Heute…
…meckert keiner über englische Küche…
…haben Julian und Ricky kein festes Dach überm Kopf…
…und Chris und Ricky versuchen, sich gegenseitig die Zuge zu brechen.
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Mit der geplanten Teamumstellung machten wir uns vom Hof. Julian fuhr als erstes, so blieb mir nur der Aufstieg hinter der Achse als erste ungewohnte Sache. Wir waren auf dem Weg auf die Insel, was Julian aber, anders als Chris, nicht sonderlich störte.
Mal sehen, ob ich mit unserem Neuen auch hier rüber musste oder ob der es alleine hin bekam. Wir wollten einmal Montag aussieben und Judith einladen lassen und dann am Mittwoch nach der Post noch eine zweite Auswahl aus den Nachzüglern treffen.
Mit einem Tanktainer voll Quecksilber ging es aus dem nächtlichen Ruhrgebiet raus. Dank der für LKW gesperrten Brücke auf der A1 nördlich von Köln war auf dem Südring dafür dicke Luft und mal wieder Stau.
Am Grenzübergang Lichtenbusch machten wir die erste Pause. Ich kletterte nun also auf den Fahrersitz und Julian machte die Kurzeinweisung: „Kennst Du einen Renault, kennst Du alle aus dem Baujahr, die sind im Cockpit von Twingo bis Magnum gleich aufgebaut. Je größer das Auto, umso mehr ist drin, aber zwischen Premium und Magnum ist es mehr das Design.
Eine Sache am Magnum ist, dass Du Dich dran gewöhnen musst, dass Du ein Stück hinter der Achse sitzt und nicht genau drauf. Besonders beim Abbiegen und Rangieren ist das etwas Tricky. Und leider sind die Bremsen ein Fall für den Schrott. Wenn Du in Calais auf die Fähre willst, fängst Du am besten in Lille mal so langsam an zu bremsen.“
Über die Autobahn ging es ganz gut voran mit dem ungewohnten Gefährt. Trotz einiger bedrohlicher Wolken blieb es trocken bis zur Fähre. Wir kamen 5 vor 1 an, also war die nächste Fähre, die wir noch kriegen konnten, erst um 20 nach 2. Dafür war ich ohne Halt oder langsames Rollen durch Calais gekommen und wir konnten die Durchsicht des Trucks mal ausfallen lassen und auf die reguläre Abfahrtkontrolle in Lichtenbusch vertrauen.
Auf der Fähre sichteten wir die Bewerbungen mal gründlich, die wir bisher bekommen hatten. