Stellen abbauen und LKW verkaufen, wenn ich ausstieg.

Dann kam aber wieder die Erinnerung an die turbulente Zeit um Weihnachten. Hatte ich mich nicht gerade wegen der Verantwortung gegen die Insel entschieden? Julian und Timo hatten mich geradezu angefleht, hier zu bleiben. Wollte ich solche Freunde jetzt doch enttäuschen, um mein Glück wieder als Einzelkämpfer zu versuchen? Außerdem – wollte ich wirklich in ein Land, in das man zurzeit sowieso nur unter finanziellen Verlusten einwandern konnte?
Apropos „Einwandern“ – so ganz sicher war der dann regelmäßig anzutretende Weg übers Wasser mit all den Illegalen in Calais auch nicht eben.
Und als ich vor Weihnachten den Plan zusammengebaut hatte, gab es die Hoffnung auf Luke. Der hatte dann seinen Cousin während meines geheimen Weihnachtsbesuchs umarmt, worauf ich ihn per Missverständnis endgültig abgeschrieben hatte.
Er hatte noch versucht, mich danach zu erreichen, aber das hatte ich auch so vermasselt, dass nun er mich abgeschrieben hatte. Auch wenn ich dafür wohl wieder nach ihm greifen wollte. Und laut Keith war er auch wieder zu haben.

Über all diese ergebnislosen Gedankenspiele im Kreis erreichte ich Berlin und lieferte den Tank bei ENI ab. Jetzt hatte Judith noch nichts, um mich nach Hause zu holen, wo ich aber für die kommende Woche auf einen Miet-Truck wechseln musste. Ich sollte mich aber für den Abend bereithalten.
Also fuhr ich mit der Zugmaschine in ein Gewerbegebiet und legte mich erst einmal ins Bett. Am späten Mittag wurde ich wach und holte mir erst einmal an der Tankstelle nebenan die Schlüssel für die Dusche und anschließend ein Frühstück im Cafe.

Weil ich wenig Lust hatte, durchs verregnete Berlin zu laufen, nahm ich all meinen Mut zusammen und wählte eine britische Telefonnummer. „Hallo?“ „Hallo Luke, Ricky hier.“ „Ricky? Mit Dir habe ich am wenigsten gerechnet.“ „Das habe ich gemerkt, wenn Du nicht einmal meinen Namen im Display abliest.“ „Da stand auch nur eine deutsche Nummer. Nach unserem letzten Gespräch habe ich Dich gelöscht.“ Okay…
„Was willst Du?“
„Ich wollte mal hören, wie es Dir geht.“ „Hat Keith den Mund mal wieder nicht halten können? Komm bei Deiner Vorliebe für passende Textzeilen zur passenden Zeit bloß nicht auf die Idee, im Hintergrund Stevie Wonders „I just call to say I love you“ laufen zu lassen.“ Klatsch – nasser Waschlappen nach einer Minute, bevor ich überhaupt vorsichtig in diese Richtung vorfühlen konnte.
„Ja, ich bin Solo. Nein, ich bin es nicht wegen Dir und nicht für Dich. Ich weiß nicht was ich will, ich weiß nicht wen ich will und ich weiß nicht, wie ich mal wieder jemanden wollen kann. Ich weiß nur, wen ich nicht will und dass ich demjenigen die Misere auch noch zu verdanken habe. Und jetzt lass mich in Ruhe, bevor ich auf die Idee komme, Dir Frank Zappa vorzuspielen!“

Aufgelegt. Auch das war wieder eine klare Ansage, Frank Zappa natürlich in Anspielung auf dessen Hit „Bobby Brown goes down“ und die Unfähigkeit der Hauptfigur, aufgrund der gemachten Erfahrungen (allerdings im Liedtext anderer Natur) Beziehungen einzugehen genauso wie die Auflegen-Taste. Nur der Verantwortliche hieß ausgerechnet Freddy, was die „andere“ Kurzform des Namens Frederic war, von dem sich auch mein Eric ableitete. Also ein Grund weniger für die Insel. Blieben immer noch genug. Aber erst einmal das Vaterunser auf mein Handy anwenden. „Und führe mich nicht in Versuchung.“ Kontakte – Luke Leighton – Kontakt löschen. Akte geschlossen, jetzt aber so was von sicher!

Als Judith mich gegen 16 Uhr anrief, hatte die Sonne sich wieder raus gewagt und ich machte gerade einen unromantischen Spaziergang durch das Industriegebiet, passend zu meiner derzeitigen Verfassung. „Heute Abend wird eine Strabag-Baustelle aufgelöst. Es gibt einen Trailer mit einem Bagger nach Dortmund. Den habe ich für Dich gezogen. Sie wollen gegen Mitternacht die Sachen verladen haben und bereit zur Abholung. Hast Du morgen früh Feierabend.“ In der Tat, dann sollte ich gegen 9 Uhr zu Hause sein.


Freitag, 31.07.2015

Auch diese Nachtfahrt kreisten meine Gedanken, allerdings auf dermaßen wirren Bahnen, dass nichts Zielführendes dabei heraus kam. Endlich wurde es hell, da war ich schon weit hinter Hannover.

Ich hatte schon ganz gut gerechnet. Zwar war ich erst nach 1 los gekommen, aber dafür eben um 20 nach 10 auf dem Hof. Ich machte den LKW sauber und ging kurz ins Büro. Judith war fleißig bei der Arbeit. Ich schickte Dominik noch eine E-Mail, dass wir uns kommende Woche mal zusammensetzen wollten, um seine erste Hälfte der Probezeit zu besprechen. Kopie an Judith für die Dispo.

Dann ging ich in die Wohnung und ins Bett, immerhin war ich schon seit gestern Mittag auf den Beinen und hatte am Abend vor der Abfahrt nur noch mal kurz vor mich hin gedöst. Als ich aufwachte, war Timo mitsamt Ford Focus verschwunden, normalerweise tauchte er auch nicht vor Sonntagabend wieder auf. Julian würde sich am Wochenende in England herumtreiben. Also das Wochenende auch noch alleine mit wirren Gedanken. Das konnte ja nicht gut gehen.

Ich fuhr aber erst mal mit dem Zug nach Düsseldorf und holte mein Arbeitsgerät für die kommende Woche nach Bochum.

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