[Woche 125 Sonntag bis Woche 127] Scherzkeks. Fünfundzwanzig Achtundneunzig. Pastasallad med grillad kyckling.




Sonntag, Fährhafen Rostock.
Wie geplant ging es mit der 21-Uhr-Fähre von Gedser nach Rostock. Ohne Probleme wurde mir mein Zug von der Fähre gebracht und auch der Fahrer von Krüger+Voigt für die Übernahme des Trailers wartete bereits. Jetzt steht der R410 auf einem Parkplatz im Hafengelände.


Ich steige bei Donald in den Subaru. „Moin.“ „Moin.“ „Na hat alles geklappt mit der Einarbeitung von Yvonne?“ „Aber klaro. Sie hat nen sauberen Fahrstil und kommt bei den Kunden gut rüber. Und ich bin auf mein neues Spielzeug gespannt.“ „Da sitzen wir doch gerade drinne?!“ „Scherzkeks. Ich meinte schon das für die Arbeit.“ Donald tritt aufs Gas und der Subaru fliegt los.






An der Niederlassung läss Donald mich raus. „Gute Nacht. Wir sehen uns dann nachher um 11:00 Uhr. Yvonne fährt uns zum Truck.“ „Bis nachher.“
Ich schließe auf und liege ein paar Minuten später im Bett.



Woche 126
Montag, Rostock.
Es ist 07:00 Uhr. Zuerst geht’s ins Bad – Duschen und Bart stutzen. Dann mache ich mir in der Küche einen Kaffee. Auf dem Tisch finde ich einen Zettel: Wat zum Frühstücken steht im Kühlschrank. Donald.
Oha. Damit habe ich nicht gerechnet. Umso mehr freue ich mich drüber.

Um 08:15 Uhr gehe ich mit der zweiten Tasse Kaffee ins Büro. Aus dem Lagerbereich höre ich Geräusche und treffe dort auf einen Mitarbeiter von GJB, die mit ihrem Schlüssel Zutritt zu unserem Lager haben. „Moin.“ Etwas verdutzt werde ich angeschaut. „Guten Morgen. Wer sind Sie? Wie kommen Sie hier rein?“ „Ich bin Christian Dansör, der Chef vom hansekontor. Und ich hab einen Schlüssel.“ Der GJB-Mitarbeiter muss zu einem Montagetermin los, weswegen sich das Gespräch recht kurz hält.
Zurück im Büro ist mein Kaffee dann allerdings trotzdem kalt. Ich fluche leise und gehe in die Küche um mir einen neuen zu machen.
Dann führe ich ein paar Telefonate mit meinen Disponenten. James hat dabei für mich die gute Nachricht, dass William ab Donnerstag wieder einsatzfähig ist nach seinem Beinbruch. Er wird ihn aber im Februar aber noch nicht auf einhundert Prozent einsetzen.

Es ist 10:45 Uhr. Yvonne und Donald kommen die Treppe hoch. „Guten Morgen ihr beiden.“ „Hi Christian.“ „Morgen Herr Dansör.“ Donald und ich gucken beide mit einem Grinsen zu Yvonne. „Tschuldigung. Morgen, Christian.“ „Geht doch.“ „Ja. Muss ich mich aber erst dran gewöhnen.“



Donald und ich stehen vor dem R410. Yvonne ist bereits auf dem Weg zurück zur Niederlassung von wo aus sie mit Donalds Scania, der jetzt ihre Zugmaschine ist, zu ihrer Tour startet.

„Wow. Der ist euch gelungen.“ Nach einem Moment der Begutachtung macht Donald die Abfahrtskontrolle. Auf geht’s Container aus’m Hafen pflücken und ab nach Hamburg.





