[KW45/2021] Geschirr im Caravan. Der frühe Vogel… . Hängen bleiben.

Montag, 08.11.2021, Kouvola.

Es ist 05:30 Uhr und ich starte den V8 vom rovfågel.Direkt losfahren ist nicht; es fehlt noch an Druck im Bremssystem. Ich kümmere mich also erstmal um die Abfahrtkontrolle.

Nachdem diese erfolgreich abgeschlossen ist bringe ich noch schnell einen Kaffee ins Gebüsch und dann geht es auf die Strecke – auf zu ‚Beek Hansen & Studsgaard‘ in Kotka. Es geht südwärts und kurz nach dem Verlassen von Kouvola rolle ich auf der Route 15 vor mich hin. Im Radio läuft der ‚Shotgun Blues‘. Frischer Rock aus Dänemark. Geht doch.

Mein Wochenende war mit knapp über sechsundreißig Stunden ganz schön kurz. Ich muss diese Verkürzung auf jeden Fall in nächster Zeit ausgleichen um im erlaubten Rahmen zu agieren. Aber das Wochenende auf die volle Zeit auszudehnen würde sich nicht mit dem Abholtermin der Getränke in Kotka vertragen. Ich muss nicht rasen wie das sprichwörtliche Wildschwein, aber die Fähre und die vor mir liegenden Landstraßen limitieren den Zeitrahmen schon ein wenig.

Ich setze den Blinker rechts und fahre auf die Rampe zur E18. Ein paar Kilometer später überquere ich den Kimijoki. Danach folge ich der Route 15 und verlasse diese an der nächsten Ausfahrt um in ein Gewerbegebiet zu fahren. Es ist 07:26 Uhr als ich an der Ladestelle ankomme.

Ich gehe ins Lagerbüro und melde mich an: ”Good morning. Christian Dansör, hansekontor. I supposed to load for Maier-Flink.” Die junge Frau am Schreibtisch lässt die Finger über die Tastatur fliegen. ”Tekirdag, Turkey or London, Great Britain?” ”Tekirdag.” Sie weist mir ein Tor zu und nur acht Minuten nach meiner Ankunft verschwinden die ersten Paletten mit Geträngen im Auflieger.

Die E18 mündet in die E75 und es geht weiter westwärts. Vorbei am Flughafen Helsinki-Malmi, der bis 1952 Hauptflughafen der finnischen Hauptstadt war. Die Straßen werden kleiner und führen mich am Stadtteil Töölö vorbei.In der Tyynenmerenkatu komme ich um 12:55 Uhr an einen Kreisverkehr und halte verkehrsbedingt. Vor mir ein Caravangespann und ein Dacia. Das Gespann fährt an, muss aber sofort wieder bremsen. Der Dacia-Fahrer reagiert nicht schnell genug und bringt sicher das Geschirr im Caravan durcheinander. Ich höre nur das Rumpeln; war selbst noch nicht angefahren. Wunderschön. Genau sowas brauche ich jetzt. Zum Glück habe ich noch reichlich Zeit bis um 18:45 meine Fähre nach Tallin ablegt.

Dienstag, 09.11.2021, Tallin.

Es ist kurz vor 17 Uhr und die estnische Stadt Tallin liegt schon eine Weile hinter mir. Auf der E67 geht es südwärts. Der kleine Tank macht mittels der gelben Warnlampe auf sich aufmerksam und schreit nach baldiger Fütterung. So wird das nichts mit Kilometer abreißen…

An der nächsten Tankstelle fahre ich raus und lasse dreihunderteinundneunzig Liter in den rovfågel laufen.

