Kapitel 58 – Über den Wolken

Sonntag, 08.11.2020

Ein Treffen unter Freunden fand an diesem Wochenende nicht mehr statt. Davon wurde bereits wieder abgeraten, obwohl es offiziell noch keine Anordnung mit Einschränkungen durch die Gouverneurin oder den County Commissioner gab. Die schwebten aber schon wieder wie ein Damoklesschwert über dem Staat, sollten die Leute sich nicht freiwillig so weit zurück nehmen, dass die Zahlen sich wenigstens konstant hielten.

Isaac sah sich am Wochenende genötigt, aus der Defensive in die Gruppe zu schreiben, dass er nicht glaubte, die Wahl sei in irgendeiner Art und Weise systematisch gefälscht. Allerdings mögen wir ihm doch bitteschön zugestehen, dass Nachzählungen und gerichtliche Klärungen von potenziellen Unregelmäßigkeiten abgewartet werden dürften. Dies sei schließlich keine politische Einbahnstraße und wurde von den Demokraten 2000 auch in die Gegenrichtung betrieben, als denen das vorläufige Endergebnis nicht passte. Genauso wie die es damals getan hatten, werde auch er einen demokratischen Sieg anerkennen, sollten Nachzählungen und Gerichte ihn bestätigten.
Und damit hatte er, so unschön die Situation in diesem Moment auf unserer persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene auch sein mochte, allerdings Recht. Der Klageweg gegen potenzielle Unregelmäßigkeiten war ein legitimer Teil der Demokratie. Und damit sollten auch wir Demokraten uns vielleicht noch nicht ganz so sicher fühlen, wie wir es gerne hätten. Die Anzahl der Klagen und Nachzählungen in drei Staaten könnten in der Tat das Ergebnis noch kippen.
Und das erst einmal bis zu dieser verteidigenden Erinnerung unterbewusst nicht akzeptieren zu wollen zeigte nur einmal mehr, dass das aufgeheizte politische Klima auch an unserem in dieser Hinsicht breit aufgestellten Freundeskreis leider nicht spurlos vorbei ging. Wer auch immer jetzt oder im für einen Demokraten schlimmsten Fall in 4 Jahren die Nachfolge von Donald Trump antreten würde, hatte eine Menge zu einen. Im Großen angefangen global zwischen den Nationen der Welt bis hin im Kleinen zu Freundeskreisen, durch die die Parteigrenzen liefen. Und aufeinander zugehen bedeutete, dass sich in diesem Prozess beide Seiten bewegen mussten.

Alex nötigte mich auch zum Kauf eines neuen fahrbaren Untersatzes, der aber zwei Räder, keinen Motor und eine gewisse Geländegängigkeit haben sollte. Er hatte ein Mountainbike und würde das, wenn es jetzt mit dem Skaten soweit vorbei war, gerne mehr nutzen. Da ich überhaupt kein Fahrrad besaß, musste ich also erst mal eins kaufen. Um es finanziell nicht ausarten zu lassen, verließ ich schließlich Al’s Cycle & Hobby Shop mit einem GT Aggressor, ein ordentliches Einsteigergerät, was bei meinem zu erwartenden Pensum als Wochenendradler ausreichte, aber bestimmt nicht mit Alex deutlich ambitionierterem Scott Scale mithalten konnte. Allerdings hatte der das auch zu einer Zeit gekauft, wo er in dieses Zweirad mehr Vertrauen setzte als in sein damaliges Auto und daher im Alltag als hauptsächliches Fortbewegungsmittel genutzt hatte.
Meine Neuanschaffung mit den mir bisher unbekannten Klickpedalen sollte auch gleich bei Jacksonville, wo westlich von Medford die Berge anfingen, ausprobiert werden. „Ich traue diesen Pedalen ja nicht so ganz.“ „Das ist kein Problem. Ich halte Dir erst mal das Rad und Du übst trocken. Dann suchen wir uns eine weiche Wiese, wo Du das Fahren übst. Dabei packst Du Dich, wie jeder Anfänger mit den Dingern, beim Versuch, die Schuhe zu lösen, dreimal auf die Fresse und dann klappt das auch.“ Alex behielt Recht. Sowohl mit den dreimal Langmachen als auch dass es danach problemlos funktionierte.
Es war erstaunlich, wie gut man mit diesen Pedalen aber bergauf fahren konnte, selbst wenn mein „runder Tritt“ bestimmt noch viele Ecken hatte. Und hinterher musste ich feststellen, dass es auch an meinem in vielen Sportarten geübten Körper noch neue Muskelpartien gab, die ich bisher nicht kannte. Besonders eklig hatten sich dabei jeweils einer auf der Innenseite und Rückseite der Oberschenkel erwiesen. Diese geschundenen Muskeln ließ ich mir dafür abends von Alex massieren – und wenn er schon mal mit seinen Händen in der Nähe war…


Montag 09.11.2020 bis Sonntag, 15.11.2020

In der Firma stand plötzlich ein zweiter Reefer. Brian hatte wohl für die im Winter eher harte Flatbed-Saison vorgesorgt und einen weiteren Trailer für die Auslieferung von Weihnachtsgeschenken und Fressgelagen rund um die vier großen Events Thanksgiving, Weihnachten, Neujahr und Superbowl von November bis Februar beschafft.

