Kapitel 19 – Cross und quer durchs Country

Ganz so gemütlich war das Wochenende jedoch zeitweise nicht verlaufen. Am Freitag hatte Mahad meine Zugmaschine abgeholt. Es war ein Ölwechsel fällig und auch sonst dürfte es nicht schaden, wenn mal wieder ein Mechaniker in Ruhe alles kontrollierte. Nicht dass ich nicht selbst einer wäre, aber weder hatte ich hier eine Inspektionsgrube noch die nötige Ruhe, um mal den Truck auf Herz und Nieren durchzuchecken.
Kurz nach der Mittagspause rief aber der „weiße Bruder“ Vinni an: „Hier sind eben ein paar Vandalen mit Farbdosen um die Häuser gezogen und haben, als wir zu Mittag waren, allen Trucks auf dem Hof Tags verpasst.“ Ich ließ alles liegen und stehen und fuhr rüber. Auf beiden Türen und der Frontblende unter der Windschutzscheibe stand nun irgendein Krickelkrakel.
„Wir sind natürlich versichert und ich bringe Dir das bis Montag früh in Ordnung. Aber dieses Dekor gibt es nicht mehr. Willst Du Dir mal den Nachfolger anschauen?“
Das neue Design sah besser aus. Die Linien stiegen jetzt schräg nach hinten an und auf der Seitenverkleidung war auch noch mal ein Muster. „Okay, das nehme ich so, wieder in meinen Hausfarben.“ „Wie sie wünschen, der Herr.“ Vinni stichelte auch immer wieder mal gegen das helle Gelb, aber meine Stammkunden kannten mich inzwischen nun einmal damit.

Voller Tatendrang kam Chris nach dem Wochenende zur Arbeit: „Und was machen wir dieses Mal?“ „Wir wechseln die Straßenseite!“ Er guckte kurz ratlos. „Mehl für England.“
Wir waren etwas spät dran, daher mussten wir auf ein Foto des Trucks im neuen Glanz verzichten. Für ihn viel wichtiger war vermutlich sowieso sein Namensschild in der Frontscheibe.

Ich fuhr die erste Strecke, holte den Trailer ab, während Chris sich um die Papiere kümmerte und bei Lüttich machten wir den ersten Fahrerwechsel. Chris fuhr bis zum Shuttle-Terminal in Calais und zirkelte den Truck für einen Neuling ziemlich sauber auf den Zug.

Ich hatte hier schon alles erlebt. Fahrer, die sich hoffnungslos festgefahren hatten oder angeeckt waren. Einmal hatte ein ungarischer Kollege die Nerven verloren, einen französischen Fahrer mit druckfrischem Führerschein aus der Kabine seines Renault geschmissen und dessen Truck auf den Zug rangiert.

In Folkstone übernahm ich und fuhr noch bis zum Rasthof, wo ich den Truck für die Nacht abstellte. Da es noch früh war und wir uns die Zeit vertreiben mussten, erinnerte mich an eine Karaoke-App auf meinem Tablet und es wurde ein spaßiger Abend bei mäßigem Gesang.

Am nächsten Morgen rannten wir durch den Regen ins Restaurant. Ich bestellte natürlich „One Full Traditional, please.“ Chris sah sich mit gerümpfter Nase die Auslagen an und brummte dann missmutig „For me one Continental.“
Ich nahm also den Kampf gegen zwei für deutsche Verhältnisse allerdings recht kurze Würstchen, zwei Scheiben Speck, eine Tomate, eine Scheibe Blutwurst und eine Schöpfkelle Bohnen in Tomatensauce mit Obelix-Beilage („Dazu wir immer reichen Toast“) auf. Chris mümmelte derweil seine zwei halbharten Brötchen und versuchte irgendwie, die Scheibe Salami, die Scheibe Käse und das Plastikpäckchen Marmelade so aufzuteilen, dass kein Bissen unbelegt blieb.
Der eine mehr, der andere weniger gestärkt wurde es nun ernst für den weniger gestärkten. Linksverkehr stand auf dem Programm, aber immerhin alles nur Autobahn bis zur Ablösung. Im Pendlerverkehr ging es auf London zu und schließlich auf die Ringautobahn.
„Hier geht es auch gar nicht voran?“ „Abkürzung für kreisförmigen Parkplatz im Großraum London?“ „Hä was?“ „M25! Standard-Scherzfrage bei allen, die drüber fahren müssen.“
Das Wetter war auch nicht nach Chris Meinung, weshalb er wieder den bekannten Comic zitierte: „Ist es immer so neblig in Britannien? Nicht wenn es regnet!“ Aber das war mal wieder typisch. Ich war hier wochenlang in strahlender Sonne unterwegs und kaum hatte ich jemanden dabei, der mit dem Land nicht so ganz warm wurde, kühlte auch das Wetter ab.


