Diese Woche…
…bekommt Ricky eine kalte Dusche…
…eine Stimme vom Band spricht walisisch…
…und Judith sucht sich eine neue Aufgabe!
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Samstag, 15.08.2015
„Ricky?“ „Ja. Ich bin es.“ „Bitte leg nicht auf!“ „Ich habe angerufen. Das ist mein Text.“ Verlegenes Lachen beiderseits. „Luke, bitte entschuldige, dass ich Dir am Donnerstag nicht zugehört habe.“ „Warum rufst Du jetzt an?“ „Weil wir uns über viele Dinge unterhalten sollten. Wir haben Fehler gemacht. Vor 8 Jahren schon, aber vor allem in den letzten 8 Monaten. Und ich noch einen in den letzten 48 Stunden.“ Er war zurückhaltend und stellte die Frage aller Fragen: „Was erwartest Du davon?“ „Ich weiß es nicht. Das kommt ja auch auf Dich an. Aber irgendwo tief in mir erhoffe ich mir viel.“
„Am Donnerstag hattest Du unser Freizeichen. Bist Du immer noch in Großbritannien?“ „Ja, ich sitze gerade in meinem Hotel am Rand von Neath.“ „Dann lege ich jetzt zwar auf, aber buche mir ein Hotel – bewusst nicht das gleiche wie Du, einfach eins im Zentrum, wenn Du am Rand bist – und ein Zugticket nach Neath. Wir sollten persönlich sprechen, wenn wir die Gelegenheit haben. Bei so einem emotionalen Thema ist das besser als das Telefon.“ „Okay.“ „Ich schicke Dir meine Zugverbindung. Bis nachher.“
Nach knapp einer Stunde kam eine Whatsapp-Nachricht: „13:30 FGW HST“. Gut, dass ich mal hier gewohnt hatte und selbst oft genug mit „Worst Late Western“ gefahren war, um dieses kryptische Kürzel entziffern zu können. Das war in knapp 4 Stunden. Wie würde unser Zusammentreffen ausgehen?
Vorgestern am Telefon sah die Welt noch ganz anders aus. Aber am Ende hatte mir mein Herz, wie von David vorhergesagt, gezeigt, dass Luke der richtige war. Wahrscheinlich schickte mir das Schicksal seine Ratgeber in Form von jungen Kerlen, weil ich mit graubärtigen Klischee-Weisen sowieso nicht so tiefgründig ins Gespräch kommen würde. Deren Probleme drehten sich um Themen, die mich meistens nicht interessierten und warum sollte ich dann über meine reden?
Die jungen Leute sprachen wohl einen Beschützerinstinkt in mir an, der mich ihnen zuhören ließt und dann aber am Ende dazu brachte, mich auch ihnen gegenüber zu öffnen. Auch von meinen Kollegen sprach ich mich über private Sachen lieber mit Julian und Timo aus, obwohl mir Marlon altersmäßig näher wäre. Und das lag sicherlich nicht nur dran, dass die beiden jüngeren mit mir in der WG waren. Marlon wäre nur einen Telefonanruf oder auch persönlich 15 Minuten mit dem Auto entfernt.
Zwar waren all die schönen Erlebnisse mit Chris zurzeit noch präsenter und vorgestern wieder hoch gekocht, aber viele Erlebnisse mit Luke waren intensiver gewesen. Der Höhepunkt unseres später zu eintönigen Wanderprogramms war zum Beispiel die erfolgreich absolvierte Three Peaks Challenge. Während dieses Wochenendes waren wir sowohl im Gelände als auch mental durch so viele Täler und auf so vielen Höhen gelaufen, dass ich bis heute Gänsehaut davon bekam.
Aber es gab im Rückblick auch sonst doch so viele kleine Erlebnisse in unserem Alltag, die uns verbunden hatten, aber die ich damals nicht wahrgenommen hatte. Und am Ende hatte ich ihn verlassen, aber nicht mal als ich ihn dermaßen vor den Kopf gestoßen hatte, wurde er darüber ausfallend.
Bei Chris hatte ich so etwas nicht gefunden. Wir hatten uns zufällig kennen gelernt, waren mit einem großen Knall zueinander gekommen, hatten uns heftig geliebt, über eine Banalität zerstritten und im Streit getrennt.
Als ich heute morgen in meinem Durcheinander an Gefühlen lag, ließ Chris mich am Ende total kalt, während die Liebe zu Luke immer noch in mir brannte. Vermutlich hatte sie nie aufgehört, aber Björn und Chris brannten zwischendurch einfach heller.
Nervös stand ich auf dem Bahnsteig im Nieselregen. Der Lautsprecher knackte, dann kam die Ansage aller Ansagen: „Mae’r trên yn cyrraedd blatfform dau yw’r 13:30 Trên Cyflymder Fawr First Great Western o Paddington Llundain i Abertawe gawl yn Abertawe – The train to arrive at platform two is the 13:30 First Great Western High Speed Train from London Paddington to Swansea, calling at Swansea.“
Ich wurde immer aufgeregter, als der dunkelblaue Zug mit der gelben Nase um die sanfte Kurve rollte, das Band der dunkelblauen Wagen mit den pinkfarbenen Türen immer langsamer an mir vorbei zog und schließlich stehen blieb.
Natürlich stand ich falsch, Luke kam einige Wagen weiter vorne aus dem Zug. Als wir aufeinander zugingen, hatte ich ein heftiges Flattern in der Magengegend. Und das kam garantiert nicht von den Vibrationen der Diesellok, die gerade unter voller Last an mir vorbei pfiff und den ausfahrenden Zug in Richtung Swansea schob. Und er konnte sich noch so sehr anstrengen, normal zu wirken. Er war nervös, extrem nervös. Und dass ich ihm das noch ansah, fand ich ein gutes Zeichen. Denn dann hatten wir uns wohl nicht so weit voneinander entfernt, dass eine Fassade die echten Gefühle überdecken konnte.
„Hallo Ricky!“ „Hi Luke!“ Was eine banale Begrüßung nach den Gefühlsregungen der vergangenen Stunden und Tage. Er brachte seine Tasche ins Hotel direkt am Bahnhof und trotz des Wetters beschlossen wir, am River Neath entlang spazieren zu gehen anstatt uns in ein Cafe zu setzen. Unterwegs waren wir bei dem Wetter auf jeden Fall ungestört. So ein Regen konnte ja auch etwas Reinigendes haben. Und wir hatten aus der Vergangenheit eine Menge abzuwaschen.
„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ „Wie wäre es da, wo zum ersten Mal was schief gelaufen ist?“ „Also vor über 8 Jahren?“ „Dann wird das eben ein langer Spaziergang.“ Gestatten, Lucas Leighton, Brite mit knochentrockenem Humor auch im strömenden Regen. Ich grinste kurz, was er natürlich merkte. „Was ist?“ „Das war einfach eine Antwort, wie sie nur von Dir kommen konnte.“
„Was ist denn damals Deiner Meinung nach schief gelaufen?“ „Die Routine.“ Ich erzählte ihm, wie mich unser immer gleiches Programm gelangweilt hatte. Dass ich dann Björn am Flughafen getroffen hatte, der so viele Regenbogenabzeichen trug, dass es gar keinen Zweifel geben konnte, dass er schwul war und ein Abenteuer gewittert hatte, nachdem wir ins Gespräch gekommen waren. Dass wir übers Handy Kontakt hielten und ich Björn das nächste Mal traf, als ich ohne Luke zum Geburtstag meines Schwagers gefahren war, weil er krank war. Dass Björn danach, wenn er als Eisenbahner seine Wochenenden an Werktagen hatte, Billigflieger sei Dank nach Großbritannien kam, um mich unterwegs zu besuchen und wie er mich schon da und auch später, als wir zusammen in Deutschland waren, immer wieder und wieder überraschen konnte, sowohl mit Freizeitaktivitäten als auch im Schlafzimmer. Dass da ein Vierteljahr was parallel gelaufen war, wusste Luke ja sowieso schon von meinem Abgang damals. Nur nicht warum.