Die Woche, in der ich grob gesagt einmal Albuquerque und zurück fuhr, brachte zwei politische Neuigkeiten. Die erste wurde von diversen Gerichten ausgelöst und erschien schließlich als Textnachricht von Isaac in unserer WhatsApp-Gruppe: „Die sinnvollen Klagen sind abgewiesen. Ich gratuliere unserem neuen Präsidenten Joe Biden und seinen zwei Parteifreunden und Wahlhelfern in dieser Gruppe zum Sieg. Der Kindergeburtstag, den Trump da jetzt noch abhält, ist hoffentlich bald zu Ende. Und das Thema Wahl 2020 in dieser Gruppe damit auch auf versöhnliche Weise.“ Wir hatten ja noch keine Ahnung, dass der Kindergeburtstag in einem versuchten Staatsstreich gipfeln würde.

Die zweite Neuigkeit kam am Samstag auf der Rückfahrt durch Nordkalifornien von einem Wochentrip nach Albuquerque. Unsere Gouverneurin Kate Brown setzte einen zweiwöchigen Lockdown in Kraft, nach dessen Ende die Counties alle in einem Ampelsystem sich von der strengsten Stufe startend wieder mit Erholung der Infektionslage schrittweise öffnen können sollten und wieder schließen musste, wenn die Lage sich verschärfte.
Damit stand fest, dass Thanksgiving nur mit Alex stattfinden würde. Es waren private Zusammentreffen von bis zu sechs Leuten erlaubt, aber nur aus zwei Haushalten, die wir so schon zusammen hatten. Es musste ja niemand alleine sein. Evan hatte Danny, Brian und Paul verzichteten auf Reisen zur Verwandtschaft und wollten zu zweit feiern. Isaac hatte Thanksgiving im Blaumann, da für die kommenden Wochen und Monate bei vielen Unternehmen größtmögliche Flottenverfügbarkeit gefragt war und nun auch seine Werkstatt einen ihren beiden Saisonhöhepunkte feiern durfte – der andere war im Frühling, wenn Land-, Forst- und Bauwirtschaft ihre Flotten aus dem Winterschlaf holten. Casey hatte seine Familie hier vor Ort und feierte dort.

Dieses Wochenende, bei dem man also nur zum Sport in der Nähe raus durfte, verbrachten Alex und ich in meinem Haus und Freestyle um kleine Verkehrshütchen skatend auf dem leeren Schulparkplatz 300 Yards die Straße runter als die sportliche Betätigung in der Nähe. Sein Auto hatte er wenigstens in der Woche noch zugelassen bekommen.


Montag 16.11.2020 bis Sonntag 22.11.2020

Vor Thanksgiving ging es aber noch mal mit dem Truck raus. Der erste Auftrag ging wieder nach New Mexico, diesmal nach Santa Fe. Der Anschluss bestätigte, dass Brian mich lieber übers Wochenende draußen ließ als für die kommende, halbe Woche eine regionale Tour zusammenzusuchen. Also Geburtstag alleine im Truck.
Es ging erst mal nach Tuscaloosa, Alabama. Dort blieben mir noch fast zwei Arbeitstage für die Woche und es gab einen Auftrag nach Kalispell (MT). Nicht zu schaffen, also durfte ich einen Reset unterwegs feiern.
Erst einmal reichte an meinem Geburtstag die Fahrzeit noch bis zum Flying J in Warrenton (MO). Hier ging ich dann ins Dennys und löste am Geburtstag meinen Geburtstagsgutschein für ein Stück New York Cheesecake ein. „Happy Birthday!“ murmelte ich zu mir selbst, nachdem der Kuchen serviert worden war. Anschließend unterhielt ich mich noch eine Weile mit Alex über Skype.

Am Samstag dann wurde es im Funk hektisch. Die I-29 zwischen Omaha und Sioux City war in beiden Richtungen gesperrt. Aus den immer wieder hörbaren Teilen des Gesamtbildes konnte ich mir zusammenpuzzeln, dass ein Kollege aus irgendeinem Grund, vermutlich am Steuer eingeschlafen, in einer weiten Kurve einen anderen Lastzug in die Leitplanke gedrängt hatte.
Dies war ein Autotransporter, der daraufhin umgestürzt war und die 4 Pickups vom Oberdeck auf der Fahrbahn verteilt hatte. Der Verursacher war dann über den Center Divider auf die Gegenfahrbahn und hatte dort den Tankauflieger eines entgegen kommenden Lastzuges aufgeschlitzt, worauf etliche Gallonen Rohmilch auf dieser Fahrbahn gelandet waren.
Bis die Aufnahme durch die Unfallermittler abgeschlossen war, Wracks und Ladung beseitigt waren und die Fahrbahnen wieder freigegeben wurden, munkelte man von einem halben Tag. Bis auf den Verursacher, der angeblich mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden musste, war wohl immerhin kein zweiter ernsthaft verletzt. Ich wechselte also bei Omaha auf die I-80 West. Wieder nix mit South Dakota.

„Draußen“ für den Reset wurde dann das Flying J Travel Center in North Platte (NE). Viel konnte man von diesem Truck Stop ausgehend leider nicht machen. Rundherum war nur ein kleines Gewerbegebiet und an allen vorbeiführenden Straßen gab es keine Fußwege. Eigentlich konnte man gar nichts machen. Da half auch das bei Temperaturen um den Gefrierpunkt sonnige Wetter wenig.