Vor der Autobahnabfahrt gab es noch einen Fahrerwechsel und die Landstraße übernahm wieder ich. Insbesondere weil die Strecke als Unfallpiste verschrien war.
In Grimsby rangierte ich den Truck an die Rampe, während Chris sich mit den Papieren auf den Weg machte. Danach koppelte ich schon mal an den Trailer mit Glasplatten an, mit dem es weiter gehen sollte.
Inzwischen war auch Chris wieder da. Ich fuhr noch über den Humber nach Hull und auf die Fähre nach Esbjerg. Hier besserte sich im Restaurant Chris Laune wieder, während ich darüber nachdachte, welchen Fisch ich heute nicht essen wollte.

Am nächsten Tag übernahm Chris die erste Runde und fuhr bis ans Ziel in Kiel. Er hatte schon besser rangiert. Ich zwängte mich durch die wegen dem nächsten Hindernis nicht ganz öffnende Tür raus: „Du stehst etwas schief.“ „Schief ist englisch und englisch ist modern!“ „Und das aus Deinem Munde…“
Chris kuppelte schon einmal das Zementsilo für den Folgeauftrag an, während ich Papiere tauschen ging.

Da seine Zeit fast abgelaufen war, fuhr ich die erste Etappe. Bei Northeim wechselten wir noch mal und trotz Stau in einer Baustelle schaffte Chris es noch bis auf einen Rastplatz bei Darmstadt.
Nach einer unruhigen Nacht auf dem kleinen Parkplatz fuhr ich zum Kunden nach Stuttgart und parkte den Trailer bolzengerade ein, nicht ohne Chris mit einem breiten Grinsen zu ärgern.

Solo zu Rettenmeier fuhr ich auch noch, dann durfte sich Chris das erste Mal mit einem überlangen Tieflader herumschlagen. Die Herausforderung auf der Autobahn war nicht so groß und als uns das Navi hinter Montabaur über Land schickte, war ich schon wieder am Steuer. Der Tag endete wieder auf so einem Mini-Rastplatz kurz vor der holländischen Grenze.
Am nächsten Tag fuhr Chris die Reststrecke über die Landstraße bis zu ADM in Groningen. Das Soundsystem griff unterwegs aus seiner Sicht vollkommen daneben: „Boah! Stand im Arbeitsvertrag eigentlich was von Erschwerniszulage?“ Das Lied „Meine Liebe, meine Stadt, mein Verein“ von der Kölner Mundart-Band „Domstürmer“ war natürlich nicht seins. „Tja, da musste bei einem Ex-Kölner durch. Auch wenn es schwer wird für einen aus dem großen Dorf im Norden.“

Trotz musikalischem Terror schaffte er es nach dem Abliefern auch noch unfallfrei bis zu DHL, wo unsere Schlussfracht für die Woche wartete. Mit der Lieferung am Haken war es meine Sache, bis ins Sauerland zu fahren. Da das Mittagessen ins Wasser gefallen war, beschlossen wir, hier eine kleine Kuchenpause einzulegen.
Chris stöpselte seinen Neuerwerb in die Steckdose, eine Kaffeemaschine. Ich brühte mir natürlich einen Tee auf, während Chris in der Dorfbäckerei zwei Stück Käsekuchen kaufte. Damit er nicht mehr aus der Kölner-Haie-Tasse trinken musste, hatte er sich extra eine von Fortuna Düsseldorf gekauft. Da mir deutscher Fußball bis auf die reinen Ergebnisse aus Bochum relativ egal war und ich auch mit der Städtefeindschaft mehr spielte, als sie ernst zu nehmen, ärgerte mich das aber nicht wirklich.

