Wir koppelten unsere Apfelsinen an, unpassend verladen in einem Kühltrailer mit Garnelen auf der Werbefolie, und um die angespannte Stimmung aufzulockern meinte ich: „Hilfsgüter, Orangen. Wir sind ja eine schöne Gefahrgutfirma.“ Marlon war aber zu ernst aufgelegt: „Lebensmittel durch ein Bürgerkriegsgebiet zu fahren oder überhaupt sich da mit einem neuwertigen Nutzfahrzeug blicken zu lassen, ist eigentlich Wahnsinn. Lieber 25 Tonnen Dynamit von Polen nach Spanien als mit einer einzigen Apfelsinenkiste eine Lastzuglänge nach Libyen. Wieso waren wir nur so geldgeil?“
„Warum ist eigentlich keiner auf die Idee gekommen, mal unseren Kreditrahmen abzufragen?“ Generell waren wir offensichtlich relativ unvorsichtig und voreilig an viele Dinge in den letzten Wochen und Monaten heran gegangen. Wieder zu Hause müssten wir mal einige Dinge überdenken und ändern, Zuständigkeiten festlegen und so weiter. Vorausgesetzt wir kamen da überhaupt wieder an…
Über uns zog das Schild vorbei, wo wir uns nach Kairo und zur Fähre Richtung Europa oder nach Tubruq einordnen mussten. Ich setzte den Blinker nach links und schnaufte hörbar.
Nach zweieinhalb Stunden Fahrt standen wir an der libyschen Grenze. Noch einmal 4 Stunden später gab es keinen Weg mehr zurück. Wir hatten alle unsere Stempel und nun mussten wir die Fahrt durch Libyen fortsetzen.

Sichere Rastplätze gab es gar keine, aber wenigstens solche, die als vergleichsweise sicher gelten konnten. Leider gab es die wiederum viel zu selten und nachdem wir 4 Stunden an der Grenze gestanden hatten und man keinesfalls in der Nacht fahren sollte, hatten wir keine andere Wahl, als unsere Nachtruhe auf die Raststätte Benghazi zu verlegen.
Die hatte auf der Liste der Sicherheitsstufen in unserem kleinen, liebevoll „Ratgeber für Lebensmüde“ getauften Merkblatt für Libyenreisende, das Marlon auf einer tunesischen Website gefunden hatte, eine 4, das hieß eigentlich „nur im absoluten Notfall rasten, Übernachtung vermeiden“, danach kam nur noch „auf keinen Fall ansteuern“ mit der 5.
Da Marlons Lenkzeit nicht bis Benghazi reichte und es sowieso schon viel zu spät war, hielten wir einfach mit Warnblinker auf dem Pannenstreifen, wechselten die Plätze und ich fuhr nach gerade mal einer Minute weiter.
Auf der Raststätte lagen die LKW-Plätze im Dunkeln. Ich wollte also die besser beleuchteten PKW-Plätze ansteuern, aber der Raststättenbetreiber kam angerannt und erklärte mir wild mit den Armen fuchtelnd, dass ich auf der anderen Seite parken musste. Ich versuchte also, unseren Truck so gut wie möglich ins Büchsenlicht zu rücken.
Nun gingen wir erst einmal ins Rasthaus, um uns zu waschen und etwas zu essen. Dort trafen wir auf Ziyad, einen libyschen Trucker. Er war mit seinem schon etwas abgenutzten Scania und einem Autotransport hier über Nacht gestrandet und fühlte sich auch unwohl.
Wir hatten schon beschlossen, dass nur einer schlafen sollte und der Andere Nachtwache hielt. Marlon setzte sich also erst einmal auf den Fahrersitz und ich kletterte in die Koje. Über seine Schulter erhaschte ich noch einen Blick in den Rückspiegel, dort herrschte eine ziemliche Finsternis.

Ich wurde wach von Marlons Warnschrei und noch bevor ich aus der Koje war, fielen Schüsse, nur Sekunden später trommelte es an unsere Türen. Auf englisch brüllte jemand: „Aufmachen!“ Im Spiegel sah ich, wie Ziyads Fahrerhaus von Maschinenpistolenkugeln aus allen Richtungen durchschlagen wurde. Auch im Fahrerhaus blitzte ein paar Mal ein Mündungsfeuer auf. Offenbar hatte er sich zum Zurückschießen entschlossen, was wohl sein Todesurteil war.