Montag, 23.11.2020 bis Mittwoch, 25.11.2020

Ereignislos fuhr ich den Rest der Tour bis Montana. Dort gab es den Heimatschuss, zumindest konnte man Eugene als solchen betrachten, auch wenn es von da keine Fracht mehr für das letzte Stück geben sollte. Wenn alles glatt lief, würde ich schon Mittwochabend zu Hause sein. Das war auch so, ab Eugene fuhr ich leer weiter nach Hause und rief mal bei Alex an, dass ich heute schon nach Hause kam. Er wollte dann für zwei kochen und mit dem Essen auf mich warten.


Donnerstag, 26.11.2020 bis Sonntag, 29.11.2020

Und so „durften“ wir dann auch am für amerikanische Familien wichtigsten Tag zu zweit bleiben. Kontakt zur Verwandtschaft, sowohl Alex Cousin Lesha in Chicago als auch meiner Verwandtschaft, neben Mum und Randy auch Onkel Kieran mit seiner Familie gab es nur virtuell. So kam Skype heute nicht zur Ruhe.
Um die Mittagszeit hatten wir dann die junge Pute, die Alex gekauft hatte, nach einem Rezept aus einem Video von einem vor allem in der deutschsprachigen Truckfanszene bekannten Zweitkanal aus Kanada zubereitet – und beim Marinieren mit unanständigen Handbewegungen genauso viel Spaß wie die beiden seinerzeit.
Als das Geflügel dann zum Abendessen gebraten war, trafen mich die Emotionen doch überraschend hart. Zum zweiten Mal in meinem Leben war an diesem Tag mein Bruder nicht bei mir. Aber beim ersten Mal war es Absicht, weil wir dafür die Woche zuvor gemeinsam unseren 21. Geburtstag gefeiert hatten. Diesmal war es aufgedrängt. Und ich merkte, dass es eben zwischenmenschliche Beziehungen im Leben gab, die niemand anderes ersetzen konnte, egal wie nahe man sich stand.

In den kommenden Tagen gab es, obwohl nun die Aufträge da waren, auf eigenen Wunsch nichts zu fahren. Brian hatte uns gefragt, wie wir es gerne hätten und lediglich Casey wollte los. Evan mit Danny und ich mit Alex dagegen wollten lieber mal das lange Wochenende was von unserem Liebesleben haben und hatten jeweils erst am Montag um den Neustart gebeten.

Okay, wenn man denn was unternehmen dürfte, wäre es zumindest Alex und mir lieber gewesen. Das Wetter war so lala, aber es gab eine „Empfehlung“ zu Hause zu bleiben. Und auch wenn sie offiziell keine Handhabe hätte, fragte die Polizei doch gerne mal nach, warum man der Empfehlung nicht folgte. Und da wollte man auch nicht mit dreckigen Klamotten und Gopros im Kofferraum angehalten werden. Wenn dann jemand Anzeige wegen unbefugten Betretens auf ein Youtube-Video hin verhängte, war es praktisch, wenn die Polizei schon mal ein Kennzeichen von dem Fahrzeug hatte, in dem die passenden Klamotten mit dem passenden Dreck drauf gelegen hatten.
Eigentlich wollten wir mal eine offizielle Coop-Exploration machen. Damals in Ripplebrook hatten wir zwar beide gefilmt und hinterher Videos veröffentlicht, aber drauf geachtet, dass niemand im Bild zu sehen war. Mick und Nico wollten das nicht und hatten auch keine Masken getragen, daher hatten Alex und ich uns auch nicht maskiert und drauf geachtet, dass niemand im Bild war oder diese Szenen rausgeschnitten. Dennoch waren einige Zuschauer den Kommentaren zu den Videos nach drauf gekommen, dass wir in zeitlicher Nähe – oder sogar gleichzeitig – dagewesen sein mussten. Darauf waren wir damals aber nie eingegangen.


Montag, 30.11.2020

Dank des Neuzugangs bekamen die bisher nach Bauart und Länge, Bauart alleine hätte es auch getan, Betriebsnummern, da wir erstmals eine Doppelung hinbekommen hatten, nachdem es zwei Reefer mit 48 Fuß Länge gab. Ich durfte den alten Reefer, der älteste Trailer überhaupt im Bestand, nehmen.

PICKUP: ORMFR-KRH
DESTIN: MTGTF-711
TRAILER: RF001
LOAD: BUTTER
WEIGHT: 34,499
REEFER: 37F
DISPATCH: ORMFR-PCT-BRW

Diese neuen Nummern bestanden einfach aus einem zweistelligen Buchstabencode für die Bauart und einer fortlaufenden Zahl nach Zugang zur Flotte. Der Ladeort beim Partnerbetrieb von Kraft Heinz in Seven Oaks war mir mit diesem Trailer quasi klar gewesen. Anschließend ging es nach Central Point auf die Waage am Pilot Travel Center und schließlich auf die noch immer im Frühnebel liegende I-5 North mit dem fernen Ziel Montana. Mit Glück war ich morgen Abend da.

Wie so oft, wenn man das Gewicht vorher kontrolliert hatte, gab es an der Myrtle Creek Weigh Station einen Bypass. Aber wehe man vertraute auf die Gewichtsverteilung.