„Und ich dachte, nach den stressigen Wochen auf Tour wäre es das beste, einfach am Wochenende mal Ruhe und einen regelmäßigen Ablauf einkehren zu lassen.“ „Das war auch manchmal schön. Wir hätten es aber nicht als selbstverständlich ansehen und immer wieder durchziehen sollen, sondern mal darüber reden müssen. Vor allem ich hätte das tun müssen, der ja was anderes wollte.“
„Ja. Ich hatte das alles nicht als langweilig betrachtet. Für mich brach deshalb eine Welt zusammen, als Du weg bist.“ „Ich weiß. So ging es mir ja später auch. Mit Björn war ich sogar länger zusammen als mit Dir. Und dann sagt er mir plötzlich, dass er nach München zieht und da vor einem halben Jahr jemanden in seinem Alter kennen gelernt hatte. Da habe ich verstanden, was ich Dir angetan hatte.“
Ich war sichtlich aufgekratzt. Luke nuckelte schon seit wir los gegangen waren ab und zu an seiner E-Zigarette rum. „Du bist ja nervös wie noch was. Wenn Du Toffee magst und mal probieren willst, nimm einen Zug und komm mal runter. Ist aber eine 18er drin, also wirklich nur einen Zug, wenn Du nicht inzwischen regelmäßiger Raucher bist. Und nur wenn Du willst. Ich habe nicht vor, Dich hier zu irgendwas zu verleiten.“ Er hielt mir die E-Zigarette rüber.
„18er?“ „18 Milligramm Nikotin je Milliliter Flüssigkeit. Das ist schon ziemlich hartes Zeug. Normal habe ich 9er oder wenn es stressig wird 12er, habe eine Zeit lang ziemlich viele Zigaretten geraucht, da bin ich dank dem Ding wenigstens wieder runter. Nicht dass Nikotin gesund wäre, aber wenigstens spart man sich das ganze angebrannte Unkraut drum herum.“ „Okay, danke.“ Ich griff nach der Zigarette 2.0. „Aber Du musst vorsichtiger ziehen als an einer normalen, sonst saugst Du Flüssigkeit an. Das gibt ein komisches Gefühl auf der Zunge und ist bei der 18er auch sonst nicht gerade gesund.“
In der Tat war die Nikotindosis heftig, aber es wirkte natürlich und ich wurde ruhiger. Allerdings hatte die Sache auch einen Fehler: im Gegensatz zu Zigaretten, die ich meistens eher aus einer Art Gruppenzwang geraucht hatte, schmeckte es besser. Es schmeckte eigentlich richtig gut, nur nach Nougat und Karamell, aber wirkte wie eine Zigarette.
„Aber verstanden, was Du getan hast, hast Du bestimmt nicht. Du weißt zwar, dass unter der damals frechen Schale ein viel sensiblerer Mensch steckte, als ich den Eindruck mit meinem punkigen Aussehen erweckt habe. Aber die Beziehungsangst, die ich danach hatte, kannst Du Dir nicht vorstellen. Das habe ich beim letzten Mal nur angerissen.“
Er erzählte mir dieses Mal in aller Tiefe, wie sehr er gelitten hatte. Sobald er jemand neues kennen lernte, bekam er Angst vor dem Ende einer möglichen Beziehung, noch bevor sie beginnen konnte. Ich hörte stumm zu, was sollte ich auch sagen? Er konnte den Anblick von schwulen Paaren nicht ertragen, brach seine sozialen Kontakte ab, mauerte sich ein und verbrachte seine Wochenenden zu Hause, oft mit Bier. Einziger regelmäßiger und freiwilliger Kontakt war sein Cousin Ben, mit dem er sich meistens über Skype schrieb, nachdem der zur See fuhr. Und den Fußball gab es noch. Er war wieder bei der Cardiff City Soul Crew aktiv geworden. Auch das war in meinen Augen aber nicht erstrebenswert.
Realistisch betrachtet balancierte er damals am Rande eines Alkoholproblems herum. Wenn er sich nicht zu Hause mit Bier langweilte, war er mit seinen Ultras unterwegs, wo Cardiff spielte und machte dort Randale. Ich war schockiert.
Als er bei BP raus flog, nachdem die Beteiligung an der Raffinerie verkleinert und schließlich ganz verkauft wurde, kam er zu der kleinen Spedition bei Cardiff. Es war ein Kollege um die 60 Jahre, der ihn schließlich knackte. Das war alles Zufall. Dieser Kollege war für die Lackierung der Fahrzeuge verantwortlich, bekam die neue Sprühpistole nicht richtig eingestellt und deshalb keinen glatten Farbauftrag hin.
Davon, dass Luke mit Sprühpistolen und vor allem Sprühdosen schon als 17-Jähriger umgehen konnte, trug unter anderem ein Brückenpfeiler bei Llanelli möglicherweise bis heute, 16 Jahre nach der Missetat, immer noch Zeugnis.
Aber zu unserer gemeinsamen Zeit hatte er, wenn ich bei schlechtem Wetter mal mit Keith an dessen Modellbahn bastelte, mit der Airbrush Bilder auf Kartonplatten gemalt. Eins hatte ich sogar noch im Lagerraum, sein Geschenk zu meinem 25. Geburtstag, da waren wir gerade mal ein paar Monate zusammen.
Er stellte jedenfalls dem Kollegen Luft und Farbe an der Pistole richtig ein und machte erstmals in der Firma etwas anderes als vom Eingang via Dispo in die Garage zu rauschen, einen LKW zu fahren und am Freitag direkt nach dem Feierabend kommentarlos zu verschwinden.
Der Kollege, von allen anderen in der Firma nur „Old Matthew“ genannt, brachte ihn dazu, die Lackierungen an den Fahrzeugen zusammen mit ihm auszubessern und die beiden Neufahrzeuge, die in der Zeit vor der Pleite noch rein kamen, zu lackieren. Beim Abkleben, Lackieren von Flächen, Airbrush und Freihandmalen von Bildern, Mustern und Zierlinien kam Luke dann zu der Erkenntnis, dass sich was ändern musste, er mich vergessen musste.
Wäre die Spedition nicht in den Konkurs geschlittert und hätte er dann nicht mich getroffen und ich ihn in seiner Verzweiflung an Keith vermittelt, wo ich natürlich als permanenter Schatten in seinen Gedanken präsent blieb, wäre er vielleicht wieder in ein normales Leben gekommen. Aber so hatte er wieder diese ständige Erinnerung an mich. Bis Weihnachten, wo wir bereits bei seinem „Vorstellungsgespräch“ im Februar drüber gesprochen hatten, wie wir uns da aneinander vorbei in der Kneipe in Newport und vor der Haustür seiner Eltern falsch interpretiert hatten.
„Mark war aber auch eine Enttäuschung. Ich war wohl eine Herausforderung für ihn, weil ich niemanden an mich ran ließ. Als er mich erobert hatte, fing er an, den nächsten als unnahbar geltenden Typen anzugraben. Wieder auf die Schnauze gefallen, dieses mal mit einem Trophäensammler! Deshalb habe ich ihn ziemlich öffentlichkeitswirksam in die Wüste geschickt und so wenigstens seine nächste Tour vermasselt.“
„Öffentlichkeitswirksam?“ „Zumindest an dem Abend kam „Szenekneipe“ mal von „eine Szene machen“. Der ist in Sheffield und Umgebung als einer verbrannt, der seine Eroberungen nach ein paar Mal im Bett fallen lässt. Sein neues Opfer war auch da und hat ihm gleich die nächste gemacht.“ So gemein kannte ich ihn noch gar nicht. Aber das war wohl das erste mal, seit ich mit ihm Schluss gemacht hatte, dass er mal wieder so richtig Rückgrat in Beziehungssachen bewiesen hatte.