Nach dem Kuchen ging es weiter, nun mit Chris am Steuer. Ich hatte Probleme, mein Grinsen zu verstecken, je dichter wir nach Frankfurt kamen.
„Da muss der Trailer rein?“ Schockiert sah Chris die Laderampe. Allerdings hatte er es sich unnötig schwer gemacht und war von der strategisch ungünstigen Seite angefahren. „Ja, da rein.“

Ich war unbarmherzig und verweigerte, das Steuer zu übernehmen. Fluchend und teilweise zentimeterweise versuchte Chris, den Zug „um die Ecke zu bringen“. Irgendwann ging gar nichts mehr. „Was ist?“ „Bremse leer, verdammt noch mal! Frag doch nicht so doof!“
Die Rache für meine sadistische Fahrlehrer-Einlage bekam ich aber noch während des Manövers, denn es fing an zu regnen und das bekam nun mal der Einweiser zu spüren. Also waren wir am Ende beide nass, Chris vom Schweiß und ich vom Regen. Aber der Trailer stand an Ort und Stelle.

Jetzt fuhr ich, weil Chris Lenkzeit ebenso aufgebraucht war wie seine Nerven, noch zum Hotel und das Wochenende durften wir also in Frankfurt verbringen. Selten war ich für eine Wochenruhe so dicht bei der Heimat und doch zu weit weg für die Heimreise gewesen.

Das Wochenende verbrachten wir mit gemeinsamen und getrennten Aktivitäten. Meistens tagsüber gemeinsam und abends getrennt. Immerhin ging ich nicht so ganz durchschnittlich aus und zog durch die Kneipen mit der Regenbogenfahne über der Tür.
Am Montag übernahm ich die erste Runde und fuhr erst einmal zum Flughafen, wo im Gewerbepark eine Ladung Diesel auf uns wartete. Mit der Last am Haken ging es an Flugzeugfans vorbei zur Hauptstraße.


Der weitere Weg führte nach Osten, für heute an Nürnberg und München vorbei, über den Brenner, bis uns die Tagesarbeitszeit ausging. Die Nachtruhe wurde also auf den Platz an einer Mautstation gelegt, wo es von der Autobahn auf die Landstraße ging.
Das Frühstück am nächsten Morgen mussten wir aus dem Staufach bestreiten, dann ging es weiter. Nachdem gestern Chris die Premiere überhaupt hatte, durfte nun auch ich selbst endlich mal den Eintritt ins italienische Autobahnnetz bezahlen, ohne dafür anhalten zu müssen.

Chris übernahm bei Bologna bis an die Fähre und damit waren die ersten zwei Tage schon wieder um. Wir setzten über nach Igoumenitsa und ich fuhr unsere Ladung zu Fercam. Weil die Fähre erst in der Nacht zurück fuhr, wir aber nicht so lange am Hafen stehen wollten, parkte ich den Truck in der Stadt und wir verbrachten den Tag dort.
Am Nachmittag fuhr Chris zu DHL um unsere Rückfracht abzuholen. Das waren 22 Tonnen Milchpulver für Wuppertal. Die Fähre spuckte uns dann wie gewohnt am nächsten Mittag im Hafen von Ancona wieder aus. Ich fuhr bis in die Nähe von Bologna und überließ dann Chris noch das Steuer bis zu einem Rastplatz vor der Schweizer Grenze.

Wir hätten von der Lenkzeit weiter fahren dürfen, aber die Schweiz ließ uns nachts nun einmal nicht rein. Am nächsten Morgen konnten wir nun immerhin ausschlafen, da wir 11 Stunden Ruhezeit voll kriegen mussten. Nach ein Bisschen Frühsport den Rastplatz rauf und runter, anschließender Dusche im Rasthaus und einem ausgiebigen Frühstück waren wir wieder unterwegs.