Am Vormittag hatte sich der Nebel verzogen und so wurde es ein sonniger Tag, aber kalt war es natürlich. Die Mittagspause legte ich wie inzwischen auf dieser Route üblich zum Pilot Travel Center in Brooks, nördlich von Salem.
Dank des zwar heute beendeten Lockdowns, der aber technisch noch mindestens für eine weitere Woche bestand, da alle Counties im Freigabestatus „rot“ begonnen hatten, der einem Lockdown gleich kam, war in Portland nichts los und ich durchquerte den Großraum ohne Probleme.

Die erste Waage der Tour, auf der ich geprüft wurde, war dann Cascade Locks. Und trotz der 71,981 Pfund wollten sie es genauer wissen und ich musste rausziehen. Es gab eine Prüfung des Logbuchs, der Frachtpapiere und eine Stichprobenprüfung der Ware durchs Gesundheitsamt. Nach knapp einer Viertelstunde durfte ich wieder los.

Zum späten Nachmittag setzte auch hinter den Bergen mal Regen ein. Das Becken zwischen Cascades und Rockies war zwar relativ trocken, aber bei Ostwetterlagen bevorzugt zwischen November und Februar gab es auch hier Niederschlag.
Weil es keine befreundeten Rastmöglichkeiten gibt, hielt ich beim Love’s Travel Stop Boardman (OR). Die ganze Anlage war noch nicht alt, daher die sanitären Anlagen modern und wie bei den großen Ketten üblich auch gepflegt. Die Dusche hob ich mir aber auf. Das Abendessen holte ich beim einzigen Futterverteiler neben Love’s eigener Sandwichtheke, einem Carl’s Jr. Es gab Chickenburger mit Pommes und Softdrink, ein typisch amerikanisches Fastfoodmenü. Anschließend telefonierte ich kurz mit Alex und suchte mir dann Ablenkung auf Youtube.


Dienstag, 01.12.2020

Weil es hier keine wirkliche Möglichkeit gab, das gestrige Abendessen bei einer meiner bevorzugten sportlichen Tätigkeiten abzutrainieren, beschloss ich, eine Runde laufen zu gehen. Anschließend mietete ich mir dann eine Dusche und verzichtete bei der zu dieser Tageszeit bei Carl’s noch belämmerteren Auswahl an Verpflegung auf ein Frühstück im Restaurant. Dazu hatte ich ja immer meine liebsten Cerealien und eine Packung Vanillemilch im Truck. Es lebe die Kindheit, auch wenn ich manchmal den größten Teil derselben immer noch am liebsten vergessen würde.

Die Sonne kämpfte sich schließlich von unten an den Horizont heran, als ich auf die Slip Lane zur Interstate 84 fuhr. Wasserkraftwerke am parallel verlaufenden Columbia River und neu gebaute Windparks hatten in der fast baumlosen Gegend einen Wald von Strommasten entstehen lassen.

Kurz nach 8 AM wechselte ich auf der I-82 nach Washington State und fand mich kurz danach am Point of Entry auf der Waage wieder. 71,835 Pfund, grünes Licht und weiter.

Bei Kennewick ging es auf die US-395 und an der Sagemoor Weigh Station erfuhr ich dann, dass ich seit der Staatsgrenze 73 Pfund Diesel verbraucht hatte. Auch hier konnte ich aber sofort weiter. Gegen 10:30 AM war Ritzville mit der I-90 erreicht. Eine Stunde später und im Spokane River Valley bei wirklich teilweise gemeinem Nebel verließ ich Washington in Richtung Idaho.

Die Mittagspause verbrachte ich auf einem Kiesplatz an der Interstate-Abfahrt von Wallace (ID). Gegenüber am PKW-Parkplatz waren nicht nur die Toiletten sondern auch ein Park mit einem kleinen Freilichtmuseum zum lokalen Silberbergbau, wo man Lokomotiven und Loren, einen Förderturm, Bohrer, ältere Handwerkzeuge, den Nachbau eines Bergstollens und vieles mehr besichtigen konnte.

Nicht lange nach der Weiterfahrt erreichte ich Montana. Das Wetter blieb trüb und die Sonne war schon ziemlich tief, als ich bei Butte (MT) unter ebenso tiefen Wolken auf die I-15 North wechselte. Diese konnte ich nach einem kräftigen Anstieg aber überwinden und bekam einen Sonnenuntergang zu sehen. Über den Wolken konnte die Freiheit auch grenzenlos sein, wenn man nicht in ein Flugzeug eingestiegen war.

Schon nach 7 PM, aber dank Mountain Time mit einer gegenüber der Startzeit in der Pacific Time Zone geschenkten Stunde und mit nur noch wenig Fahrzeit erreichte ich schließlich Great Falls (MT).
Nachdem ich den 7Eleven erreicht und eingeparkt hatte, mir während hinten abgeladen wurde vorne ein paar frische Vorräte gekauft hatte und ich schließlich zum Flying-J zurückgefahren war, blieben nach Tanken und Einparken noch 17 Minuten Lenkzeit. Mit Zeitverschiebung konnte ich also frühestens um 08:15 AM hier weg.

Fürs Abendessen hier gab es zum Glück mit Denny’s ein richtiges Restaurant. Anschließend sprach ich wieder im Truck mit Alex und machte mich danach mit dem Schneideprogramm dran, selbst ein Video für den BKR-Kanal fertigzukriegen.


Mittwoch, 02.12.2020

Mangels Alternativen und mangels Lust auf eine weitere Laufrunde fiel der Sport aus. Das Frühstück nahm ich heute bei Denny’s mit. Anschließend kam der Marschbefehl, es könnte zum Wochenende nach Hause zurückgehen. Allerdings noch nicht unbedingt direkt nach diesem Auftrag, sonst wäre es eine kurze Woche.