Am Kreuz Rostock wechselt Donald von der A19 auf die A20 in Richtung Lübeck. Ich sitze auf dem Beifahrersitz und gieße uns Kaffee ein. „Was’n Glück, dass es für uns gen Westen geht.“ „Richtung Osten liegt dir wohl nicht?“ „An sich schon. Aber nicht über die A20. Die Sperrung wegen der Absackung bei Tribsees kostet jedesmal Zeit und Nerven. Nerven insbesondere wegen der Umleitung durch die Dörfer. Ich kann den Unmut der dortigen Bewohner verstehen.“ „Ja, lustig ist das bestimmt nicht. Gibts sonst was Neues in der Gegend?“ „Wie man es nimmt… So ein paar blaue P***säulen in Zurow an der B192, zwischen Schönberg und Selmsdorf auf der B104 und an noch ein paar anderen Stellen.“ „Neue Blitzer? „Das sollen die angeblich nicht können. Die blauen Säulen sind von TollCollect. Zur Erfassung von mautpflichtigen Fahrzeugen ab siebeneinhalb Tonnen. Bei uns in Mecklenburg-Vorpommern sollen dann fünfundreißig davon rumstehen, wenn zum 01. Juli die LKW-Maut auf die Bundesstraßen ausgeweitet wird. Aber zumindest in Mecklenburg ist das ja nichts wirklich Neues. Schon im 19. Jahrhundert gab es den Beruf des Chausseegeldeinnehmers. Du kennst doch das kleine Haus in Waldeck an der B105 nahe Grevesmühlen?“ „Ja. Oft genug dran vorbei gefahren. „Das war so ein Chausseewärterhaus. Der Erker straßenseitig diente dem Geldeinnehmer zum Beobachten der Straße in beide Richtungen. Er kontrollierte seinen Straßenabschnitt, erledigte kleine Ausbesserungen und sperrte die Straße mit Hilfe eines Chausseebaumes, vor dem die Lenker von Fuhrwerken halten mussten. In Klein Siemz steht auch so eine Hütte. Dort wurde noch bis 1918 Chausseegeld erhoben.“

Wir passieren die Raststätte Fuchsberg. Donald zeigt in Richtung Raststätte rüber. „Siehst du den grauen Kasten dort vorne an der Leitplanke?“ „Ja. Sieht aus wie ein Anhänger. Aber so merkwürdig verblecht.“ „Das ist einer der Blitzeranhänger, die sie hier in der Gegend inzwischen zum Abzocken hinstellen.“ Ich muss grinsen. „Hast du gerade Abzocken gesagt?“ „Na klar. Was anderes ist es doch nicht. Die stehen immer wieder an den selben Stellen. Halt da, wo die Kasse klingelt. Ich meine mir soll’s egal sein, wenn man sich an die Spielregeln hält bekommt man auch kein Ticket.“







Kreuz Hamburg-Ost. Donald setzt den Blinker rechts und zieht auf die A24. „Der R410 gefällt mir.“ „Ich find den auch gut. Ich denke für dein Einsatzgebiet ist der goldrichtig. Und mit dem Midlift-Chassis bist du auch noch gut dabei, wenn die Dosen mal etwas schwerer sind.“ „Oder ich mal einen Tieflader spazieren fahren soll. Mona meinte letztens, dass es auch mal sein kann, dass sie mich mit Yvonne zusammen auf längere Strecke schickt. Büchse aus Rotterdam holen oder so.“ „Und was meinst du dazu?“ „Hm, naja. An sich bin ich inzwischen Abends ganz gerne zu Hause. Aber wenn mein Schatz eh mit auf die Tour kommt, dann geht das schon. Von mir aus dann auch mit zwei Trucks.“ „Das hab ich mir gedacht. Ich denke das es nicht allzu häufig vorkommen wird. Aber ich weiß schon was du meinst. Wenn ich alleine unterwegs bin fehlt mir auch etwas. Aber ich könnte auch nicht nur im Nahverkehr rumdüsen. Und Sandra liebt das Fahren. Aber aufs Büro will sie auch nicht verzichten.“ „Siehst du. So lange die Balance stimmt passt es doch.“ „Oh ja, das ist sehr wichtig. Ich weiß noch zu gut aus meiner Angestelltenzeit wie es da hieß ich hätte doch einen Arbeitsvertrag unterschrieben.“ „Lass mich raten… du solltest stets und ständig Gewehr bei Fuß stehen und Arbeit, Arbeit über alles – das Privatleben zählte ’n Scheiß?!“ „Ich könnte es nicht anders ausdrücken. Als Unternehmer stehe ich da inzwischen selbst manchmal zwischen Baum und Borke. Da ich aber eben jene Aussagen damals wie die Pest gehasst habe, und mir eigentlich immer nur auf die Zunge beißen musste, will ich es anders machen.“ „Bisher ist dir, und auch Sandra, das glaube ich ganz gut gelungen. Ich bin jetzt gut elf Jahre für euch unterwegs und hatte noch nicht das Gefühl, dass ihr immer nur fordert. Das beste Beispiel ist eigentlich, dass ihr damals meinem Wunsch nach regionalen Touren nachgekommen seit..“ „Daran hast du ja wohl die meisten Aktien. Ohne dich würde es diese Touren im Containerverkehr in der Form für uns nicht geben.“