„Und an Zufälle glaube ich nicht. Wenn Du Dich kurz danach bei mir meldest, um zu fragen, wie es mir geht, nachdem Du mich 8 Jahre und 4 Monate lang ignoriert hast, war was im Busch. Was wolltest Du da wirklich von mir? Hand aufs Herz.“
„Darf ich noch mal, bitte?“ Ich ließ mir noch mal die E-Zigarette geben. Jetzt kam die Gegenwart näher und die hatte mich in den letzten Tagen schon nervös genug gemacht.
„Ich kann Dir nicht sagen, was ich wollte, weil ich es noch nicht wusste, als ich angerufen habe. Aber mit vorsichtig vorfühlen, wie gut meine Chancen bei Dir sind, hast Du bestimmt nicht so weit daneben gelegen.“ „Ach?“ „Die Erkenntnis habe ich schon seit ein paar Wochen. Ob ich schon da damit raus gerückt wäre, weiß ich nicht. Aber unser Freund Keith scheint ja einmal in seinem Leben was für sich behalten zu haben. Natürlich genau dann, wenn ich den Hintergedanken habe, dass diese Information Dir auch mal zu Ohren kommen dürfte. Denn dem hatte ich es schon verraten. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es der größte Fehler in meinem Leben war, dass ich Dich habe sitzen lassen und ich den rückgängig machen wollte. Aber das hast Du ja in unter einer Minute erfolgreich abgeblockt.“
„Und bald danach bereut. Aber als ich am Donnerstag bei Dir angerufen habe, war es ja aus meiner Sicht zu spät und ich hatte den Eindruck, jetzt alles vermasselt zu haben und dieser Chris wäre mir zuvor gekommen, dich zurück erobern zu wollen und hätte es auch noch geschickter angestellt als ich. Immerhin hattest Du mit ihm so lange telefoniert, dass es gereicht hatte, mich zweimal zur Mailbox umzuleiten und ihn nicht sofort weggedrückt.“ „Der hat sich zumindest am Telefon nicht so angestellt wie Du. Dafür im Winter bei seinem Abgang so richtig um sich geschlagen – mit Worten. Aber jetzt weißt Du, was ich wollte, als ich vor 2 Wochen angerufen habe: Dich!“
Wir waren dann doch ordentlich nass und nach über zweieinhalb Stunden „Spaziergang“ im Regen wieder in Neath. „Ich glaube, den Tag muss ich erst einmal verarbeiten. Lass uns morgen weiter sprechen, okay? Ich fange an, Dich damals zu verstehen. Und seit wir uns letztes Frühjahr in Cardiff gesehen haben, sind wir wirklich saudämlich umeinander her gestolpert.“ „Okay. Ich hole Dich mit dem Auto ab. 9 Uhr?“ „Gut. Bis morgen. Bye.“ „Bye.“
Ich holte meinen Clio am Bahnhof, fuhr zum Hotel, hing die nassen Sachen auf und stieg erst einmal in die heiße Badewanne.
Sonntag, 16.08.2015
Wie vereinbart holte ich Luke an seinem Hotel ab. Wir fuhren in Richtung Cardiff, weil wir uns da gut auskannten und es viele Möglichkeiten gab. „Wohin?“ „Keine Ahnung. Nicht unbedingt Innenstadt. Später vielleicht.“ Also fuhr ich in die Valleys nach Caerphilly. Wir sahen uns die Burgruine an. Es war natürlich schon fast 10 Jahre her, dass ich das letzte mal hier war.
In dieser Touristenattraktion kam aber unsere Unterhaltung nicht in Gang, egal in welcher der drei möglichen Sprachen. Okay, deutsch würde sie sowieso nicht in Gang kommen, weil Luke das einfach ziemlich verlernt hatte und weder fließend noch richtig hin bekam und es für beide anstrengend war. Aber auch Englisch und Walisisch wollten nicht, zumal ich mir für so eine wichtige Unterhaltung auch nicht mehr sicher genug auf Walisisch war.
Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Was ist?“ „Ich wollte gerade vorschlagen, dass wir über den Bergkamm ins Nachbartal nach Pontypridd wandern und mit dem Zug über Cardiff zum Auto zurückkommen können. Aber Du hast mir ja gestern gesagt, dass damals unsere Beziehung kaputt gegangen ist, weil wir zu viel gewandert sind.“ „Nun. Siehst Du irgendein Risiko, dass durch Wandern derzeit eine kaputt gehen könnte?“ „Ich merke, dass Deine Antworten auch immer noch so britisch sind, als wärst Du nie hier weg gewesen.“
„Wie viel Zeit haben wir eigentlich? Wann musst Du zurück nach Sheffield?“ „Morgen Abend. Ich habe verlängertes Wochenende. Das vorherige war keine 45 Stunden lang. Ich bin erst Dienstagmorgen eingeplant.“
Wir machten uns in der Tat auf den Weg ins Nachbartal. Immerhin war es trocken, allerdings ohne Garantie, dass das so blieb.
„Und jetzt verrat mir bitte, was zwischen dem abgewürgten Anruf am Donnerstag und gestern Morgen passiert ist. Dein Anruf war das letzte, womit ich gerechnet habe.“ „David ist passiert. Gut, dass wir wieder 3 Stunden Zeit haben.“
„Der Anruf von Chris war sehr emotional, weil er sich so versöhnlich gegeben hatte und von wieder entdeckter oder nie erloschener Liebe geredet hatte. Unsere Differenzen waren halt auf beruflicher Ebene. Und dann kam Dein Anruf direkt danach. Auf Dich war ich noch wütend, weil Du mich beim letzten Mal provoziert und weggedrückt hast. Nach den zwei Anrufen brauchte ich eine Pause.“
Es folgte die Geschichte mit David, dem ich unter höchstem Risiko geholfen hatte, indem ich ihn mitgenommen und ihm bei seinen Problemen zugehört hatte. Dass ich dann durch Musik verraten hatte, dass ich selbst wohl auch Probleme haben musste.
„Ja, Du und Deine Musik. Das war schon immer faszinierend. Ich habe nie in meinem Leben jemanden kennen gelernt, der seine Stimmung so extrem gut mit Musik ausdrücken kann wie Du. Oder die Stimmung von anderen Leuten mit Musik beeinflussen kann. Du hättest Musiker werden können.“ Hörte ich da ein leises Schwärmen?
„Ich habe ihm dann quasi mein Liebesleben der letzten 11 bis 12 Jahre erzählt.“ „Einem Jungen, der noch keine 17 ist? Bisschen wenig Lebenserfahrung, oder?“ „Ich hatte einen Zuhörer, das hat gereicht. Er hat am Ende aber einen Ratschlag mitgegeben, den ein Philosophieprofessor nicht besser hätte sagen können. Ihr hättet mir beide was bedeutet. Ihr hättet mich beide verletzt. Ob ich für Euch beide was empfinde, mit Euch beiden nur die Einsamkeit vertreiben wollte oder einen von Euch beiden liebe, könnte mir nur mein Herz beantworten. Es wäre der beste Ratgeber, den ich hätte.“ Luke sah mich erstaunt an: „16 Jahre sagtest Du?“ „16 Jahre! Und 10 Monate, um genau zu sein.“
„Am Abend war ich fix und fertig und bin eingeschlafen, aber am nächsten Morgen dafür früh wach. Ich habe nur gelesen, aber dann nahm wieder mal die Musik die Kontrolle, mit zwei Liedern hintereinander, wie ich selbst sie nicht besser hätte anspringen können. Das eine Lied kennst Du wahrscheinlich nicht mehr, ist deutsch und war nur eins von tausenden ohne Bedeutung in der Playlist damals.“
„Hast Du Deinen MP3-Player mit? Dann spiel es mir doch vor.“ Ja, den hatte ich in der Tasche. Wie Jugendliche steckten wir uns jeder einen Ohrstecker ein und ich wählte „Flugzeuge im Bauch“ von Oli P. an.