Nun galt es zu entscheiden, wie der Tag verlaufen sollte: „Sollen wir die Tour knallhart und ohne Stehpause durchziehen? Dann sind wir heute Abend in Bochum. Oder lassen wir es ruhig angehen, aber dann würden wir je nach Route bei Koblenz oder Montabaur noch mal übernachten?“ „So kurz vorm Ziel? Aber ich habe ja eh nichts davon. Muss ja dann morgen früh noch mal zurückkommen zum Truck putzen.“
Diese Arbeit teilten wir uns immer am Ende einer Tour. „Dann bleibst Du die Nacht auf dem Sofa. Julian wird das schon nicht stören und Marlon wird sowieso wieder bei Judith sein.“ „Dann lass uns durch fahren.“
Das tat ich dann bis an die schweizerisch-französische Grenze. Hier organisierte ich schnell ein paar belegte Brötchen und schon ging es weiter. Chris reizte seine Fahrzeit aus bis zur letzten Minute und die brach vor einer sich schließenden Bahnschranke an. Also wechselten wir die Plätze, während vor uns ein Güterzug entlang rumpelte.

Kurz vor Köln bekam ich es dann mit Regen zu tun. Das hieß, dass ich auch beim Absatteln an unserem Ziel bei Hellmann in Wuppertal nass wurde, während Chris im Büro den Papierkram erledigte.
Dann fuhr er noch nach Bochum und die Woche war zu Ende. Julian hatte uns dankenswerterweise noch was zum Essen gekocht. Danach krochen wir in die Betten.
Am nächsten Morgen frühstückten wir zu dritt, bevor Chris und ich uns an die Arbeit machten und den Truck abspritzten und aussaugten, verschiedene Teile prüften und die Lebensmittelvorräte wieder auffüllten.
Als wir fertig waren, war es schon fast Mittag. Julian hatte sich mit dem Opel Astra, den er sich inzwischen mal gekauft hatte, um nicht immer meinen Citroen nehmen zu müssen, auf den Weg zum Einkaufen gemacht und war mit den Zutaten für eine Pizza zurück gekommen. Also blieb Chris noch da und wir machten uns mit viel Alberei die Mafiatorte fertig und futterten sie zu dritt weg. Dann machte sich Chris schließlich auf den Heimweg in seine Bude nach Dortmund.

In den Wochen vor und nach Ostern blieb der Truck in Bochum. Die ADR-Scheine mussten bei Chris, Julian und Marlon erneuert werden. Ich nahm das auch gleich mit, auch wenn ich noch ein Bisschen länger Zeit gehabt hätte. Aber so waren wir nun wenigstens alle gleichauf.


Nach Ostern würde außerdem die Meisterschaft im Eishockey entschieden. So lange das offen war, wollte ich ohnehin nicht auf Tour gehen. Und auch Julian wollte alle „HAImspiele“, wie es im Kölner Fanjargon hieß, in der Finalserie sehen.
„Willst Du auch mal mit?“ fragte ich Chris. Der meinte, er hätte das ultimative Argument gefunden, nicht in die verhasste Stadt mit der großen Kirche zu müssen: „Nur wenn Du mit mir noch in dieser Saison zu Fortuna Düsseldorf kommst.“ Deutscher Fußball? War mir fast egal, wer da spielte. Bochum konnte es auch nicht mehr werden. Und der Krieg zwischen den zwei Städten war es auch: „Abgemacht!“ „Das war nicht die Antwort, die ich erhofft hatte. Halt Dich doch einmal an die Regeln… Jetzt muss ich auch noch zu den Haien.“

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Das etwas chaotische Wochenende am Anfang verdankte ich SCS und ihrer Herumspielerei an den Lackierungen bei einem damaligen Patch. Leider war die schiefe Linie der neuen Ausführung auf meiner damaligen Geforece210-Klötzchengrafik (ja, das lief sogar auf niedrigsten Details flüssig) nicht so toll anzuschauen. Die Lackierung war damals eigentlich vor allem meine Wahl gewesen, da sie keine schrägen Linien enthielt.

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