Es ist kurz nach 15:00 Uhr. Wir sind erstaunlich gut durch gekommen. Donald hält vor meiner Hamburger Niederlassung. „Bis demnächst. War schön dich mal wieder als Beifahrer im Auto zu haben.“ „Danke Donald. Viel Spaß mit deinem Neuen. Sieh zu, dass du zum Feierabend wieder in Rostock bist.“ „Verlass dich drauf. Dose abwerfen, ne Neue drauf und dann im Rahmen der Spielregeln vörut.“






Es ist kurz vor 20:00 Uhr. Den Nachmittag hab ich im Büro und in der Werkstatt mit ein paar Arbeiten hinter mich gebracht. Jetzt stelle ich den Niederlassungs-Sprinter am nahe gelegenen LIDL ab um dort noch ein bisschen Vorräte einzukaufen – Sandra hatte mir ja schon gesagt, dass es ab Malmö dann auf die Insel gehen wird.
Im Markt ist es ziemlich voll und die Kasse kommt kaum hinterher. Eine zweite Kasse wird aber auch nicht aufgemacht. Also wahrscheinlich mal wieder knapp besetzt. Winterzeit gleich Krankheitszeit. Mich stört es nicht; muss ja heute nicht mehr los.

Ich komme mit meinen Einkäufen in Richtung Kasse und höre einen älteren Herrn mit Brille und grauen Haaren lauthals auf die Kassiererin schimpfen. Das junge Mädel, vielleicht noch Auszubildende, weiß nicht so recht wohin mit sich und ist sichtlich erleichtert als der Kunde endlich abzieht.

Ich bin an der Reihe. „Guten Abend.“ begrüßt mich die junge Frau. Mit einem Lächeln. Die Situation von vor ein paar Minuten sieht man ihr aber dennoch an. „Guten Abend. Bei Ihnen ist alles in Ordnung? Der Kunde eben war ja nicht gerade das gelbe vom Ei.“ „Ja, geht schon. Der ist eigentlich jedes mal so. Dem geht’s nie schnell genug. Der Name scheint bei ihm Programm.“ „Na da bin ich gespannt. Wie heißt der Herr?“ „Dr. Henry Wichtig.“ Ich verschlucke mich fast. „Oha. Kenn ich nicht. Nie gehört. Aber bei dem Namen denkt er sich wohl größer als er ist.“ Sie grinst mich an. „Ich sehe es Ihnen an, Sie glauben das auch.“ „Ich darf das aber nur denken.“ Die Kasse piepst ein letztes mal für mich. „Fünfundzwanzig Achtundneunzig bekomme ich bitte von Ihnen bitte.“ „Einmal mit Karte.“

Sie reicht mir den Kassenbon. „Danke. Schönen Feierabend nachher gleich.“ „Ihnen auch. Verraten Sie mir Ihren Namen? Es tut gut, mal ein paar freundliche Worte zu bekommen.“ „Christian Dansör. Und ein bisschen Anstand und Sitte sollte jeder an den Tag legen. Sie können das. Und ich hoffe, dass andere Ihnen diesen Respekt auch entgegen bringen und sich nicht wie Dr. Wichtig aufführen.“ Ich bekomme ein Lächeln als Antwort und verlasse den LIDL.


Auf dem Weg zum Sprinter kreisen meine Gedanken. Ich kenne den Einzelhandel ja ein bisschen aus der anderen Richtung, also aus dem Bereich Wareneingang, bzw. von den Zentrallägern. Der Ton ist manchmal rau, weil die Zeit knapp ist. Aber ein rauer Ton ist nichts Negatives. Wenn es dann aber, wie eben mit dem Knaller an der Kasse, ins Respektlose abdriftet dann hat da einer ganz gewaltig ein Problem. Mit sich selbst.



Dienstag,Hamburg.
Es ist 04:00 Uhr. Duschen. Ein Brötchen und einen Kaffee. Dann geht es rüber zur Werkstatt, wo ich den V8 starte. Aufgesattelt hatte ich gestern Nachmittag bereits, sodass ich jetzt nur die Abfahrtskontrolle machen muss und dann direkt starten kann.

Punkt 04:45 Uhr . Über die A24 rolle ich zur A1. An Lübeck und Neustadt in Holstein vorbei geht es Richtung Fehmarn. Ich hätte zwar auch über Lübeck nach Trelleborg fahren können; hatte mich aber dann doch für die Route über Puttgarden/Rødby entschieden, da die Fähren ab Travemünde knackevoll gewesen wären und mir erst für die Abendüberfahrt ein Platz angeboten werden konnte.






Es ist 13:27 Uhr und ich stelle den Trailer mit den Tiefladern hinter die Halle. Der V8 verschwindet danach vollgetankt in der Halle.