PICKUP: MTGTF-XYZ
DESTIN: NVRNO-711
TRAILER: RF001
LOAD: YOGHURT
WEIGHT: 39,000
REEFER: 39F
DISPATCH: ORMFR-PCT-BRW

Ich holte bei einer kleinen Molkerei die neue Ladung ab und machte mich auf den Weg nach Südwesten. Montana hatte einige Anstiege zu bieten und so ging es auch mal mit 33 mph und Warnblinker den Berg hoch. Trotz des warmen Herbstes lag hier auf den Gipfeln auch schon der erste Schnee.

Der Gateway Canyon Travel Plaza für die Mittagspause war trotz des hochtrabenden Namens nur eine Sinclair-Tankstelle neben der Abfahrt von der Interstate ein gutes Stück südlich von Butte. Das bot mir nun immerhin die Möglichkeit, auf dem genauso hochtrabend dimensionierten Parkplatz mal wieder die Gurtabschnitte als Markierungslinien auszulegen und ein paar Sprünge zu machen.
Anschließend ging es weiter nach Süden, wo um 3 PM die Grenze nach Idaho erreicht war. Mein Transponder erlaubte mir, das Schild, dass Trucks über 26,000 Pfund anhalten müssen, zu ignorieren. Lediglich mit Lebendvieh und Gefahrgut musste man an dieser Station in jedem Fall rausziehen, das variierte von Staat zu Staat. Außerdem mit Übergröße. Das stand zwar nie auf den Schildern, war aber eine grundsätzliche Regel in den ganzen USA. Die mussten an jede offene Waage.

Bis auf ein Elefantenrennen zweier Kollegen, die beide langsamer waren als ich, aber sich nicht einigen konnten, wer von ihnen der schnellere Langsame sein sollte, war es eine unaufgeregte Fahrt zum Flying-J Travel Center an der Abfahrt nach Twin Falls (ID), das um 6:36 PM erreicht war.

Hier gab es Abendessen bei Pepperoni‘s Pizza und beim Anruf von Alex bahnbrechende Neuigkeiten für seinen Arbeitsplatz. Nachdem es für Deepgrove scheinbar keinen Ausweg mehr gab, hatten sich Management und Insolvenzverwalter dazu entschieden, die ganze Herrlichkeit mit Wirkung zum Jahreswechsel an Sierra Pacific zu verkaufen. Die hatten fürs kommende Jahr eine komplette Arbeitsplatzgarantie ausgesprochen, also konnte Alex nun erst einmal ein Jahr sicher planen.
Und er meinte, Medford stünde sowieso nicht so schlecht da als Standort. Immerhin waren sie kein einfaches Sägewerk sondern eher eine Holzfabrik, wo von Bauholz bis Spanplatten so ziemlich alles produziert wurde, was ein Baum so werden konnte. Sogar das, was wie Rinden, Schwartenbretter und komplett unbrauchbares Altholz nicht mal mehr zur Spanplatte taugte, wurde gehäckselt und verbrannt, um Dampf und Wärme für diverse Prozesse zu erzeugen. Entsprechend hoch war die Ausnutzung des Rohmaterials und damit der Gewinn. Wenn Sierra Pacific nach dem Jahr Standorte schließen würde, wären das eher die „Baum rein, Bretter raus, Rest Abfall“ Sägewerke.


Donnerstag, 03.12.2020

Weil Pizza zum Frühstück vielleicht was für Computerspieler war aber nicht für mich, ging ich lieber zum zweiten Gastronomiebetrieb auf diesem Truckstop, nämlich Cinnabon. Es war zwar schon nach 7 AM, aber so weit westlich in der Zeitzone immer noch dunkel, als ich losfuhr.

Vom Snake River Canyon war diesmal deshalb auch nicht wirklich was zu sehen. Die Dämmerung setzte auf meiner um die Zeit auch nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtigen Fahrt durch Twin Falls ein. Nach genau zwei Stunden Fahrt erreichte ich Jackpot (NV). Das sollte eigentlich in etwas mehr als der Hälfte zu schaffen sein. Aber dafür kam ich flott voran auf dem weiteren Weg nach Wells.
Dort allerdings zeigte ein Fahrer von Swift mal wieder, warum das Unternehmen einen schlechten Ruf hatte. Einer ihrer Fahrer hielt erst mal am Ende des Beschleunigungsstreifens an und zog dann so haarsträubend raus auf die Interstate, dass ein bei der kruden Farbzusammenstellung offenbar Owner-Operator für Nahverkehr im Auftrag von Coca Cola voll in die Eisen steigen durfte.

Winkend mit Bypass an der Osino Weigh Station vorbei ging es nun weiter nach Westen. Die Mittagspause fiel zu meiner Freude auf den Flying J in Battle Mountain. Nicht dass der besonders toll wäre, aber das Restaurant im Colt Casino mit seiner hervorragenden Küche war es.
Nachdem ich schon gestern eine wenn auch deutlich schlechtere Pizza hatte, als es hier gab, entschied ich mich stattdessen für die ebenfalls hervorragende und echt italienische Pasta, bei den kalten 25°F wählte ich zum Aufheizen Arrabiata. Man konnte im Restaurant essen trotz des Lockdowns, allerdings waren nun sogar nur noch 25% der Plätze erlaubt. Das Casino war geschlossen und die Spielautomaten im Restaurantbereich abgeschaltet.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde ging es weiter nach Reno. Um 4:15 PM erreichte ich den 7Eleven und wurde abgeladen. Isotrak blieb ruhig. Erst als ich selbst über die Fertigmeldung den Folgeauftrag anforderte, teilte es mir mit, dass Brian für heute fertig mit mir war.