Da schon zwei Fahrstunden auf der Uhr stehen und ich heute einen Zehner-Nachtflug eingeplant habe mache ich direkt noch eine Pause und greife zum Telefon. Nach dem zweiten Klingeln meldet sich Sandra. ”Hej, Sandra här.” Ich schicke ihr das Geräusch eines Kusses durch die Leitung. ”Daneben… nochmal versuchen!” Mache ich doch glatt. ”Okej, träffade. En till tack.” Ich muss Lachen. ”Na dann komm her, Süße.” Wir blödeln noch ein bisschen umher; wissen wir doch beide das es auf die Entfernung nicht das selbe ist wie zu Hause. ”Ich hab vorhin mit Annyka telefoniert.” ”Gibt’s was Neues?” ”Mehr oder weniger. Zuerst einmal hat sie berichtet dass die neue Linie mit dem Brückenzug nach Paris gut angelaufen ist, wir dort aber perspektivisch noch zwei weitere Züge einsetzen müssen. Die Fahrzeuge dafür stehen schon auf’m Hof.” ”Auch MAN?” ”Ja.” ”Gibt es schon Bewerbungen?” ”Nein. Vivien und Maike arbeiten aber daran. Aber jemanden für Linie im Fernverkehr finden ist eine Herausforderung.” ”Aber nicht unmöglich. Sehen wir ja an Tom.” ”Da gebe ich dir Recht. Und da haben wir schon das nächste Problem.” ”Sag nicht Tom will nicht mehr…” ”Tom schon. Aber der Maier-Flink stellt zum Jahreswechsel die Linie nach St. Petersburg ein. Sowohl für uns als auch für Alex und Yanaa.” ”Schietkram…” ”Annyka ist da da gerade am Verzweifeln.” ”So viel hat die Linie jetzt aber auch nicht abgeworfen, oder?” ”Schaaaatz, hast du mal einen Meter weiter gedacht? Durch diese Linie war ihr Roman regelmäßig in München. Wenn die Linie wegbricht müssen Yanaa und Alex ihn anders einsetzen…””…und die beiden wissen dann nicht wie es privat weitergehen soll.” ”Genau das. Dabei hatten sie für kommendes Jahr ihre Hochzeit geplant.” ”Einfach mal so in den Raum gesponnen…. Roman ist bisher Sattelzug gefahren. Kann er Hängerzug auch?” ”Er hatte sowas mal erwähnt, ja.” ”Gut. Telefonierst du bitte mit Yanaa? Und vorher mit Roman.” ”Du meinst…” ”Ja, vorausgesetzt Roman stimmt dem zu wäre das meine Lösung. Annyka können wir das aber erst sagen wenn es mit Roman und Yanaa abgesprochen ist.” ”Das ist klar. Zurück zu Tom. Er möchte gerne weiterhin seinen Sattelzug fahren und auch nicht auf die Linie nach Paris. Maier-Flink kann uns zur Zeit auch keine Alternative benennen.” ”Ich hab da vielleicht noch eine. Dazu müssen wir mal mit Danny telefonieren.” ”Okej, älskling. Ich lass dann mal die Leitungen glühen. Jag älskar dig.” ”Ich liebe dich auch.”

18:30 Uhr. Ich starte den rovfågel und frage mich, warum man immer gerade nicht zu Hause ist, wenn sich die Ereignisse überschlagen. Nunja… Murphy, Arschloch und so weiter… Passend dazu fängt es jetzt noch an zu schütten. Was soll’s; ich sitze warm und trocken. Ich beschleunige und lasse den Zug entspannt durch die anbrechende Nacht rollen. E67 gen Süden.

Mittwoch, 09.11.2021, nahe Kaunas.

Ich passiere die Memel auf der A5 / E67 westlich von Kaunas. Kurz danach fahre ich ab und suche mir auf dem Gelände einer Orlen-Tankstelle einen Stellplatz. Der V8 verstummt Punkt 02:40 Uhr. Ende Land: LT.

Der frühe Vogel… kocht mir Kaffee. Wer bis in die Nacht rein arbeitet, steht halt erst mittags auf. Bevor ich mir meinen Kaffee aufsetze verschwinde ich kurz in der Tankstelle um das Esszimmer auszufegen und Platz in der Blase zu schaffen.

Um 14:00 Uhr drehe ich den Zündschlüssel und der rovfågel erwacht mit einem satten Brabbeln. Ich löse die Feststellbremse und fahre wieder auf die E67.

Eine halbe Stunde später passiere ich die Grenze zu Polen.

Szypliszki. Zubryn.Ortsumgehung Suwalken. Bei Raczki arbeite ich mich einmal durchs Kleeblatt um der E67 weiter zu folgen.Bei Augustow wechsele ich auf die DK61 Richtung Wojska Polskiego.

Belda. Grajewo.