Mit einer Tasse Kaffee sitze ich im Büro. Sandra hat mir die Auftragsdaten für die Inseltour zugemailt und ich gucke mir die Route bei googlemaps an. Über Esbjerg geht es mit der Fähre nach Immingham. Die Fähre geht nach Fahrplan um 21:30 Uhr. Spätestens drei Stunden vorher muss ich zum Checkin da sein.

Das Telefon klingelt. „hansekontor i Malmö. Christian Dansör.“ „Hej älskling.“ „Na Süße. Hast du gesehen, dass ich im Büro sitze?“ „Neee. Aber ich bin davon ausgegangen. Josy sagte vorhin dass du um 06:00 Uhr schon in Hamburg vom Hof warst.“ „Achso.“ „Den stora rovfågen kör bra.” ”Wer fährt sich gut? Der große Raubvogel?” ”Ja. Dein neuer Scania. Ich musste was zum Hafen Stockholm ziehen. Und du kennst mich ja; ich bin neugierig.” ”Das is nix Neues. Aber das darfst du auch sein.”








Mittwoch, Esbjerg.
Kurz vor 15:00 Uhr fahre ich über den Gammelby Ringvej. Zwei Kreisverkehre, dann rolle ich durch den Estrupvej und ein paar weitere Straßen zum Fährhafen von Esbjerg. Ich bin viel zu früh dran für die Fähre. Aber lieber so, als dass ich am Ende hetzen muss.
Ich stelle den Tandemzug im Wartebereich ab und melde mich kurz im Fährbüro.




Donnerstag, Immingham.
Es ist 15:25 Uhr. Die Fähre hatte zwar pünktlich festgemacht, jedoch gab es ein paar Probleme die Laderampe zu öffnen, woraus knapp eine Stunde Verzögerung entstanden ist.
Ich muss mich erst einmal wieder dran gewöhnen, dass ich auf der linken Straßenhälfte zu fahren habe. Aber das geht recht zügig.

16:15 Uhr. Ich erreiche den ersten Kunden auf der Insel. Dieser hat bei uns für eine Weile den Zentralachs-Schmitz angemietet; mit der Option diesen später auch zu kaufen.


Die Übergabe geht recht schnelll über die Bühne. An Feierabend ist aber noch nicht zu denken – ich muss von Doncaster aus noch weiter nach Liverpool, die Paletten die ich am Flughafen Kopenhagen aufgesammelt habe wollen noch von Bord.

Um kurz nach 20:00 Uhr habe ich auch das erledigt und stelle mich beim Kunden auf dem Hof an die Seite. Anschließend mache ich mir einen Kaffee und wähle Sandras Rufnummer. Aber außer dem Freizeichen passiert nichts auf der Leitung.

Um 21:30 Uhr klingelt mein Telefon – das Display zeigt mir Sandras Rufnummer. ”Hej. Ich war noch beim Sport mit Tania.” ”Hab ich mir gedacht.” ”Bei dir alles in Ordnung?” ”Ja. Ich wollte nur deine Stimme nochmal hören. Und dir Bescheid geben, dass ich leer in der Gegend rumsteh.” ”Na dann sieh zu, dass du das änderst. Kennst doch deinen Tourenplan.” ”Hey, nich so frech. ’n alter Mann hat auch mal Feierabend.” ”Phhhh. Erst macht er ne Kreuzfahrt und dann will er auch noch Feierabend.” ”Nich gut?” ”Ach Süßer. Natürlich.” ”Dann bin ich ja beruhigt. Ich hau mich jetzt in die Falle. Morgen früh sammel ich bei OBS Logistics ein paar Paletten ein und dann gehts ab nach Edinburgh.” ”OBS Logistics? Davon weiß ich nix.” ”James hat mir ne kleine Zwischenladung besorgt, damit ich nicht leer rumkutsche.” ”Nicht verkehrt. Wie viel denn?” ”Sechs Europaletten.” ”Mhm. Auf jeden Fall besser wie nix. Und Zeit hast du ja auch bis du den überbreiten Trailer in Aberdeen übernehmen musst. Vor Montagmorgen ist da eh nix fertig.” „Nu denn… Schlaf gut und träume was Schönes.” ”Du auch. Jag älskar dig.” ”Ich dich auch.”


Freitag, Liverpool.
08:30 Uhr. Ich fahre bei OBS vom Hof.


Über die A561 und den Knowsly Expy geht es zum Tarbock-Roundabout. Über diesen geht es auf die M62.


Der Verkehr kommt ins stocken und kurz darauf stehe ich auf der mittleren Spur im
Stau.


Schrittweise geht es vorwärts. Die Ursache des Staus ist ein Kollege, der von der Fahrbahn abgekommen ist. Die Polizei leitet den Verkehr einspurig daran vorbei.