LOCATION: NVRNO
ACTION: 13H BREAK
DISPATCH: ORMFR-PCT-BRW

Also fuhr ich zum TA Truck Stop, technisch schon in der Nachbarstadt Sparks gelegen, was man aber eher wissen musste als sehen konnte. Hier konnte ich mich endlich mal wieder nach meinem Geschmack sportlich betätigen und schnallte mir die Skates unter. Da eine Runde um den Sparks Marina Park Lake nur 2 Meilen waren, rollte ich dreimal drum herum. Es war nicht so viel los und ich konnte daher ordentlich Tempo machen und mich verausgaben.
Anschließend ging ich in den Truck Stop zum Duschen. Nach der Pasta heute Mittag in Battle Mountain musste ich nun kleinere Brötchen im Western Village Steakhouse backen und bestellt mir einen Salat mit Steakstreifen. Da man sich alle Mühe gab, die erlaubten 25% Kunden so unbequem wie möglich zu bewirten zum Mitnehmen in meinen Truck.


Freitag, 04.12.2020

Nach dem Frühstück mit den bei nicht zufriedenstellendem Angebot obligatorischen Mini-Wheats im Truck und der PTI war ich ein paar Minuten vor 6 AM abfahrbereit. Brian schien nichts Sinnvolles vor Ort gefunden zu haben. Leefahrten unter der Woche waren an sich selten.

PICKUP: CATRK-WAL-NM
DESTIN: ORKLF-ASH
TRAILER: RF001
LOAD: EMPTY PALLETS
WEIGHT: 36,807
REEFER: OFF
DISPATCH: ORMFR-PCT-BRW

Also durfte ich nun erst mal 2 Stunden leer fahren. Nach etwas mehr als der Hälfte erreichte ich den California POE. Da ich leer war, galt das hauptsächliche Interesse meinem Kühlschrank, in dem aber auch nichts aus kalifornischer Sicht verwerfliches mehr drin war. Mit 8 Minuten kam man hier eher selten davon, was aber sicherlich auch an der Uhrzeit lag, in der das Fahrzeugaufkommen eher schwach war.
Um 7:30 AM verließ ich die Interstate und manövrierte durch den recht übersichtlichen Berufsverkehr zum Walmart. Bei Neighborhood Market wusste man immerhin sofort, welche Platzverhältnisse einen erwarteten. Um 8 AM stand ich an der Rampe, nach knapp 40 Minuten hatte ich meine Ladung und die Papiere.

Nun ging es wieder zurück, wo ich vorhin den Tag begonnen hatte. Aber Nevada war nur ein Durchgangsstaat für den kleinen 30-Meilen-Haken durch Reno. Die US-395 war aber gerade mit einem 18-Wheeler der deutlich schnellere Weg als die kürzere Route über CA-89 und CA-49 mit ihren vielen Kurven und Steigungen.

Sowohl die Verbindungskurve von der I-80 East auf die US-395 North in Reno als auch der Abschnitt von Buntingville über Alturas nach Klamath Falls auf US-395 und CA-139 waren Abschnitte, die wir selten sahen. Alturas – Klamath Falls war ich noch nie gefahren.

Die Mittagspause war auf einem einfachen Kiesplatz an der US-395 mit einem Salat, den ich mir heute Morgen bei Walmart gekauft hatte. Am Nachmittag schwenkte ich dann auf die CA-139 ein, auf der ich schon nach 3:30 PM die Grenze nach Oregon erreichte, wo die Straße ihre Nummer in OR-39 änderte. Hier kam mir dann auch noch der „Zug der Woche“ entgegen.

Um 4:26 PM war die Fabrik von Ashley in Klamath Falls erreicht. Der Arbeiter war nicht sehr begeistert: „Nicht nur, dass unsere Bosse dauernd diesen Abfall einkaufen müssen. Jetzt kommst Du auch noch mit einem geschlossenen Trailer!“ Ich wusste ja von Alex, dass das nicht sonderlich beliebt war. Nun mussten sie zu zweit abladen. Einer, der mit einem Handhubwagen auf dem Trailer die Palettenstapel nach hinten holte und er selbst, der sie mit dem Gabelstapler wegfuhr.

Ich kündigte mich derweil bei Alex an. Es würde knapp, aber sollte sich ausgehen. Er schlug vor, wenn ich in der Firma so ziemlich fertig mit allem war, sollte ich mich melden und er würde dann was zu Essen bestellen. Wir einigten uns auf Chinesisch und ich gab ihm gerade noch meine Bestellung auf, so lange ich sowieso warten musste. Dann musste ich nachher nicht erst noch die Speisekarte studieren.