„Am liebsten hätte ich mein Herz von Euch beiden zurück gefordert. Von Dir, weil wir am Telefon zweimal nach unter einer Minute im Streit aufgelegt hatten und ich jetzt wirklich keine Basis mehr sah. Von Chris, weil er mich im Winter doch sehr gekränkt hatte, indem er den Glanz von schweren LKW über unsere Liebe gestellt hatte. Aber dann kam das hier als nächstes.“
Nun sprang ich „Learn to love again“ von Lawson an. „Und da wurde mir wieder klar, was ich vor unseren beiden telefonischen Unfällen schon Keith gesagt hatte. Es war der größte Fehler, Dich zu verlassen und ich müsste endlich versuchen, ihn zu korrigieren. Auch wenn der Kopf, der einfach nur einsam war seit dem Winter, mir nach den vergangenen Tagen was anderes sagen wollte. In meinem Herzen gab es Dich immer noch und nur Dich. Danach habe ich mein Handy genommen und Dich auf der Nummer, die noch im Speicher war, angerufen. Den Rest kennst Du.“
Wir trennten wieder unsere Ohrstecker-Verbindungsleine und ich steckte das Gerät weg. „Und was erwartest Du jetzt von mir? Dass ich Dir jubelnd um den Hals falle und es wird wie früher?“ „Ich weiß es nicht. Ich hoffe irgendwas in die Richtung. Aber ich habe auch etwas Angst davor. Es sind 8 Jahre vergangen. Wir sind nicht mehr die gleichen Leute wie damals. Ich weiß ja selber nicht, ob das noch funktionieren kann.“
„Dann sind wir uns zumindest da einig. Seit 8 Jahren zum ersten mal. Ich habe auch Angst, dass wir uns jetzt in eine Sache rein steigern könnten, die aber nicht funktionieren kann, weil wir uns in den 8 Jahren verändert haben. Ich brauche Zeit, das ist eine neue Situation. Ich habe sie mir jahrelang vorgestellt, diesen Moment durchgespielt und mir bestimmt auch schöngefärbt. Ich bin jetzt da, wo ich in dieser Zeit immer sein wollte, aber merke, dass es nicht so ist, wie ich erwartet habe. Bitte versteh das jetzt nicht als nein, aber auch nicht als ja.“
Ein eindeutiges Vielleicht. Das war schon mehr, als ich gestern Morgen vor meinem Anruf befürchtet hatte. Dass er sich in den Zug hier runter gesetzt hatte, war schon mehr. Aber auch davon hätten wir nicht einmal so weit kommen müssen.
Mitten auf dem Bergkamm setzte Regen ein. „Mistwetter!“ „Croeso i Gymru!“ Ja, willkommen in Wales. „Komm, hier runter geht’s nach Trefforest, da ist der nächste Bahnhof!“ Luke hatte in Pontypridd gewohnt, die Gegend kannte er entsprechend gut.
„Wie genau soll das denn aussehen? Wir wohnen ja nicht mal mehr am gleichen Ort.“ „Ich kann nicht weg. Da habe ich lange drüber nachgedacht, aber das hat einerseits mit Verantwortung zu tun. Ich habe zwei Teilhaber, die mich nie im Leben ausbezahlen könnten, wir haben drei Angestellte und Verträge zu erfüllen. Außerdem sind das neben der Arbeit auch alles gute Freunde, die ich nicht enttäuschen will.“
Er zog mal wieder an der E-Zigarette. „Also würdest Du erwarten, dass ich nach Deutschland komme?“ Ja, das war die unausgesprochene Bitte. Eine sehr große obendrein, von jemandem, der ihn seinerzeit vor den Kopf gestoßen hatte. „Schau nicht wie so ein bettelnder Hund. Heute Vanille und nur noch eine 12er.“ Er gab mir die Dampfmaschine für einen Zug rüber.
„Ich weiß, das ist ein ziemlich großer Schritt, den ich da erwarte. Mein Traum wäre, wir fahren normalerweise zusammen auf einem LKW. Je nach Laune und dem Bedürfnis, Zeit für uns zu haben, würden wir dann entscheiden, die Wochenenden zusammen oder getrennt zu verbringen. Und wenn wir mal nicht zusammen fahren wollen, weil wir länger Abstand wollen, mieten wir auch mal eine Zugmaschine und fahren eine Woche oder zwei Wochen komplett getrennt. Variante zwei wäre wie früher 2 getrennte LKW und gemeinsame Wochenenden.“
Es war trotzdem ein langer Weg und wir wurden ordentlich nass. Gerade als die Sonne wieder raus kam und wir den Aufgang zum Bahnhof nahmen, brüllte ein Motor gequält auf und einer der Pacer Schienenbusse rumpelte an uns vorbei in Richtung Cardiff.

„Och nein, wie lange sitzen wir jetzt hier fest?“ „Sonntags 40 Minuten.“ Wir setzten uns in den Unterstand auf die Sitzbank. Ich holte den MP3-Player raus und wir teilten uns wieder die Ohrstecker. Luke sagte kein Wort, schien die Schottersteine zählen. Ich wusste, dass es jetzt nur eins gab, was ich zu tun hatte. Mund halten!
Ab und zu riskierte ich einen verstohlenen Blick zur Seite. Vor allem, wenn er mir mal wieder irgendwie mehr automatisch die E-Zigarette rüber hielt. Aufgeregt wie ich war, nahm ich dann immer einen Zug und gab sie zurück. Außerdem wollte ich ihn nicht mit einer Ablehnung des Nikotinverdampfers aus seinen Gedanken reißen.
Sein Gesicht war wie versteinert. Schließlich, nachdem wir knapp 30 Minuten abgesessen hatten, kam das erste Anzeichen, dass ich nicht neben einer Steinfigur saß. Steine weinen nicht! Es wurde immer schwieriger, ihn nicht anzusprechen, aber noch immer starrte er durch die Gleise durch in die Ewigkeit und eine Träne nach der anderen suchte ihren Weg.
Das änderte sich auch nicht, als ich spürte, wie er den MP3-Player am Kopfhörerkabel aus meiner Jackentasche angelte. Jetzt konnte ich nichts sagen, meine Stimme wollte nicht funktionieren.
Ich erkannte das Lied schon an der Gitarre, noch bevor die erste Textzeile kam. Lawson – Learn to love again! Schweigend und bewegungslos hörten wir die erste Strophe. Dann drehte er seinen Kopf zu mir: „Ja, ich denke, nach der langen Zeit könnten wir wieder einander lieben lernen. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob ich das mit allen Konsequenzen auch will. Umzug nach Deutschland – das Bisschen aufgeben, was ich mir hier erarbeitet habe – meine Familie verlassen, mit der ich endlich wieder in regelmäßigem Kontakt stehe, nachdem ich auch das vernachlässigt habe. Ich brauche dafür noch ein Bisschen Zeit. Vielleicht Stunden, vielleicht Tage oder sogar Wochen. Ich hoffe, Du verstehst das. Aber wenn ich mich für Dich entscheide, enttäusch mich nicht noch einmal! Bitte! Versprichst Du mir das?“
Sein Gesicht war dank unserer Verbindungsleine nur 30 Zentimeter von meinem entfernt. Zu deutlich konnte ich die feuchten Spuren von seinen Augen über die Wangen erkennen. Ich hatte meine Stimme immer noch nicht wieder gefunden und konnte nur nicken.
Sehr unromantisch riss uns in dem Moment der einfahrende Zug in Richtung Cardiff aus unserer vor ein paar Sekunden wieder gefundenen Zweisamkeit. Wir stiegen ein. Es waren doch etliche Fahrgäste in dem Zug, also unterhielten wir uns nicht weiter, sondern saßen schweigend und jeder mit einem Ohrstecker vom MP3-Player nebeneinander in der Reihe.