Ich wechsele auf die M6 in Richtung Preston. Der Stau hat einiges an Zeit gekostet, sodass ich noch vor Carlisle die ersten viereinhalb Fahrstunden voll habe. Ich fahre auf einen Parkplatz und stelle mich hinter einen grauen DAF.


Ein Blick auf mein Telefon. Eine WhatsApp-Nachricht von Sandra. Was für ein Kauderwelsch. Soll ich das verstehen? Aber: Hallo mein Schatz. Ich liebe dich. Ich gucke mir meine Nachricht an, die ich am Morgen rausgeschickt hatte. Tatsächlich unverständlicher Mist. Ich hab ohne wirklich hinzusehen schnell getippt und die Autokorrektur vom Telefon hat eine Eigendynamik entwickelt. Na super. Ich sollte beim Schreiben vielleicht doch hinschauen, denn das ist schon öfters so gewesen (Nur dass ich die Nachricht dann noch nicht abgeschickt hatte.).







Ich rolle in die Ortschaft Kirknewton. Blinker links. Es geht auf die Bonnington Road. An Feldern vorbei und unter der M8 hindurch. Kurz darauf bin ich in einem Gewerbegebiet.
Die Adresse für die Ablieferung der Paletten, 21 Cliftonhall Road in Newbridge, entpuppt sich als DPD Depot.

Es ist bereits 16:28 Uhr als ich mich im dortigen Frachteneingang anmelde. Es herrscht emsiges Treiben im Depot, da die ersten Auslieferungsfahrer mit ihren Sprintern von der Tour zurückkommen. Meine sechs Europaletten sind zügig vom Motorwagen gezogen. „Schicker Wagen. Und dann auch noch mit V8, wenn ich mich nicht verhört habe.“ „Haben Sie nicht. Ist der DC16 06 mit fünfhundert PS.“ „Dann mal allzeit gute Fahrt damit.“ „Danke. Heute geht die Fahrt allerdings nicht mehr allzu weit.“

Ich fahre die kurze Strecke bis zum Hotel Premier Inn Edinburgh Airport Newbridge, das ich am Vormittag kurzfristig als meine Stätte für die Wochenruhezeit gebucht habe. Es liegt, wie der Name schon sagt nahe dem Flughafen, inmitten eines Gewerbegebietes mit zig Autohändlern. Mein Radio gibt die Nutbush city limits von Ike&Tina Turner wider. Ich biege nach rechts auf das Gelände, das mir mein Navi als Parkplatz des Hotels angibt. Uff, hoppla. Platz ist hier aber Mangelware. Gut, dass ich nur mit dem Motorwagen unterwegs bin. Saxon stimmen ihr Thunderbolt an. Ich fahre am Gebäude vorbei und stelle den Scania neben einer  Absetzmulde ab.

„Herzlich Willkommen im Premier Inn Edinburgh Airport Newbridge.“ „Guten Abend. Christian Dansör. Ich hatte heute früh telefonisch ein Zimmer bei Ihnen bestellt.“ Die Rezeptionistin, die ihren grauen Haaren und den Falten im Gesicht zufolge wesentlich älter als ich ist, schaut in ihr Computersystem. „Ah ja. Alles klar. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“ Ich wende mich schon ab um zu meinem Zimmer zu gehen als sie halblaut vor sich hinmurmelt: „Merkwürdig. Ein LKW auf dem Hof. Ich bekomm doch heute gar keine Lieferung mehr.“










Woche 127
Montag; Aberdeen.
Am frühen Sonntagabend hatte ich aus dem Hotel wieder ausgecheckt um die letzten knapp drei Stunden Fahrtzeit nach Aberdeen zu DHL Freight hinter mich zu bringen. Gut zweihundert Leerkilometer. Aber was solls, Sandra hatte das bei der Auftragsannahme im Vorfeld mit einkalkuliert und einen entsprechenden Frachtpreis ausgehandelt. Durch Donalds Zwischentour stehen wir ja sowieso besser da, als ursprünglich angedacht. Im Normalfall haben wir bei DHL feste Sätze. Diese beziehen sich aber nur aufs Stückgut, nicht den Spezialtransportbereich.

Es ist 06:00 Uhr. Mein Wecker klingelt. Beim Blick drauf sehe ich eine Nachricht von Sandra: Guten Morgen. Hab einen guten Start in die neue Woche. Fähre Immingham – Esbjerg ist für morgen Abend 20:30 Uhr gebucht. Die Nachricht hatte sie um 03:00 geschickt. Demnach ist sie wohl mal wieder für Scania auf der Frühtour raus. Ich mache schnell eine Katzenwäsche aus dem Kanister. Bäh is das kalt.