Irgendwo im Nirgendwo meldet sich dann schon wieder die Tankanzeige, Ich habe doch gerade erst… Ein Blick in den Bordcomputer verrät, dass die Warnanzeige ein wenig übervorsichtig ist. Kurz vor Warschau fahre ich dann von der S8 ab – Fütterungszeit für Maschine und Mensch.

Die Uhr zeigt 23:58 Uhr. Ich bin bis kurz hinter Lublin gekommen. Die Tour war ziemlich ereignislos. Einfach nur Kilometer fressen. Dank der richtigen Musik aber kein Problem. Jetzt läuft gerade Try Better Next Time von Placebo. Wird gemacht. Für heute ist Feierabend auf einem Sandplatz. Etwas über achteinhalb Fahrstunden.

Ich werfe noch kurz einen Blick auf die Nachricht die Sandra mir geschickt hat. Nur ein virtueller Gute-Nacht-Kuss.

Donnerstag, 11.11.2021, bei Lublin.

Ich werde unsanft vom Geräusch eines Presslufthammers geweckt. Ich werfe einen Blick auf die Uhr. 08:00 Uhr. Na gut, kann man gelten lassen. Ich ziehe mich an und klettere aus dem Scania um mal eben ins Gebüsch zu verschwinden und eine Katzenwäsche aus dem Kanister vorzunehmen. Woher der Lärm des Presslufthammers kommt kann ich nicht orten – jedenfalls ist nirgends direkt eine Baustelle zu sehen.

Da ich noch einige Stunden Pause habe mache ich mir in Ruhe Kaffee fertig, esse Frühstück und fahre dann den Laptop hoch um mich ein bisschen um meinen Bürokram zu kümmern.

Mein Telefon klingelt. Im Display steht eine mir unbekannte deutsche Mobilfunknummer. Ich nehme ab und will gerade zum Begrüßungstext ansetzen, da schallt mir schon eine Stimmaufzeichnung entgegen: „This is a message from federal police….“ Ich lege auf. Na klar… die Polizei. Mit einer aufgezeichneten Nachricht. Wer’s glaubt.

Mein Telefon klingelt wieder. Dieses Mal steht im Display mein Fahrer Tom. „Moin Tom, Christian hier.“ „Servus Christian. Hat der Maier-Flink dich schon angerufen?“ „Mich nicht. Aber bei Anny. Ich denke mal, dass du die Petersburg-Line meinst.“ „Ja, die meine ich. Dann hast du mit Annyka schon gesprochen?“ „Nein, Sandra aber.“ „OK. Mit Sandra habe ich auch schon telefoniert vorgestern. Sie hatte mir ja als Alternative ne Linie zu den Franzmännern genannt; fand ich nicht so toll.“ „Ich weiß. Sandra und ich sind uns einig, dass du auf deinem Volvo bleibst. Und es ist ja nicht so das wir keine Arbeit haben.“ „Das denke ich mir. Ich sage mal so… der regelmäßige Umlauf nach Petersburg war schon angenehm. Und mit Roman im Gegenzug hatte ich auch echt nen guten Partner, auch wenn er ja nicht bei uns angestellt war. Um Roman als Fahrer mache ich mir keine Sorgen – nur sorge ich mich um Anny. Roman und sie wollten ja nächstes Jahr heiraten. Kein Plan wie das mit den beiden funktioniert wenn er nicht mehr regelmäßig nach München fahren kann.“ „Keine Sorge. Hat Sandra schon alles abgeklärt. Yanaa und Alexej geben ihn an uns ab. Er wird für uns weiter fahren.“ „Sehr gut. Dann brauche ich mir da keinen Kopf mehr drum machen. Du sagtest ich kann meinen Zug weiter fahren?!“ „Ja. Wie und wo genau weiß ich noch nicht. Aber stell dich auf regelmäßig Norwegen ein. Und auf einen Kühlschrank am Haken.“ „Norwegen kling gut. Mit ner TK-Schachtel kann ich leben.“

11:45 Uhr. Ich trinke noch einen Schluck Kaffee, dann geht es wieder auf die Straße.

Das Wetter zeigt sich heute von der neblig-trüben Sorte. Trotz der teilweise schlechten Sicht werde ich immer wieder von PKW überholt. Verständnis habe ich für solche halsbrecherischen Aktionen noch nie gehabt.