Es waren am Ende noch 11 Minuten Fahrzeit, die mir blieben. Kurz vor 7 PM hatte ich aber keine Lust mehr auf irgendwas, rief von der letzten Ampel vor der Firma bei Alex an, drehte in der Parklücke einfach nur den Schlüssel rum und fuhr nach Hause.
Die beiden Kollegen waren noch nicht auf dem Hof. Casey fuhr laut GPS-Peilung seines mit unserer Gruppe geteilten Standortes von Ontario (OR) nach Burns, mit dem Flatbed also vermutlich auch bald am Ende des Tages angekommen. Evan stand schon, ohne in die Karte rein zu zoomen würde ich spontan aufs Pilot Travel Center in Orland (CA) tippen. Morgen früh musste ich zurückkommen und den Truck ausräumen und absatteln, aber dann würden die beiden wohl noch nicht hier sein, weshalb ich mir auch nicht mehr die größte Mühe beim Einparken gab.

Ich stieg in meinen Silverado, sah kurz nach, wo Alex sich rum trieb und das Essen hin geordert hatte. Bei mir, also fuhr ich dorthin. Kurze Zeit später kam das Essen. Wir hatten beide Knuspriges Hähnchen mit Reis, Alex mit Orangensoße und ich Szechuan-Art. Anschließend gingen wir für den Rest des Abends ins Wohnzimmer.


Samstag, 05.12.2020

Wer freitags faul war, musste samstags arbeiten. Also ging es nach dem Frühstück noch mal zur Firma. Alex war mitgekommen und wir hatten seinen Cruze genommen, weil der mit echtem Kofferraum zum anschließenden Einkaufen praktischer war als mein Silverado mit der Rückbank als einzig geschlossener Ladefläche.

Das mit dem „kein anderer da“ hatte nicht so ganz geklappt, Evan schien sehr früh losgefahren zu sein und zog gerade an meinem schrecklich schrägen und noch schrecklicher über den Parkbereich hinausstehenden Zug vorbei einen Donut auf den Hof. Er hielt an, ließ die Scheibe von seinem T800 runter und versuchte es mit Hohn und Spott: „Also Brandon, wenn Du bumst, wie Du parkst, tut mir Alex jetzt schon leid!“ Der verschränkte an sein Auto gelehnt die Arme vor der Brust und warf einen abschätzenden Blick auf meinen Truck: „Nein, im Bett ist er besser als auf dem Parkplatz!“ „Das war dann zu viel Information. Manchmal erwarte ich noch, Du würdest wie vor einem Jahr von so was nur einen roten Kopf kriegen, anstatt mich auszukontern.“ „Tja, der Alex, der das gemacht hat, ist aber im Sommer abgereist und keiner weiß wohin.“

Ich zog mein Gespann noch immer lachend vor, bewies, dass ich auch bolzengerade und genau mittig zwischen den Markierungen einparken konnte, sattelte ab und fuhr die Zugmaschine erst einmal auf den Waschplatz. Alex und Evan unterhielten sich in der Zeit. Dann fuhr ich den LoneStar auf den Stellplatz, Aussaugen war nicht nötig. Evan zog seinen T800 nun auf den Waschplatz vor und nahm mir heute noch mal schnell die Statistik vor.

WEEK START: MO:06:48 AM ±0
WEEK END: SA:10:48 PM ±0
WEEK DRIVE: 50:28 HRS
WEEK WORK: 54:54 HRS
WEEK FRAME: 6D:04H:00M
WEEK MILES: 2,454
REVENUE MILES: 2,293
PERFORMANCE: 93.4 %
WEEK PAYLOAD: 110,304
SH TON MILES: 35,855
WEEK FUEL ECO: 6.2 MPG
WEEK AVG SPEED: 48.6 MPH

Okay, der Wochenzeitrahmen war nun durch die Aktion heute Morgen überstreckt worden, das wären an sich 16 Stunden weniger gewesen. Ich hätte mit Leerfahrt von Reno nach Truckee und Klamath Falls nach Medford mit weniger Effizienz gerechnet. Durch die komplett relativ schweren Lasten hatte es bei Gesamtfrachtgewicht und Frachtmeilen ordentlich gescheppert. Normalerweise waren das kleinere Werte.

ich räumte meine Sachen aus. Alex nahm sie entgegen. „Das war’s!“ „Kann ich mal rein schauen?“ „Klar, komm hoch!“ Er setzte sich auf den Fahrersitz und sah sich um: „Erstaunlich PKW-like. Bis auf den Uhrenladen hier oben und das Klavier zwischen Radio und Klimaanlage.“ „Und die beiden Bremskreis-Druckanzeigen im Hauptcluster.“ „Was zeigen die genau an?“ „Den Luftdruck in den Bremskreisen der Zugmaschine. Wenn eine davon sinkt, ist was undicht.“ „Und DEF ist das Zeug, das nach ungeputztem Pissoir riecht?“ „Ja und nein. Das ist das Zeug, aber es riecht nicht.“ „Behaupten doch immer alle.“ „Wenn sie keine Ahnung haben, schon gar nicht in einem Land, in dem 6-Tonner Umzugswagen einen 8-Liter-Benziner haben. Ich mache Dir gerne den Tank dafür auf und Du kannst riechen. Die, die meckern sind die Knallfrösche in den Südstaaten, die ihre 6,5 Liter Cummins Dieselpickups extra fett einstellen, damit sich andere Menschen über den schwarzen Qualm aufregen. Wenn Du mich fragst, haben die nicht mal vom Leben eine Ahnung, geschweige denn von den Motoren, die sie da zuquarzen, bis keine Leistung mehr da ist.“
„Und hier in dem Sechserpack ist noch mal eine Bremsdruckanzeige?“ Ich drehte den Schlüssel auf Stufe 2: „Tritt mal auf die Bremse. Ist aber für mein Empfinden nur Dekoration. Ich weiß, wie stark ich die Bremse trete. Bei der Abfahrtkontrolle schaut man da einmal drauf, ob sich Druck in den Bremszylindern aufbaut.“
„Ansonsten Bordnetzspannung, Turboladerdruck und Wassertemperatur sind klar. Aber was sind die zwei?“ „Achsdifferenzialöltemperatur der beiden Antriebsachsen. Die können auch überhitzen, gerade wenn man mit einem Rocky-Mountain Double unterwegs ist.“ „Das sind die doppelten Trailer, die man manchmal sieht?“ „Ja, ein großer und ein kleiner.“
Ich erklärte auch noch „das Klavier“, wo Sachen wie Motorbremse, Differenzialsperren, Sattelplattenverstellung und erzwungene Partikelfilterregeneration drauf waren.

Anschließend wendete er sich dem Sleeper zu: „Das sind ja gefühlt mehr Schränke als in meiner Wohnung.“ „Tja, wenn man bedenkt, dass es Kleiderschrank, Schreibtischschublade und Küchenschrank auf einmal sein sollen, sind es immer noch zu wenige.“ „Mit Herdplatte?“ „Ja, hatte vorher eine Mikrowelle, aber das war auch nicht so toll, weil selbstgekochtes nicht toll wird und wenn ich Fertigessen rein geschoben habe, konnte ich gleich essen gehen. Kannst mit der Platte natürlich hier drin keine Steaks braten, dazu habe ich im Sommer stattdessen einen Gasgrill für draußen dabei. Aber wenn man ein paar geruchsintensive Sachen vom Speiseplan streicht und nur niedrige Hitze beim Anbraten nimmt, damit kein Fett spritzen kann, kann man mit der Platte schon brauchbar kochen. Und mal schnell eine Dose warm machen, wenn man keine Zutaten hat, sowieso.“

„Aber insgesamt schon recht groß und bequem. Irgendwann will ich mal mitkommen.“ Alex hatte sich aufs Bett geschmissen. „Das kriegen wir bestimmt hin, sollten wir aber vielleicht mit warten, bis da draußen etwas mehr Normalität eingekehrt ist.“
Dann fiel sein Blick auf den unleserlich signierten Eishockeschläger an der Rückwand, direkt neben ihm: „Wer hatte den in der Hand?“ „Shane Gostisbehere, habe ich mal ersatzweise bei einer Charity-Versteigerung geschossen. Das Gamer-Trikot ging fast schon erwartungsgemäß über mein Limit.“ Gamer waren in einem Spiel vom Spieler getragene Trikots mit entsprechend hohem Sammlerwert, wobei der Schläger auch im Einsatz gewesen war. „Wer auch sonst?“ „Der letzte, der mir hier was über Personenkult eines Eishockeyspielers sagt, bist Du…“
„Am besten sagt hier niemand irgendwas über Eishockey.“
Der Sport war unser beider Leidenschaft, aber auch – nicht ernsthafter – Schatten über der Harmonie unserer Beziehung. Natürlich spielte es für uns abgesehen von freundschaftlichem Piesacken keine Rolle, aber wir waren Fans rivalisierender Vereine. Ich war zum Flyers-Fan geworden, als ich in Philadelphia endlich frei war und mir den Sport live anschauen konnte. Der Klassiker mit dem ersten Stadionerlebnis sozusagen, auch wenn ich da schon volljährig war.
Alex war, spätestens seit er mit 4 hier her gekommen war, quasi mit dem russischen Nationalsport aufgewachsen, sein Onkel war glühender Fan von ZSKA Moskau, aber Alex hatte sich durch die für ein Kind hierzulande bessere Informationslage mehr für die NHL zu interessieren begonnen. Und dann wurde, als er 7 Jahre alt war, sein Namensvetter – und wie er gebürtiger Moskauer – Alexander Ovechkin von den Washington Capitals gedraftet. Fertig war ein Capitals-Fan. Und für die Capitals waren die Flyers der Ligarivale Nummer 1, umgekehrt allerdings reichte es nur für Nummer 3. Für Flyers-Fans war der Groll auf die Pittsburgh Penguins und New York Rangers deutlich größer.

Wir machten uns auf den Weg zum Walmart, fürs Wochenende einkaufen. Anschließend fuhr Alex wieder wie selbstverständlich zu mir. „Willst Du hier durch die Hintertür einziehen? Du kannst auch fragen.“ Er guckte mich über die Einkaufstüten verblüfft an: „Ja, also, nein, eigentlich nicht. Aber irgendwie zieht es mich doch hier her. Mehr Platz vor allem, obwohl Du quasi nie da bist um ihn zu nutzen. Aber andererseits finde ich das finstere Wohnzimmer und die Terrasse davor gar nicht so schön. Es ist immer so dunkel bei Dir. In meiner Wohnung ist zum Feierabend Sonne. Deshalb bin ich meistens in der Woche bei mir und am Wochenende bei Dir.“ „Es war damals auch ein Kompromiss, weil ich von allen Angeboten nur hier meine Fahrzeuge alle unterkriegen konnte. Lass uns da nachher mal beim Essen drüber sprechen.“

Ein Kommentar zu “Kapitel 58 – Über den Wolken

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