Fix zurück in den Scania geklettert und erst einmal einen Kaffee gemacht. Ich werfe einen Blick ins Firmensystem um zu sehen was die Disponenten für den Rest der Truppe so geplant haben.

Es ist kurz nach 08:00 Uhr. Der Trailer steht abfahrbereit auf dem Hof. Der Laderaum vom Scania bleibt ungenutzt. Die Papiere sind unterschrieben.
Abfahrtskontrolle und los geht’s.






17:58 Uhr verstummt der V8 an einer Tankstelle im Süden von Carlisle. Erstaunlicherweise ist das Gelände ziemlich leer. Es stehen lediglich zwei Scania von Eddie Stobart und ein MAN von KFL Intertrans. Ein weißer Scania R mit einem Auflieger des britischen Billigfliegers Jet2 fährt gerade vom Hof. Mein Magen knurrt. Ich greife jedoch zuerst zum Telefon um das abendliche Telefonat mit Sandra zu machen.



Dienstag, Carlisle.
Bis zum Fährhafen stehen noch einhundertsiebenundsiebzig Meilen, also rund dreihundert Kilometer, vor mir. Für die gestrigen knapp vierhundert Kilometer hatte ich schon knapp neun Stunden Fahrtzeit gebraucht. Allerdings waren auf der Strecke auch viele kleinere Landstraßen dabei. Heute hingegen heißt mein Revier eher Autobahn.

Ich hole mir noch einen Kaffee im Tankstellenshop. „Sie sind der Schwede mit dem Haus am Haken, oder?“ „Ja genau.“ „Wo soll’s denn bei Ihnen hingehen?“ fragt mich der Servicemitarbeiter. „Nach Immingham auf die Fähre nach Dänemark.“ „Ah okay. Meiden Sie am besten die A66. Das ist die Verbindung von Penrith in Richtung Richmond.“ „Weshalb?“ „Auf der Route sind derzeit viele Baustellen. Es kracht öfter mal und dann ist die Straße gleich komplett dicht.“ „Hmmm. So was brauch ich nicht wirklich. Haben Sie ne Alternativroute, die sich mit dem überbreiten Trailer problemlos fahren lässt?“ „Heisst Überbreite bei Ihnen, dass Sie eine vorgegeben Route fahren müssen?“ „Im aktuellen Fall habe ich für Großbritannien keine Einschränkungen.“ „Dann würde ich empfehlen die M6 noch ein Stück gen Süden zu fahren. Bei Crooklands dann rüber auf die A65. An Leeds vorbei kommen Sie bei Wakefield auf die Strecke, die sie auch von der A66 nach Immingham führt. Navi haben sie sicher eh im Fahrzeug? „Ja, ohne dem ist man heute eigentlich nur noch bis zum nächsten Kirchturm unterwegs. Wenn man sich nicht blind drauf verlässt, sondern es als das was es ist, eine Navigationshilfe, nutz ist es ein gutes Stück Technik.“












Es ist 16:10 Uhr und ich liege gut in der Zeit. Ich setze den Blinker links und fahre langsam aus dem Kreisverkehr auf die Humber Road. Hinter mir ist ein BMW am Hupen. „Jaaaaaa doch. Ich kann mich nicht in Luft auflösen.“ schimpfe ich in mein Fahrerhaus. Phhhh. BMW-Fahrer im Feierabendverkehr. Bei dem Gedanken muss ich grinsen, habe ich doch selbst privat so ein bayrisches Dickschiff. Die Straße führt um die Immingham West Fire Station herum.
Kurz darauf stelle ich meinen Zug im Fährhafen auf die Wartefläche.


Mittwoch, Esbjerg.
Ich biege auf den Toldbodvej ein. Vor genau einer Woche bin ich diese Strecke in entgegengesetzter Richtung von Malmö aus gefahren. Mein Navi erzählt mir was von eintausend Kilometern bis nach Uppsala. Vorher muss ich aber noch den Trailer abliefern. Wenn ich auch gerne unterwegs bin, so freue ich mich jetzt doch richtig darauf wieder nach Hause zu kommen.







Es ist 23:30 Uhr. Nach einem kurzen Halt an meiner Niederlassung in Malmö , es gab kurzfristig noch vier Europaletten von DHL, die Tjelvar zuvor mit dem Sprinter schon dort abgeholt hat, für Linköping. Ich passiere den Ortseingang von Nordanå. Kurz darauf erreiche ich die Zieladresse für den Trailer, eine Baustelle. Der V8 verstummt und ich verschwinde erst einmal am nächsten Busch.
Ich beeile mich, denn es schüttet ganz ordentlich. Na hoffentlich ist das morgen auf der Baustelle befahrbar.