„Die beiden Anfänger da draußen stehen zu dicht am Truck. Wir könnten uns wehren. Aber nur wenn Du willst, denn dann sind sie richtig sauer und es geht nur noch ums Überleben.“ „Wie denn? Um was anderes geht es doch eh nicht?“ „In der Tür liegt ein 19er Maulschlüssel. Den nimmst Du ganz leise raus. Ich zähle von 3 auf 1 und dann kommt Los. Die Tür aufschlagen und ihn mit dem Ding angreifen.“ „Der hat sicher auch eine Maschinenpistole.“
„Wir können hier an sich eh nur draufgehen. Ob mit oder ohne Gegenwehr ist mir dann auch egal. Verkaufen wir unsere Haut so teuer wie möglich, mit der klitzekleinen Chance, sie sogar behalten zu dürfen. Oder glaubst Du an das Märchen vom Lösegeld der Bundesregierung für zwei leichtsinnige Fernfahrer an einen aufständischen Clan in Libyen?“
Ich holte vorsichtig den Schraubenschlüssel aus der Ablage, denn daran glaubte ich wirklich nicht. Marlon steckte den Zündschlüssel ins Schloss, nahm die Maglite Maxi in die Hand und fing an: „3 – 2 – 1…“ Bei der 2 drehte er noch den Schlüssel um bis der Batteriehauptschalter geschlossen war, bei 1 hatte er die Hand am Türöffner. „Los!“
Wir warfen beide die Türen auf, aber dafür, dass wir sie damit K.O. schlugen, standen sie doch zu weit hinten. Mein spezieller Freund war ein Jugendlicher und hatte eine gewöhnliche Pistole in der Hand. Dass jemand die Tür so schnell aufmachte und dann gleich einen Schraubenschlüssel in der Hand hatte, war wohl unerwartet für ihn. Als Ausländer hatten wir gefälligst unbewaffnet und leichte Beute zu sein, da wir mit Waffen nicht über die Grenze gekommen wären. Immerhin glich das die Chancen etwas aus, wir hatten wohl beide keine große Erfahrung mit Überfällen auf parkende LKW.
Er schaffte es noch, so weit auszuweichen, dass ihm ein Volltreffer erspart blieb. Metall traf auf Metall, ich schlug ihm die Pistole aus der Hand. Dabei löste sich ein Schuss und eine Pistolenkugel stieg auf in den Nachthimmel von Benghazi. Vor Schreck ließ ich dadurch den Schraubenschlüssel fallen.
„Scheiße!“ „Bist Du getroffen?“ Panik lag in Marlons Stimme. „Nein, und die Pistole hat er verloren! Aber der Schraubenschlüssel ist weg!“ „Wir sind auch gleich weg, jetzt können sie ja nicht mehr unsere Kabine in ein Sieb verwandeln!“
Der Jugendliche klammerte sich mit seiner rechten Hand jetzt an den Einstiegsgriff und versuchte raufzuklettern. In der linken hatte er nun ein Messer. Die Beifahrerseite war die schlechtere zum Entern für bewaffnete Rechtshänder…
Der Rebell auf Marlons Seite, der wohl ein paar Jahre älter war als bei mir, war überwältigt. Erst hatte Marlon ihn mit der Maglite geblendet und sie ihm dann voll ins Gesicht gerammt. Die Maschinenpistole lag im Dreck, er hielt sich die Hände vors Gesicht und torkelte benommen über die Fahrbahn, aber aus seiner Nase lief das Blut in Sturzbächen über die Finger. Das Nasenbein war wohl Matsch.
Marlon startete den Motor, während von hinten weitere Rebellen darauf aufmerksam wurden, dass hier etwas nicht nach Plan lief. Mit aufheulendem Motor sprang unser Renault nach vorne, während ich immer noch ein Problem im Einstieg stehen hatte. Ich bekam die ohnehin zuklappende Tür zu fassen und riss sie mit aller Gewalt zu.
Ob das an eine splitternde Dachlatte erinnernde Geräusch vom danach in Einzelteilen auf die Straße bröckelnden Plastik-Ablagefach oder der Schulter des Jungen kam, war mir egal, aber als ich die Tür noch mal ein Stück aufdrückte, stürzte er haltlos und mit verdrehtem Arm vom Einstieg auf den Asphalt. Einige Schüsse pfiffen an uns vorbei, besonders gefährlich konnten sie uns durchs Blech und die Innenverkleidung der Schlafkabine aus der Entfernung nicht mehr werden, wenn sie nur nichts Wichtiges am Truck trafen.