Unsere Klamotten waren wieder so weit trocken. „Das Auto steht auch zwei Stunden später noch! Lass uns in die Docks fahren und irgendwo was essen. Oder willst Du in die Altstadt in eine Szenebar?“ „Nein, Docks finde ich heute auf jeden Fall passender.“ Und so wurde ein Afternoon Tea in Cardiffs neuem In-Quartier an den alten Hafenanlagen draus.

Luke fragte mich als erstes, wie ich wohne und immer mehr Details aus meinem aktuellen Leben, das vielleicht auch seins werden würde. Außerdem sollte ich deutsch sprechen, weil er das auf jeden Fall wieder besser beherrschen wollte. Bis wir dann schließlich wieder in Neath waren, war es schon Abend.
„Wann und wohin musst Du morgen los?“ „Gegen 7 Uhr nach Birmingham und Anschluss nach Luxemburg.“ „Nimmst Du mich bis Birmingham mit?“ „Klar. Ich hole Dich wieder ab.“
Es dauerte auf meinem Hotelzimmer noch eine Weile, bis ich begriff, was da heute passiert war. Dass die Liebe meines Lebens zurückkommen könnte, vielleicht schon zurückgekommen war, nachdem ich es vor Jahren das erste, vor Monaten das zweite und vor Tagen das dritte mal selbst vermasselt hatte. Jedenfalls waren wir so dicht davor uns wieder zu finden wie nie seit der Trennung. Und alles nur wegen einem rotzfrechen Jungen mit schwarz gefärbten Haaren.
Montag, 17.08.2015
Wie besprochen sammelte ich Luke vor seinem Hotel ein. Er wunderte sich über den fahrbaren Untersatz. „Ihr seid komisch. Erst verkauft Ihr einen Scania V8 und dann holt Ihr Euch wieder einen?“ „Ja, heute würden wir den anderen aber wohl auch nicht mehr verkaufen, sondern einem der Fahrer, die wochenlang draußen sind, als Belohnung geben.“ Und das waren ziemlich genau zwei Fahrer, Julian und ich. „Wobei ich immer noch nicht viel von dem Ding halte. Ich werde noch als einziger Fahrer in die Geschichte eingehen, der sich freut, wenn er einen Scania gegen einen Iveco eintauschen darf.“ „So schlecht ist er auch nicht. Tom ist jedenfalls begeistert.“
Fracht gab es im Prinzip keine, das Silo war leer. Luke war schweigsam geworden und grübelte noch sichtlich. Ab und zu fragte er mal was. Wir fuhren durch die nördlichen Ausläufer der Brecon Beacons.

Erst als ich mir nach der Kurbelei irgendwo in Herefordshire den Marcel-Ohmann-Becher hervor holte und aus der Thermoskanne auffüllte, wurde Luke von dem Geruch wieder komplett in die Realität geholt. Er sah rüber und rümpfte die Nase: „Wie unbritisch…“ „Was?“ „Da habe ich dreieinhalb Jahre meines Lebens investiert, um aus Dir den besten Briten zu machen, der nie einen britischen Pass hatte und heute kochst Du Earl Grey in der Thermosflasche und trinkst ihn aus einem Eishockey-Fanbecher mit Wandstärken wie ein Betonkeller? Shocking!“ „Vielleicht brauche ich wieder Unterricht in britischer Kultur.“ „Man sollte sich immer gut überlegen, was man sich wünscht. Manchmal passiert es, dass man es kriegt.“ „War das eine Antwort auf die offene Frage?“ „Nein! Eine Drohung, falls die Antwort ja sein sollte.“ Junge, wem von uns beiden machtest Du hier eigentlich was vor, seit Du gestern wolltest, dass ich deutsch rede und Dir erzähle, wie es bei uns abgeht?
Eine Stunde später hatte ich jedenfalls eine Antwort auf die Frage, ob ich es mit der Lenkzeit bis nach Birmingham rein schaffen würde. Also steuerte ich Frankley Services an. Luke wurde immer schweigsamer und beschäftigte sich viel mit seiner E-Zigarette. Ich schaffte es, heute weder direkt danach zu fragen, noch wieder so lange einen Hundeblick aufzusetzen, bis er mir das Ding gab. Viele spannende Aromen, Nikotin als Suchtmittel und nicht der eklige Zigarettengeschmack gefiel mir in der Kombination nicht wirklich – eben weil es mir so gut gefiel.
Ich meinte, ihn immer noch gut genug zu kennen, um zu sehen, dass er nicht so sehr nachdachte, sondern eher traurig war über irgendwas. Nur bekam ich dieses Gefühl nicht in einen Zusammenhang.
Nach dem Abliefern des leeren Trailers bei Shell bot ich mich noch für eine der verrücktesten Aktionen an, die ich je mit einem LKW gemacht hatte: „Soll ich Dich noch zum Bahnhof bringen?“ Jede gemeinsame Sekunde war mir gerade sehr wichtig. Ich hatte Abschiedsschmerz. „Nach New Street? Mit einem LKW?“ „Solo-Zugmaschine.“ „Das ist schon durchgeknallt genug. Fahr wenigstens nach Moor Street, da ist mehr Platz. Die letzten Meter kann ich laufen und Du fährst keine Macke in den Scania.“ „Okay.“
„Du bist einfach nur verrückt.“ Er klang wenigstens amüsiert. „War ich das nicht schon damals?“ „Oh ja. Den Satz „Das machst Du eh nicht!“ habe ich mehr als einmal bereut.“ „Als ob man Dir den jemals sagen durfte.“ „Ach, wirklich?“ Ja, verrückte Aktionen rund um verlorene Wetten hatten wir beide einige gemacht.
Ich schaffte es tatsächlich ins Zentrum von Birmingham und in die Nähe des Bahnhofs Moor Street. Von da waren es keine 5 Minuten zum Bahnhof New Street, wo der nächste Zug nach Sheffield erst in 40 Minuten fahren sollte.
„Lass uns eine Kleinigkeit essen. Ich lade Dich ein.“ Wir gingen auf die Fressmeile im Bahnhof. „Was darf es sein? Pastry, Fish & Chips?“ Er übersprang das amerikanische Fastfood gleich mal komplett, von dem es auch reichlich gab. Wie war das mit der Nachhilfe in britischen Kultur? Doch eine Antwort? „Pastry.“ Pork Pie kauend und weit aus Schottland nach Süden verirrtes Irn Bru trinkend saßen wir in dem Bahnhofsimbiss.
Und dann, auf dem Weg zum Bahnsteig kam tatsächlich die Antwort: „Ich habe lange nachgedacht, mit mir selbst gekämpft und vorhin bin ich auf der Fahrt auch über den Spruch von Deinem jungen Freund hängen geblieben. Denn im Kopf hatte ich 100 gute Gründe, die etwas anderes von mir wollten. Aber je kleiner die Meilenzahl auf den Schildern nach Birmingham wurde, umso mehr machte mir vor allem der bevorstehende Abschied zu schaffen.
Ich habe gerade wieder dieses Gefühl, das ich früher immer montags hatte, wenn wir zusammen zur Raffinerie fuhren und danach 5 Tage voneinander getrennt sein mussten. Am liebsten würde ich einfach bei Dir in der Zugmaschine bleiben und sofort mitkommen.“
Er klopfte sich auf die Brust. „Hier drin ist die Entscheidung gefallen. Da war sie bestimmt schon gefallen, als ich am Samstagmorgen zu Hause die Tür abgeschlossen habe und zum Bahnhof bin. Aber jetzt, wo der Abschied bevor steht, bin ich mir sicher. Ich will Dich wieder sehen. Ich will Dich wieder haben. Ich werde hier alles aufgeben und zu Dir nach Deutschland ziehen.“
„Danke!“ Bevor er fragen konnte wofür: „Danke, dass Du mir nach all der Zeit diese zweite Chance gibst.“ „Pssst!“ Er legte den Finger auf den Mund. „Reden wir nicht mehr davon was war. Hauptsache wir vergessen die Warnung dahinter nicht.“
Sein Zug wurde angekündigt. „Komm her!“ Er zog mich zu sich ran, dann küsste er mich einfach. Jetzt hatte auch ich dieses Gefühl von Abschied wieder so heftig wie damals. Aber es war ja nur noch auf Zeit. Wir blieben in der Umarmung stehen, bis die Abfahrtzeit fast erreicht war.