Donnerstag, Nordanå.
Punkt 07:00 Uhr verkündet mein Wecker mit einem schrillen Piepton das Ende der Nachtruhe. Ich schnelle hoch und lasse den Ton verstummen. Die Weckzeit stimmt, aber eigentlich hatte ich einen anderen Klingelton gewählt. Hat sich mein olles Smartphone also mal wieder im Bereich der SD-card aufgehängt. Ein Tag der so beginnt kann nur besser werden.

Ich mache die Morgentoilette und anschließend einen großen Kaffee. Der Regen hat aufgehört. Die Sonne kämpft sich durch die Wolken.

Es klopft an der Fahrertür. „Tjena.“ „Hejda.“






Ich bin gerade vom Mor Marnas väg auf die E6 in Richtung Helsingborg gewechselt. Die Uhr zeigt kurz nach elf an. Mein Funkgerät meldet sich: „Hej Christian.“ „Hi Felicia. Ich kann dich hören, aber nicht sehen.“ „Guck mal in den Rückspiegel.“ Dort sehe ich einen R400 näher kommen. „Ah jetzt ja. Wo geht’s hin?“ „Nur kurz nach Helsingborg. Ne Dose im Hafen einsammeln. Das muss Meike auch kennen lernen. Wir machen gerade Arbeitsteilung. Sie fährt, ich quatsche.“ „Na dann auch ein Hallo an Meike.“ „Hallo Chef.“ „Läuft soweit alles bei euch?“ „Bestens. Genug Arbeit da. Morgen nochmal bisschen Hafenpendel, dann ist Wochenende. Für nächste Woche sind Meike und ich dann mit beiden Zügen unterwegs Richtung Niederlande. Wie siehts bei dir aus?“ „Ich hab vorhin gerade einen Trailer mit einem Hausmodul aus Schottland in Nordanå abgekuppelt. Heute geht’s noch zu DHL in Linköping. Je nachdem was die Zeit dann sagt geht es weiter nach Hause, wo dann hoffentlich auch für mich Wochenende ist.“ „Soll ich Sandra anrufen und…“ „Neee, lass mal gut sein. Ich glaube sie ist dann auch froh, wenn ich mal wieder zu Hause bin.“ Wir passieren den Trafikplats Kronetorp norr und scherzen noch ein bisschen weiter über Funk.

Kurz vor dem Trafikplats Helsingborg söder verabschieden sich Meike und Felicia. Dann ist wieder Ruhe im Funk.

Ich wechsele aufdie E4 und folge den Schildern in Richtung Kristianstad/Stockholm.






Mein digitaler Wächter fängt an zu meckern, mit anderen Worten: Zeit sich einen Platz für die Pause zu schnappen. Am Trafikplats Torsvik fahre ich ab. Um nach links in Richtung Tankstelle zu kommen muss ich erst durch einen Kreisverkehr. Vor mir ist jedoch ein Fahrschulwagen und der Schüler scheint sich noch nicht so recht zu trauen. Der Verkehr lässt eine Lücke und der Fahrschulwagen macht einen Hüpfer wie ein Känguru. Wahrscheinlich Kupplung fliegen lassen und abgewürgt.

Der V8 stellt sein Gebrabbel ein. Ich gehe ins Värdshus und bestelle mir ein Stück Kuchen, sowie einen Kaffee.







Nach der Pause ging es zurück auf meine Rennstrecke, die sich mit bei 83 km/h gesetztem Tempomaten entspannt fahren lässt.

Es ist 17:30 Uhr. Mein Telefon meldet einen eingehenden Anruf aus meiner Berliner Niederlassung. Ich stelle auf Freisprecheinrichtung und melde mich. „Christian hier. Wer stört?“ „Icke.“ meldet sich Mona. „Was machst du noch im Büro?“ „Im Sand spiel icke nich. Und zu Haus wartet eh keiner. Ich sitze gerade an der Fahrzeugplanung. Lucy ihr XF und Tomeks MP3 haben schon ziemlich viele Kilometer auf der Uhr.“ „Das haben die Scania in Malmö auch.“ „Weiß ich. Nur Tomek fährt viel für das Mercedes-Werk und er wurde da wohl schon mal drauf angesprochen.“ „Verstehe. Lass dir mal von MB Charterway ein Leasingangebot erstellen; im Normalfall kauf ich meine Trucks lieber – aber in dem Falle… Ausstattung nicht Holzklasse. Und ich will keine Charterway-Werbung dran haben. Farbe am besten deren standardmäßiges Weiß. Bei 300.000 muss der dann wieder getauscht werden. Das soll Charterway gleich mit einkalkulieren. Weißt du aus dem Kopf, wann Tomek seinen Haupturlaub hat?“ „So Ende Juni.“ „Dann lass uns den Fahrzeugwechsel da im Anschluss dran machen. Das Angebot will ich vorher aber auf’m Tisch haben.“ „Jut, kümmer icke mir drum. Wat is mit dem Hundertfünfer?“ „Alt, aber zuverlässig. Ich würde sagen dass wir für Lucy einen XF 106 ordern. Fernverkehrskabine mit 2 Betten. Da düse ich die Tage selber
mal zu nem Händler.“ „Jo.“ „Den Hundertfünfer lassen wir dann als Reservefahrzeug oder für Auszubildende.“