Im Licht der letzten Straßenlampe auf dem Rastplatz blieb der Junge liegen und wälzte sich vor Schmerzen hin und her. Der Rasthofbesitzer, der sich dezent im Hintergrund seines Ladenlokals gehalten hatte, kam nun über das trockene Gras zwischen den Stellplätzen zu ihm hin gelaufen, die Hände flehend in Richtung Himmel erhoben. War der Junge etwa sein Sohn gewesen? Dann wäre wenigstens klar, wie die Rebellen erfuhren, ob es was gab, das einen Überfall lohnte und warum wir unbedingt im dunkelsten Teil des Platzes parken mussten.
Als wir im Dunkel der Autobahn verschwunden waren und die Gefahr eines Unfalls größer wurde als die eines Treffers, schaltete Marlon die Beleuchtung ein. Um 10 vor 3 verließen wir das Stadtgebiet von Benghazi in Richtung Sirte. Mitten in der Nacht, aber gefährlicher als zu parken konnte es auch nicht sein, nachts zu fahren.
„Ist Dir was passiert?“ Erst jetzt merkte ich, dass etwas Nasses meinen rechten Arm runter lief. Ich machte mit links die Leseleuchte an, nahm mir ein Papiertuch und wischte über die Stelle. „Ein Schnitt am Oberarm, aber nur durch die Haut, nichts ernstes. Tut kaum weh, blutet nur ein Bisschen. Und Dir?“ „Gar nichts.“
Zum Glück war uns wohl, von der heftigen Gegenwehr geschockt, keiner gefolgt, denn gegen eine Horde schießwütiger Rebellen in PKW und Geländewagen hätten wir keine Chance gehabt.
Ich kramte den Verbandkasten hervor, sprühte Desinfektionsspray auf die Wunde und klebte einen breiten Streifen Pflaster drauf, während Marlon weiter durch die Nacht raste.

Gegen halb 5 wurde es hell. Marlon fuhr wie entfesselt und überholte über durchgezogene Mittellinien auf der einspurigen Strecke, sobald man weit genug sehen konnte. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich versuchte mich nicht zu sehr auf die jetzt doch etwas pochende Wunde zu konzentrieren.
Nach 4 Stunden Fahrzeit tauchte der erste brauchbare Parkplatz überhaupt auf. Eine einfache, kniehoch ummauerte Haltebucht. Ein paar Bäume wuchsen dahinter im Sand, bewässert von der Feuchtigkeit, die die Berge herunter kam.
Marlon rollte auf den verdichteten Sandplatz, machte den Motor aus, stützte die Ellenbogen auf den Lenkradkranz und das Kinn zwischen die Hände. Er starrte in den Sand vor der Zugmaschine. Marlon war von uns vier Fahrern der emotionsloseste. Sein bisher größter Gefühlsausbruch war ein fester Händedruck gewesen, als ich Weihnachten den Truck verschenkt hatte, in dem wir gerade saßen.
„Ich habe einige Überfälle hinter mir. Aber das heute war knapp. Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir lebend raus kommen. Erst recht nicht mit nur einer Schnittwunde.“ Dann fing er an zu heulen wie ein kleiner Junge.
Nach einer Weile war es mir gelungen, ihn zu beruhigen. Wir stiegen aus, vertraten uns die Beine und inspizierten den Truck. Die Zugmaschine hatte einen glatten Durchschuss im Dachspoiler, eine Kugel steckte im Schmutzfänger, der nur so einen Reifenschaden auf der Fahrerseite hinten verhindert hatte, die linke Rückleuchteneinheit hatte kein Deckglas mehr und der Weitwinkelspiegel auf der Beifahrerseite hatte es auch nicht überstanden. Dazu eine lange Schramme durch die Folierung auf der Beifahrerseite, vermutlich vom Messer des Jungen bei seinem Absturz.
Die Rückseite vom Trailer sah mehr nach Kriegsgebiet aus. Etliche Einschüsse gingen durch das Außenblech. Scheinbar aber keiner durch bis in den Innenraum.