„Also, gute Fahrt. Ich melde mich in ein paar Tagen wegen dem Umzug. Und bestimmt vorher ein paar mal schon, damit ich Dich nicht ganz so vermisse.“ „Mach’s gut. Ich liebe Dich.“ Noch ein Kuss und er stieg in den Zug. Ich ging auf dem Bahnsteig neben ihm her. Wir warfen uns noch verliebte Blicke durch die getönte Scheibe zu, dann schlossen sich die Türen, die Dieselmotoren des Zuges brüllten auf und die Fuhre schob sich aus dem Bahnhof. Ich starrte den roten Leuchten nach bis um die Ecke.
Weil die einzige Chemiefracht nach Griechenland gegangen wäre, hatte Judith mir eine Ladung Gabelstapler nach Luxemburg verordnet. Ich holte die Fuhre ab, stellte mit einiger Freude fest, dass der Trailer, zumindest mit so wenig Gewicht, vom Kunden mit 80 km/h angegeben war, was bei Tiefladern mit den kleinen, eher auf Tragkraft ausgelegten Rädern keine Selbstverständlichkeit war, und machte mich auf den Weg aus der Stadt.
Als ich auf die M1 wechselte, wurde mir noch mal klar, wie viel in den letzten Tagen passiert war. Am Donnerstag fuhr ich hier lang, war sauer auf Luke, eingelullt von Chris, hatte David neben mir sitzen, der mir sein Leben erzählte und hing mit einem Auge immer im Rückspiegel, ob eine Polizeistreife kam, um David einzusammeln.
Vier Tage später waren Luke und ich wieder ein Paar, Chris konnte mich kreuzweise, das ganze dank Davids Denkanstoß, der auch noch auf beiden Seiten gewirkt hatte und David selbst war wieder bei seinen Eltern. Leider hatte ihm dieses verlängerte Wochenende nichts gebracht, das hatte sein Vater ja schon durchblicken lassen.
Dank den Ferien war der London Perimeter leer. Ich schaffte es mit 9 Stunden Fahrzeit gerade so um London herum auf den mir mittlerweile bestens bekannten Rastplatz bei Maidstone. Dort klingelte mein Handy. Luke hatte offenbar angefangen, Nägel mit Köpfen zu machen. Der erste Nagel mit Kopf hieß Keith und war am Telefon.
„Hallo Keith.“ „Hallo Ricky! Wie habt Ihr das denn endlich geschafft?“ „Ich habe üüüüüüberhaupt keine Ahnung, wovon Du sprichst.“ So betont unschuldig war diese Antwort ein glattes Schuldeingeständnis. „Dachte ich mir, dass Du so tun würdest als ob Du von nichts weißt. Herzlichen Glückwunsch zur Wiedervereinigung des Traumpaars.“
„Schwierige Geburt, ja.“ „Nach 8 Jahren Schwangerschaft kein Wunder. Ich habe mein Versprechen mit dem Auflösungsvertrag eingelöst. Arbeitsrechtlich ist Luke am 1. September ein freier Mann, seinen Schlüssel darf er aber schon nächste Woche Mittwoch hier lassen.“ „Danke.“ „Euch beiden auf jeden Fall alles Gute.“ Nachdem wir uns verabschiedet hatten, wollte ich ins Rasthaus, aber da wurde nichts draus.
„Hallo Luke.“ Von Liebling, Schätzchen, Herzilein & Co. hatten wir damals nicht viel gehalten, das würde wohl auch jetzt so bleiben. „Hallo Ricky. Deine Sprachmailbox liebt mich wohl auch.“ „Ja, ich hatte Deinen Noch-Chef an der Strippe.“ „Dann weißt Du es also schon? Ich habe kommenden Mittwoch meinen letzten Arbeitstag. Dann will ich sehen, dass ich meinen Kram gepackt bekomme, den ich mitnehmen will und den Rest erst mal bei Keith in einer Ecke der Halle einlagere. Außerdem werde ich meinen Spaß haben, einen Lieferwagen oder Kastenwagen One Way zu mieten.“
Das war der je nach Situation Vor- oder Nachteil in Großbritannien. In 2 bis 4 Wochen war man seinen Job los, wenn man kündigen wollte, die Mietwohnung hatte man auch maximal noch den Folgemonat an der Backe. Andererseits wurden einen Chef oder Vermieter ähnlich schnell los.
„Das kriegen wir vielleicht hin. Ich habe die Hoffnung, dass wir einen nicht ganz vollen Trailer als Auftrag ergattern und auf die freien Plätze Deinen Kram packen können.“ „Das wäre natürlich gut. Wann weißt Du das?“ „Mal sehen, morgen rufe ich im Büro an. Dann wird unsere Disponentin versuchen, das einzurichten und Dir außerdem einen Vertrag machen. Wobei Du von einem Arbeitsvertrag jetzt auf Tour sowieso wenig hättest.“
„Typisch deutsch. Erst mal einen Vertrag machen.“ „Willkommen im Land der unmöglichen Begrenzungen. Du kannst das gerne mit unserem Steuerberater ausdiskutieren, wenn Du nicht rechtzeitig vor Arbeitsantritt einen unterschreibst.“ „Das kriegen wir schon hin. Ich wollte an sich Freitag kommender Woche bei Dir sein. Da werden wir wohl mal vor dem 1. September – also Dienstag – 10 Sekunden für eine Unterschrift finden.“ „Na wer weiß, was wir dann alles Besseres zu tun haben.“ „Rrrrr.“
Nachdem ich auch ihn, mit 100 gegenseitigen Liebebekundungen, verabschiedet hatte, schaffte ich es doch noch, das Problem zu lösen, dass der Mensch eben nicht nur von Liebe leben konnte.
Dienstag, 18.08.2015
Berufsverkehr um London war nicht das einzige Problem in Südostengland. In den Ferien war das auch Urlaubsverkehr in Richtung Dover und Folkstone. Das war jedenfalls die Erkenntnis, als ich im Stau vor dem Terminal für den Tunnelshuttle stand.
Am Terminal angekommen hatte ich natürlich wieder mehr als eine Stunde Zeit zwischen Anmeldung und Abfahrt des Zuges. Also rief ich Judith an. „Hallo Ricky. Du willst wissen, wie es morgen weiter geht?“ „Auch das.“ „Entweder jage ich Dich nach Polen oder Du kommst morgen rein.“ „Polen? Dann schaffe ich das aber nicht mit Dominiks Party am Wochenende.“ „Das hat sich erledigt. Er kann am Freitag seine Möbel auf einen leer zurücklaufenden LKW von seinem Onkel laden und ist am Wochenende sowieso in Schweden. Er will dann ein Bisschen was beisteuern, wenn Julian kommendes Wochenende Geburtstag feiert.“ „Okay, dann wäre es aber dennoch gut, wenn ich rein komme. Und damit wäre Teil 2 meines Anrufs auch erledigt.“
„Warum?“ „Sagen wir es mal so, die beiden sollen einfach nur eine Person mehr einplanen. Den Arbeitsvertrag kann ich dann morgen auch selber schreiben. Mein walisischer Ex und ich haben nach längerem Herumgeeiere unsere Liebe wieder gefunden und er fängt zum 1. September bei uns an. Entweder als zweiter Mann auf meinem Wagen oder wir brauchen ein Mietfahrzeug, bis wir ein neues kriegen.“ „Glückwunsch, alles Gute Euch beiden. Ich kann Dir aber schon mal eine Personalakte anlegen.“ „Tu das, bitte. Und wenn Du sie noch irgendwo liegen hast, kannst Du seine Bewerbung rein tun. Du kennst ihn nämlich schon. Lucas Leighton.“ „Na jetzt wird mir einiges klar, was es vor einem halben Jahr nicht wirklich war. Aber nachdem man sie Briten nicht zurück schicken muss, habe ich die glaube ich zu meiner Entlastung durch den Schredder geschickt. Digital im System ist sie vielleicht noch. Muss ich mal suchen.“ „Wenn nicht ist auch nicht schlimm. Der Personalchef kennt den Mitarbeiter ja auch ohne schriftliche Unterlagen ziemlich gut.“
Nachdem ich mich von Judith verabschiedet hatte, rief ich noch Marlon und Julian an. Sonst bekamen die die Nachrichten aus zweiter Hand. Und das sollte bei unserem guten Miteinander eigentlich nicht der Fall sein.
Die Fahrt auf dem Festland war mit einer Ausnahme unspektakulär. Ein DAF XF mit dem 410er Motörchen arbeitete sich dank der anspruchslosen Landschaft vorbei und scherte dermaßen knapp vor mir ein, dass das Abstandsradar in die Eisen stieg. „Dir fehlt doch ein Würstchen auf dem Grill! Die 80 gelten auch für Dich! Und wenn sie das Deiner Meinung nicht tun, dann scher wenigstens erst ein, wenn ich es Dir mit der Lichthupe sage, Du Sackgesicht!“ Leider gehörte das inzwischen dazu. Regelmäßig wurde man beim Einscheren geschnitten.
Ansonsten blieb es ruhig und ich wurde meine Stapler los. Das spannendste war noch die Restreichweite. Aber ich konnte mich ohne Nervenkitzel dafür entscheiden, in Belgien nicht nachzutanken. Bis Luxemburg hatte ich 100 bis 150 Kilometer Sicherheit.
Abends telefonierte ich eine Zeit lang mit Luke, der auf einer Nordseefähre nach Dänemark übersetzte. Neben den 1000 netten Worten frisch Verliebter sagte er auch, dass er sich entschieden hatte, mit mir auf einem LKW als Doppelbesatzung zu fahren.
Mittwoch, 19.08.2015
Mit einer Ladung EU-Importwagen machte ich mich morgens auf den Heimweg. Bei den luxemburgischen Preisen folgte natürlich der ohnehin überfällige Tankstopp.
Schließlich erreichte ich am Vormittag langsam heimische Gefilde. Die Pause legte ich am Rasthof Aachener Land ein. Dann ging es weiter und auf der Rodenkirchener Brücke über den Rhein, der Sperrung der A1 für LKW sei Dank.
Nachdem ich die Autos in Gelsenkirchen abgeliefert hatte, machte ich mich auf den Heimweg. Dank der wieder ausführlichen Prüfung der Autos auf Schäden war es da schon 14 Uhr.
Ich sichtete erst einmal die Post. Persönlich an mich war nichts dabei. Judith hatte den Rest vorsortiert und teilweise vorkommentiert in die Unterschriftenmappe gelegt. Mein Bereich war nicht wirklich unterschriftenintensiv. Die Steuerbescheide von Magnum und Stralis lagen zu meiner Information in Kopie bei, weil das Jahr rum war. Auch die Angebote für die Abscheider hatte Judith mir in Kopie beigelegt, weil das zwischen Julians Verantwortungsbereich „Sicherheit und Umwelt“ und meinen Bereich „Niederlassungen und Immobilien“ fiel. Und dann war da noch ein Brief von der IHK Mittleres Ruhrgebiet.
An unsere Mitglieder im Fachbereich Güterverkehr,
Leider hat der Insolvenzverwalter eines unserer Mitglieder bekannt gegeben, dass der Betrieb dort am Freitag den 16.10. eingestellt wird. Es handelt sich um einen Ausbildungsbetrieb, so dass wie unsere Mitglieder darum bitten, zu prüfen, ob die Übernahme von einem oder mehreren der folgenden Auszubildenden nach dem oben genannten Termin möglich ist:
2 Berufskraftfahrer/-in FR Güterkraftverkehr im 3. Ausbildungsjahr
1 Berufskraftfahrer FR Güterkraftverkehr im 2. Ausbildungsjahr
1 Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung im 2. Ausbildungsjahr
1 Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung im 1. Ausbildungsjahr
Es folgten noch die Kontaktnummer bei der IHK für die Übernahme der Azubis, die der Kammer als für die Ausbildung verantwortlichem Organ natürlich am Herzen lag. Judith hatte den Speditionskaufmann im 2. Lehrjahr mit dem Textmarker gekennzeichnet und dabei geschrieben: „Gute Hilfe im Büro und könnte bei uns in den Betrieb rein wachsen.“
Ich ging mit dem Schreiben zu ihr ins Büro. „Du hast hier die Sache mit dem Azubi markiert?“ „Ja. Ich habe ja den Schein. An sich wollte ich demnächst mal mit Dir sprechen, weil ich mit dem nächsten LKW, der hier rein kommt, Unterstützung haben muss und eine Teilzeitkraft zusätzlich hier gebraucht hätte. Nach einem Jahr dürfte der Junge Vorkenntnisse haben und kann schon einige Routinearbeiten erledigen. Das würde mich dann so weit entlasten, dass ich dafür den Aufwand für seine Ausbildung dazu packen kann. Je länger er dann hier ist umso mehr kann er erledigen. Und nach der Abschlussprüfung hätten wir in nicht mal mehr 2 Jahren jemanden hier, der unsere Firma kennt, mit den Fahrern „aufgewachsen“ ist und bei mir hier sofort voll mit anpacken kann, wenn wir uns dann entscheiden, ihn zu übernehmen.“ „Okay, dann rufe ich mal bei der IHK an, wann wir den Knaben persönlich treffen können. Wenn er noch nicht vermittelt ist. Das Schreiben ist ja schon von letzter Woche.“
„IHK Mittleres Ruhrgebiet, Katharina Naumann. Guten Tag.“ „KFL Intertrans, Eric Kaiser. Guten Tag. Ich rufe an wegen Ihrem Schreiben von letzter Woche. Übernahme von Auszubildenden wegen Insolvenz.“ „Ja, vielen Dank.“ „Ich habe mit unserer Büroleiterin gesprochen.“ So schnell hatte Judith einen neuen Titel. „Wir würden gerne mal ein Gespräch mit dem Speditionskaufmann 2. Lehrjahr führen, wenn der noch zu vermitteln ist.“ „Ja. Das würde noch gehen. Morgen Vormittag würden wir dann erst einmal gerne selbst bei Ihnen vorbei kommen. Sie bilden ja derzeit noch nicht aus. Und in diesem Fall, der für die Auszubildenden schon schwierig genug ist, mitten in der Ausbildung den Betrieb zu wechseln, würden wir gerne vorher uns selbst ein Bild machen und Sie in Sachen Ausbildungsbetrieb beraten.“
Und um das heutige Programm voll zu machen, stand der Abschluss mit Dominik auf der Agenda – LKW-Übergabe, Abschlussgespräch. Dann musste er kommendes Wochenende nur noch den Umschlag mit den Papieren einsammeln und wir hatten sonst nichts mehr, was uns bei der Party noch an Pflicht zwischen die Füße fiel. Viel zu sagen gab es nicht. Er hatte gute Arbeit gemacht und die Trennung war ja ohne dass es einen Vorfall gegeben hätte.
Donnerstag, 20.08.2015
Morgens kam ein Mitarbeiter der IHK. Er sah sich kurz auf einem kleinen Rundgang mit mir den Betrieb an und dann gingen wir in den Besprechungsraum. Weil Judith ausbilden sollte, stand sie auch im Mittelpunkt.
Sie erzählte, dass sie den Schein für DB Schenker gemacht hatte, als sie nach Frankreich ging. DBS ermöglichte es den Auszubildenden, einige Monate der Ausbildung im Ausland zu machen und deshalb musste in jeder Niederlassung, die sich an dem Programm beteiligte, jemand nach deutschem Recht ausbilden dürfen.