Ich fahre durch die Finnögatan und kurz darauf auf den Hof von DHL Linköping. Im Lager sind noch zwei Mann am arbeiten.

19:20 Uhr sind meine Papiere unterschrieben und ich schließe den Frachtraum. Da meine Fahrzeit eh nicht mehr bis nach Hause reicht fahre ich nur eben über die Finnögatan, Harstenagatan und Torvingegatan zur Tankstelle nahe dem Kreisverkehr. Dort stelle ich den digitalen Aufzeichner auf Pause und greife zum Telefon. Am anderen Ende tut sich nichts. Dann geh ich halt erst was im MAX essen. Ich habe allerdings weder auf Pommes noch auf Burger Appetit. Ein Blick auf das Angebot ist aber vielversprechend: Pastasallad med grillad kyckling. Ein frischer Salat mit Nudeln, Lauchzwiebeln,Spargel, Radieschen, Kirschtomaten, gegrilltem Hähnchen und einem Pfefferdressing.

Zurück am Scania wähle ich nochmals Sandras Telefonnummer. „Hej älskling“ „Hi Süße. Warst vorhin bestimmt beim Sport?“ „Ja genau. Bisschen Ausgleich zum Büro und Fahren muss ja sein. Kommst du heute Nacht noch heim?“ „Dafür reicht die Fahrzeit leider nicht. Stehe in Linköping. Die Fuhre für DHL ist schon runter.“ „Hmm, schade. Aber die Karte versauen macht auch keinen Sinn.“ „Morgen Mittag bin ich ja zu Hause, Schatz. Es sei denn du scheuchst mich noch wieder irgendwo hin.“ „Ist nicht geplant. Bis jetzt sieht es so aus, dass du mal ein paar
Tage im Büro sein darfst.“


Freitag, Linköping.
Es ist 06:30 Uhr. Der Kaffee ist fertig und ich schmiere mir mein Frühstücksbrötchen. Draußen prasselt der Regen auf Fahrerhaus. Ich bin ja mal gespannt ob es Richtung Uppsala wettertechnisch besser wird. So langsam könnte ich ein paar Sonnentage gebrauchen. Die Temperaturen dürften sich auch mal wieder etwas nach oben bewegen.
Aktuell geht’s nur von kalt auf ganz kalt. Definitiv die falsche Richtung.






Auf der Schilderbrücke taucht der Flughafen Arlanda auf, ich bin also gleich zu Hause. Ich freue mich total drauf meinen Schatz umarmen zu können. Draußen ist es, so wie beim Start in Linköping – noch am regnen. Aber das ist mir inzwischen auch egal. Ich greife zum Kaffeebecher und führe diesen zum Mund. Hmmm…. Wer hat den ausgesoffen?

Ich erreiche die Ausfahrt Uppsala Södra und setze den Blinker links. Kurz darauf geht es durch die Stadshusgatan. Ich stelle den Motorwagen auf das Lagergelände an die Rampe und gehe dann über die Straße zu meiner Zentrale.

Es ist 11:30 Uhr. Sandras Hauber steht nicht in der Halle. Ich gehe hoch in den Bürotrakt. Sandras Büro ist leer. Ich hatte bis eben noch gehofft, dass Tania mit dem Hauber unterwegs ist.
Diese hat mein Eintreffen mitbekommen und kommt mir entgegen. „Hej Christian.“ „Hej Tania. Wo ist meine Frau?“ „Die liefert eben noch was bei IKEA ab und ist gleich wieder da. Du sollst schon mal das Mittagessen zubereiten.“ „Weißt du auch, was ich kochen soll?“ „Sandra meinte dir wird schon was einfallen, wenn du in den Kühlschrank guckst.“




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googlemaps-Link zum Chausseewärterhaus in Waldeck –>


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