Um die zerstörten Rücklichter kümmerte sich Marlon. Nicht mehr funktionierende Birnen tauschte er aus und dann kam er ernsthaft mit zwei Flaschen Nagellack aus dem Führerhaus. „Keine Hoffnungen, ich wechsele nicht auf Dein Ufer. Aber so viele Lampengläser, wie ich hier auch durch Steinschlag und Unfälle schon eingebüßt habe, machen erfinderisch.“ Er pinselte, wo das Plastik fehlte, die Blinkerbirnen orange und diejenigen für Brems- und Rückleuchten dunkelrot an.
„Und jetzt sehe ich mir mal Deinen Arm an.“ Es war zwar doch etwas tiefer und länger als ich gedacht hatte, aber da waren mir schon schlimmere Verletzungen untergekommen. Marlon desinfizierte die Wunde noch einmal und legte einen richtigen Verband an. Trotzdem konnte ich weiter fahren.
Also übernahm ich auch das Steuer. Kurz danach klingelte mein Handy, es war Chris Büronummer. Ich drückte die Annahmetaste auf dem – typisch französisch – mit Bedienelementen gut versorgten Lenkrad, so war der Anruf auf der Freisprechanlage. „Hallo Chris.“ Ich war noch nie so froh, seine Stimme hören zu dürfen.
„Hallo Ricky. Hallo Marlon. Julian und Judith sind auch hier. Wo seid Ihr?“ „Kurz vor Sirte.“ „Schon? Wir hätten Euch bei Benghazi erwartet.“ „Wir sind mitten in der Nacht los.“
Marlon erzählte, was wir in der Nacht erlebt hatten. Am anderen Ende wurde es sehr still. „Seht bitte zu, dass Ihr so schnell wie möglich und heile wieder nach Europa kommt.“ „Wenn wir aus Libyen raus sind, ist das schlimmste durch. Tunesien und Nord-Algerien sind ähnlich wie Ägypten, da ist es nicht gefährlich, wenn man ein paar Regeln beachtet. Und Marokko ist vergleichsweise stabil.“
„In den Nachrichten haben sie gesagt, dass das Tanklager am Flughafen brennt. Hoffentlich kommt Ihr da durch.“ „Werden wir sehen. Hält hoffentlich nicht zu lange auf. Das Tanklager ist ja nicht auf der Autobahnseite.“ „Wir hoffen, Ihr schafft es heute aus Libyen.“ „Müssen wir mal sehen. Aber die Chancen sind ganz gut, dass wir zumindest die Grenze erreichen.“ „Bitte meldet Euch von unterwegs und wenn Ihr an der Grenze seid. Wir machen uns echt Sorgen.“
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, meinte Marlon nachdenklich: „In dieses Land setzt keiner mehr einen Fuß, so lange die Lage so unsicher ist. Und heutzutage achtet man besser auf Reisewarnungen.“ „Sollte man das nicht schon immer?“
„Quatsch! Als ich 2005 rum das erste Mal weiter nach Afrika rein bin als Marokko, Algerien oder Tunesien, da hätte man laut Auswärtigem Amt eigentlich massakriert und ausgeraubt werden müssen, sobald man über die Grenze war. Da waren sie übervorsichtig. Und in den nach Reisewarnung schlimmsten Ländern bin ich auf die nettesten Menschen getroffen. Da haben sie bei mir viel Glaubwürdigkeit ihrer Warnungen verspielt. Aber jetzt stimmen sie wohl doch mal langsam.“
Der Brand am Flughafen erzeugte eine heftige Rauchwolke, aber in der Tat war das Tanklager so weit weg, dass es keine Auswirkungen auf die Autobahn hatte.
Am Abend war es geschafft, um 18:21 Uhr wehten vor uns die tunesischen Flaggen und hinter uns die Libyschen, wir waren im Niemandsland zwischen beiden Grenzposten. Diese Nacht verbrachten wir unter den wachsamen Augen der Soldaten und Zöllner und konnten uns sicher fühlen. Natürlich riefen wir noch in Bochum an und meldeten, dass wir sicher standen. Danach schliefen wir nach dem anstrengenden Tag wie die Steine.
Am nächsten Morgen starteten wir nach Tunesien und je weiter nördlich wir kamen, umso erleichterter wurden wir. Dank Tourismus als Einnahmequelle waren Tunesien und Marokko die sichersten Länder Nordafrikas. Einerseits weil der Staat so die Sicherheitskräfte dank der Einnahmen besser ausstatten konnte und zum Erhalt des Tourismus die Sicherheitslage aufrecht halten wollte. Andererseits hatten aber dort auch kriminelle Gruppen oft ein „gesichertes Grundeinkommen“ im Tourismus und waren daher nicht daran interessiert, dass die Touristen ausblieben. Ein ausländisches Kennzeichen am Truck war hier manchmal sogar eine Lebensversicherung, damit das Heimatland nicht auf die Idee kam, Reisewarnungen auszusprechen.
Da wir es unmöglich noch bis auf den bewachten Parkplatz in Tunis Stadt schaffen konnten, bevor es dunkel wurde, mussten wir auf die nächste „Raststätte des Todes“, nämlich die kurz vor dem Autobahndreieck La Goulette. Hier hatten wir vor 3 Wochen die Henkersmahlzeit unseres Iveco-Motors getankt.
Wir konnten uns in der relativen Sicherheit Tunesiens endlich mal wieder die Zeit nehmen, in Ruhe zu essen.
Ich wurde früh wach und weil die 9 Stunden Ruhezeit fast um waren, weckte ich Marlon und wir gingen uns noch einmal im Rasthaus beim Frühstück stärken. Danach kauften wir noch insgesamt 4 Sixpacks mit 1,5 Liter-Flaschen französisches Mineralwasser. „Auf jeden Fall französisches ohne Kohlensäure. Bei französischem kannst Du Dir sicher sein, dass die Qualität stimmt, bei tunesischem nicht, das ist gerne mal mit minderwertigem Leitungswasser verschnitten und für europäische Mägen nicht geeignet. Und ohne Kohlensäure ist auch besser für den Magen, bei den Mengen, die wir heute und morgen trinken müssen. Jetzt geht es richtig durch die Wüste.“
Dann prüfte ich, dass wir wirklich 9 Stunden gestanden hatten und fuhr los. Auch wenn unsere Ruhezeiten einen Verstoß eingesammelt hatten, wollten wir uns natürlich für den Rest der Tour dran halten.
Und nach der Stadt begann die echte Wüste. Sand und Dünen bis zum Horizont. Und bald merkte ich, wozu wir 18 Liter Wasser pro Person eingekauft hatten. Kam ich in Europa meistens mit zwei Flaschen über den Tag, brach ich hier die zweite noch vor der ersten Pause und somit vor 10 Uhr morgens an. Die Sonne brannte vom Himmel, da half auch keine Klimaanlage. Wir wurden trotzdem bei über 30 Grad in der Kabine im eigenen Saft geschmort, weil das Aggregat nicht gegen die Sonneneinstrahlung hinterher kam.

Aber wir hatten auch Sicht auf die Straße bis zum Horizont. Die algerischen Trucks waren oft schlecht motorisiert. Entweder waren es uralte MAN F90, Mercedes SK oder auch unsere alten Lieben Renault Serie R und Iveco TurboStar, als die meisten Fahrzeuge mit knapp unter 400 PS verkauft wurden. Oder es waren zwar aktuellere Modelle, aber auch die meistens nur mit 400 PS und drunter.
So konnten wir mit unserem 460er gut überholen. Auf Bergab-Passagen stand nicht selten eine 110 oder 120 auf dem Tacho und bergauf konnten wir von denen mehr mitnehmen als die anderen Fahrer.
Endlich tauchten vor uns Gebäude aus dem Sandmeer auf. Die Grenze nach Algerien war erreicht. Wir machten einen Fahrerwechsel und weiter ging es nach den Formalitäten. Durch unsere Flucht aus Benghazi hatten wir nun gute Chancen, einen Tag früher bei dem Bekannten von Marlon in Meknes zu sein, wo er die Wochenruhe eingeplant hatte.
Die Fahrt blieb sandig und das Zeug kroch inzwischen durch alle Spalten und Ritzen in die Kabine. Sand in den Schuhen, Sand zwischen den Zähnen, Sand auf den verschwitzten Händen, sobald man etwas anfasste, Sand an Körperstellen, wo eher selten die Sonne hinfällt…
Und mit einem Schlag wurde aus der Wüste ein grünes Paradies. Es ging ein paar Serpentinen runter und wir waren an einer Oase. Leider durfte man in dem See nicht baden. Aber wir steuerten den Parkplatz an, wo es neben „abendländischer Küche“ auch Duschen gab.

Zwar brachte das in Anbetracht der Wüste, die noch auf uns wartete, eher wenig, aber für heute war das die letzte Gelegenheit, Wasser in ausreichender Menge von außen an den Körper zu bekommen.
Wir setzten unsere Fahrt fort und bereits mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die Tankstelle zwischen Algier und der Grenze nach Marokko, die ich noch von meiner Tour nach Oujda letzten Herbst kannte.
Den Sand versuchten wir noch mit der „orientalischen Dusche“ loszuwerden.
Der voraussichtlich letzte Tag dieses Horrortrips hatte schließlich begonnen. Nach etwas über einer Stunde standen wir an der Grenze nach Marokko. Die war zwar offiziell seit Jahren geschlossen, aber weil beide Länder auf gegenseitigen Handel angewiesen waren, kamen LKW problemlos durch. Sogar die Grenzkontrolle war mit 53 Minuten für afrikanische Verhältnisse schnell.
Ich fuhr also weiter und in Oujda sagte Marlon am Stadtrand plötzlich: „Da links rein.“ Dann glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Mitten in einem Land mit dem Islam als Staatsreligion stand eine kleine, aus einfachen Mitteln gebaute, christliche Kirche. Ich parkte den Truck am Rand von dem Platz um den Brunnen und wir gingen zum Pfarrhaus.

Der Pfarrer kannte Marlon gut. Er machte hier mit Julian öfter Pause, auch Übernachtungen könnten wir hier in einem einfachen Gästezimmer für Reisende bekommen, wenn wir abends rasten würden. Wir bekamen ein zweites Frühstück und konnten uns duschen, bevor es weiter ging.
Und weiter ging es mit Sand, Sand und noch mal Sand. Schließlich baute sich vor uns das Atlasgebirge auf. „Jetzt wird es zäh. Mal sehen, ob meine Lenkzeit reicht.“ Ich warf einen Blick auf das tragbare Navi am Saugnapfhalter. Das war der größte Nachteil an diesem Truck, es fehlte ein Festeinbau.
Bei den verbleibenden Kilometern wunderte ich mich ein Bisschen, was das Problem sein sollte, aber schon bald wurde es mir klar. In den letzten Dünen, bevor die Serpentinen begannen, war der Tacho schon bei 40. Die Spanier und Marokkaner, die sich schon eher gut motorisierte Trucks mit 500 PS und mehr leisten konnten und teilweise auch weniger Last als wir hatten, zogen vorbei. Die Zahlen tickerten runter, bis irgendwann eine 18 auf dem Tacho stand.
„Wenn der so weiter fährt, gibt es hier bald einen Tunnel…“ Uns überholte an schwer einsehbarer Stelle ein anderer Renault Premium, beladen mit Sprengstoff. Wie unserer auch war es ein 460 DXi, allerdings ohne hier sowieso witzlose EEV-Schadstoffklasse. Seine Ladung wog vermutlich nur die Hälfte von unserer.
Immer weiter quälten wir uns den Berg rauf, doch die Steigung wollte kein Ende nehmen.

Endlich erreichten wir Taza und den Hof von Dachser. Der Kilometerzähler „Trip 2“, den wir immer für einen Auftrag nutzten, zeigte 3883 Kilometer an. Es war mit Abstand der anstrengendste und Nerven zerreißendste Auftrag seit ich vor über 10 Jahren bei Mahler in einen finnischen Schneesturm geraten war und anderthalb Tage in meinem Truck im Niemandsland eingeweht war, bevor eine Ortsfeuerwehr mich mit zwei schwedischen Kollegen, die einige hundert Meter weiter feststeckten, vom Motorschlitten aus versorgte und nach noch mal zwei Tagen Räumfahrzeuge uns erreichten und frei zogen.
Klar hätte ich auf den Überfall in Libyen gerne verzichtet. Aber eine Wüstendurchquerung von Tunis bis Taza war auf jeden Fall ein besonderes Erlebnis. Und so brachte ich mit gemischten Gefühlen die Papiere ins Büro, während Marlon den Tankauflieger daneben ankuppelte.