Der Mann von der IHK frischte insbesondere noch mal die Regeln auf, die in der Ausbildung galten. Dass das Ausbildungsziel über den betrieblichen Zielen stand, Auszubildende daher keine billigen Arbeitskräfte für Hilfsarbeiten waren und so weiter. Sonst sah er jedoch keinen Beratungsbedarf für uns, also schien er keine Bedenken haben, dass wir die Ausbildung übernahmen. Der Junge sollte unsere Adresse bekommen und eine ganz normale Bewerbung schicken.
Die deutlich unwichtigere Wiedervereinigung mit einer alten Liebe für diese Woche war, dass ich den Scania wieder für Julian stehen lassen durfte und endlich wieder mit meinem Iveco fahren konnte. Es ging nach Dortmund, wo ich einen Tanker mit Kupfersulfatlösung für Bordeaux aufsatteln durfte. Gegen halb 12 war ich auf dem Weg zur Autobahn.

Wie meistens in der Richtung war wegen der chronischen Rastplatzknappheit in Belgien eine Pause auf dem Rasthof Aachener Land fällig. Hier traf ich auf einen anderen Talke-Subunternehmer, was hier aber nur halbwegs überraschend war.
Der Kollege saß im Rasthaus und gab sich zu erkennen, als ich rein kam. Er fuhr mit seinem alten MAN als One-Man-Show aber nur noch in einem Umkreis von maximal 200 bis 250 Kilometern um Hürth. Was man halt so schaffte, wenn man am gleichen Abend wieder zu Hause sein wollte. In 3 Jahren würde er in Rente gehen und den MAN dann ebenfalls in Rente schicken.

Die zweite Fahrtzeit reichte noch bis Paris. Die Laune war bestens, auf französisches Radio hatte ich heute keine Lust und dafür den MP3-Stick drin. Ich sang den Irish Traditional mit, so gut ich den Slang hinbekam: „Whack fol the dah now dance to yer partner round the flure yer trotters shake, bend an ear to the truth they tell ye, we had lots of fun at Finnegan’s Wake.“ Wenn jetzt noch Linksverkehr wäre, auf dem Lenkrad ERF stehen würde und der Trailer mit BP beschriftet wäre, wären die alten Zeiten wieder komplett.
Der Sonnenuntergang kurz vor Fahrtende konnte sich sehen lassen. Lange war der Cowboy auf seinem weiten Weg von zu Hause nicht mehr alleine.

Den Tag beendete ich auf einer Zufahrt zu einer Möbelfabrik bei Paris.
Freitag, 21.08.2015
Nach dem Start, den ich hinter das Ende des gröbsten Berufsverkehrs geschoben hatte, meldete sich Judith. „Ich glaube, Marlon und ich haben vorhin unseren Azubi-Kandidaten knapp verpasst.“ „Warum?“ „Als wir die Straße rauf kamen, fuhr gerade ein Auto weg. Dafür lag seine Bewerbung ohne Briefmarke auf dem Umschlag im Briefkasten.“ „Dass er extra vorbei fährt, ist ja schon mal was.“ „Na gut. Extra ist so eine Sache. Er wohnt in Hattingen und ist bei Papke in Witten. Also liegen wir fast am Weg.“ „Jetzt sei doch nicht so spitzfindig. Er hat uns jedenfalls die Unterlagen sehr schnell gebracht. Das ist schon mal ein Zeichen für Motivation. Er hätte sie auch am Wochenende fertig machen und am Montag einwerfen können.“
„Na gut. Ich sage es aber mal so. Die Bewerbung beantwortet nicht nur Fragen, sie wirft auch welche auf.“ „Warum?“ „Ich scanne sie gerade ein und schicke sie Dir gleich übers System auf Dein Tablet.“
„Gut, dann mache ich mir mein eigenes Bild. Aber sag mal. Papke, was hat der denn gemacht?“ „Ich habe mal im Internet gesucht. Die waren, oder noch sind sie ja, im Stahltransport. Hauptsächlich fahren sie Feinblechcoils.“ „Dann sollte ich mal den Insolvenzverwalter fragen, was da für Fahrzeuge stehen. Vielleicht können wir ein Schnäppchen machen, im Stahltransport sind auch gerne mal Dreiachser unterwegs.“ „Auf der Website sind vor allem Fotos von Scania Euro 5 und Actros MP3.“
In meiner Pause sah ich mir die Unterlagen des Azubis mal genauer an. André Marszalek war 19 Jahre alt, wohnte in Hattingen, sprach Deutsch und Polnisch als Muttersprachen, fließend Englisch und dazu Grundkenntnisse in Russisch, mal eine originelle Wahl der zweiten Schulfremdsprache.
Auf der Seite, die „Fragen aufwarf“, stand vor allem ein Leben mit bisher eher durchwachsenen Leistungen. Das Fachabi hatte er mit 2,4 gerade noch so auf Durchschnittsnote „gut“ gebracht. Wenigstens waren die wichtigen Fächer wie Mathematik, Deutsch und Englisch in Ordnung. Chemie hatte er durchgezogen bis zum Schluss, auch das war nicht verkehrt. Dass er da eine 2- im Abo hatte, war für die kaufmännische Ausbildung egal. Aber so war die Möglichkeit etwas größer, dass er wenigstens eine grobe Vorstellung hatte, was wir da durch das Land fuhren.
Auch das letzte Berufsschulzeugnis war mit Notenschnitt 2,1 noch ausbaufähig, aber zum Winterhalbjahr stand da noch die 2,3. Auf die Beurteilung des Ausbilders bei Papke gab ich nicht viel. Um die Azubis „los zu werden“ dürfte die sowieso ziemlich schön geschrieben sein. Jetzt kam es auf das Gespräch an.
Die Antwort auf die Fahrzeugfrage bekam ich auch in der Pause. Nachdem ich einmal wusste, wonach ich zu suchen hatte, fand ich natürlich den Insolvenzverwalter und damit auch eine Liste der Sachwerte. Groß war die Auswahl an für uns brauchbaren Fahrzeugen eher nicht, aber ich wollte mir die doch mal vor Ort anschauen und bat Judith, mir passend zu Dispo meiner Tour und den ganzen anderen Terminen, die mich rund um das kommende Wochenende erwarteten, auch noch das Vorstellungsgespräch mit dem Azubi und eine Besichtigung der Fahrzeuge bei Papke zu vereinbaren.
Ich entschuldigte mich bei ihr, dass ich sie als Sekretärin benutzte, aber dummerweise hatte sie derzeit mehr Überblick über meinen Terminkalender als ich selbst. Vor allem wusste sie dank Dispo selbst am besten, wann ich überhaupt in Bochum sein würde. Durch die überwiegend langweilige, aber manchmal auch beeindruckende Landschaft Mittelfrankreichs fuhr ich meinem Ziel Bordeaux weiter entgegen.

Luke hatte schon Wochenende in Kalmar. Weil meine Tour sich kommende Woche nicht mal nach Sheffield planen ließ, wollte er jetzt einen Kastenwagen und eine Fähre buchen. Judith hätte mich für eine miserable Bezahlung maximal nach Felixstowe bekommen. Er wollte Freitagabend auf der Fähre sein und Samstag um die Mittagszeit in Bochum eintreffen.
Bei der Gelegenheit wollte er auch die Scania-Anbauteile, die es nicht durch die MOT geschafft hatten oder die Tom nicht haben wollte und deshalb jetzt bei Keith in der Garage herumgammelten, wieder mitbringen. Ich hatte Patrick ja angedeutet, dass die verfügbar waren. Wobei der Weg aus Lukes Transporter in meinen Kofferraum an Julian und seinem Scania vorbei führen dürfte.
Ich erreichte Bordeaux, lieferte den Trailer ab und machte mich auf den Weg zum Hotel für mein Wochenende. Meine letzte Woche alleine stand bevor.