Ich passiere Rzeszwow und komme auf der E371 immer weiter nach Süden voran. Ich erreiche die Grenze zu Slowenien. Direkt dahinter befinden sich Denkmäler die mahnend an die Kämpfe von 1944 erinnern. Mir diese anzusehen ist jetzt aber zeitlich nicht möglich. Ich beschleunige den rovfågel und lasse ihn dann mit Tempomat bei 82 km/h laufen. Bei Sarissky Stiavnik erwarten mich dann eine Runde Serpentinenfahrt. Danach wird es wieder ereignislos.

Ich erreiche den Grenzübergang Nadlac von Ungarn zu Rumänien und fluche leise. Ich habe mir soeben vier Minuten Überzug auf der Karte gebucht. Aber so ist dass, wenn man am Tagesziel nicht gleich einen Stellplatz findet. Ich kann ja schlecht mitten aufm Markt stehen bleiben. Ich quittiere noch Ende Land: H, mache mir einen Ausdruck des Tachograpen und notiere mir den Grund für die vier Minuten. Dann wandert der Ausdruck in die Ablage zu den Frachtpapieren.

Freitag, 12.11.2021, Grenzübergang Nadlac.

Es regnet mal wieder. Entsprechend schnell bin ich mit meiner Morgentoilette durch und frühstücke zuerst einmal. Anschließend werfe ich noch einen kurzen Blick in meine E-Mails und telefoniere noch kurz mit meinem Schatz. Als ich aufgelegt habe klingelt mein Telefon direkt wieder. Da ich nicht aufs Display schaue melde ich mich mit ”hansekontor. Christian här.” ”Do is Onyka. Guadn Moang.“ „Moin. Was kann ich für dich tun.“ „Grod eigentle nix. I bin auf de falsche Kuazwoitaste kema.“ „Ok. Dann weitermachen. Bei mir geht’s jetzt wieder auf die Straße.“ „Werd gmacht. Dia oan guade Fahrt.“

Zuerst einmal fahre ich zur Passkontrolle auf der ungarischen Seite. Auf der rumänischen Seite werde ich zusätzlich gebeten einmal auf die Waage zu fahren. Mit neununddreißig Tonnen Zuggewicht liege ich im grünen Bereich.

Als ich den Waagenbereich wieder verlassen will muss ich über eine Schwelle fahren die als Hindernis installiert ist um die Durchfahrtsgeschwindigkeit zu senken. Ich rolle langsam drüber. Als ich mit dem Palettenkasten des Aufliegers auf der Schwelle bin ertönt ein hässliches quietschendes Geräusch. Sch***. Ich bin mit dem Palettenkasten hängen geblieben. Ich schaue in den Rückspiegel und entscheide mich dann dafür etwas zurückzusetzen. Anschließend hebe ich meine Antriebsachse mittels der Luftbälge so das ich mehr Platz unter dem Palettenkasten bekomme. Ein neuer Versuch mit etwas schräge drüber fahren gelingt dann ohne erneutes Aufsetzen. Ich bringe die Antriebsachse wieder auf Fahrniveau.

Es ist 15:00 Uhr und mal wieder Fütterungszeit für den rovfågel. Dieses Mal laufen fünfhundertelf Liter in den Tank. Viel Strecke habe ich heute dank Nebel und Regen auch noch nicht geschafft – knapp zweihundertundsechzig. Von Mehadia geht es jetzt über Filiasi und Craiova weiter in Richtung Bulgarien. Kurz nachdem ich Craiova passiert habe darf ich heute ein zweites Mal prüfen lassen ob ich unterwegs heimlich zugenommen habe. Die Wiegenote gibt jedoch keinen Grund zur Beanstandung und ich kann wieder auf die Route 55 zurück. An der Grenze zu Bulgarien mache ich eine weitere Pause.

Knescha. Iskar. Dolni Dabnik. Ich überquere den Fluss Vit. Kurz darauf erreiche ich den Stadtrand von Plewen und folge dem ‚Boulevard Storgozia‘ bis zum Kreisverkehr. Dort fahre ich ins Gewerbegebiet und suche mir einen Stellplatz an dem ich für meine Wochenruhezeit stehen bleiben kann. Es ist 22:45 Uhr und der V8 verstummt.Ende Land: BG.

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