Nun wartete noch einmal ein Abenteuer auf mich, denn der Abstieg nach Meknes war nicht weniger abenteuerlich als der Aufstieg von Oujda. Dank Retarder war es aber kein sehr großes Problem, den Berg wieder herunter zu kommen und kurz vor 8 erreichten wir das Ortsschild von Meknes.
Marlon gab mir Fahranweisungen, bis wir den Hof einer freien LKW-Werkstatt erreichten. Hier stand alles und in allen Zuständen von einwandfrei bis schrottreif teilausgeschlachtet herum. Die größten Exoten, die mir vor allem wegen dem Alter ins Auge stachen, waren ein Saviem PS mit der verglichen zum sonst baugleichen MAN F9 sehr gewöhnungsbedürftigen Vollplastikfront und ein nur wegen der seltenen Marke exotischer Unic-Iveco T-190.
Ein Mann, der unmöglich Marokkaner sein konnte, sondern aus Zentralafrika stammen musste, kam angelaufen und machte eins der Hallentore auf.
Ich tat wie mir mit Handzeichen gewiesen wurde und rollte in die Halle. Dort riss der Besitzer die Beifahrertür auf und begrüßte Marlon stürmisch, bevor der richtig aussteigen konnte: „Marlon, alter Freund. Hast Du endlich der Kinderarbeit abgeschworen?“ „Das Kind wird in ein paar Wochen 22 Jahre und wollte damals selbst mit 16 ans Steuer! Und weil Julian bei unserer Abreise krank war… Das ist Ricky, unser Freund, dem wir diesen Truck verdanken. Und hier steht Jussuf, der beste Schrauber von ganz Nordafrika. Ohne ihn hätte der R385 damals viel früher schlapp gemacht.“
Ich hatte die Hitze der Wüste und wie durch ein Wunder fast unverletzt auch einen bewaffneten Überfall libyscher Rebellen überlebt, nur um mir jetzt von einem Werkstattbesitzer in Meknes alle Rippen brechen zu lassen? Lebhaft war wohl die einzige Art von Begrüßung, die Jussuf kannte.
„Was habt Ihr denn mit dem Truck gemacht?“ „Ein paar Libyer konnten nicht verstehen, dass wir unsere Leben, die Zugmaschine und die 23 Tonnen Apfelsinen, die zu dem Zeitpunkt noch dran hingen, gerne behalten wollten.“ „Ich habe ja jetzt zwei Tage Zeit, das nötigste zu reparieren. Renault sind gute Trucks, das versteht bei Euch in Europa nur kaum einer. Vielleicht mehr Plastik drin als bei den aktuell so beliebten Volvos, aber robust. Gehen in der Wüste und auf Schotterpisten nicht kaputt wie die zerbrechlichen Luxusdinger. Und in Nord- und Westafrika kriegst Du Teile dafür an jeder Straßenecke.“
Jussuf bemerkte den Verband, der ein Stück aus meinem T-Shirt-Ärmel herausguckte: „Was ist mit Deinem Arm?“ „Da hat das Messer von einem der Libyer dran rum gekratzt. Ist aber halb so wild.“ „Du gehst trotzdem mal besser morgen zu einem befreundeten Arzt. Aber kommt jetzt rüber ins Haus. Das Essen ist sicherlich gleich fertig.“
Jussufs Frau hatte uns ein leckeres Abendessen gekocht, es gab in Zitronensaft geschmortes Huhn mit Gemüse und Couscous, das ganze im lebhaften Familienkreise, denn Kinder hatten die beiden auch.
Nach den Entbehrungen der vergangenen Woche sollten das jetzt zwei Tage zum Kräfte tanken zu werden.
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Was hätte das eine ruhige Fahrt werden können, ich wollte doch nur den bisher nicht gefahrenen Abschnitt von Alexandria nach Sirte auf der TSM abhaken. Eigentlich wollte ich nur eine etwas unruhige Nacht wegen der Wache einbauen, aber es sollte ansonsten nichts passieren.
Aber dann wollten einige meiner Leser „Äktschn“. Das Wort tut so geschrieben, wie es damals im Kommentar zum vorherigen Kapitel stand, mehr weh als ein Schnitt in den Oberarm. Also musste ich mir was einfallen lassen, um dem Wunsch zu entsprechen, aber ohne den Truck einbüßen zu müssen, der ja weiter verplant war und ohne dass der alleine gar nicht zu schaffende Auftrag wegen einer schweren Verletzung eines der Fahrer platzt.
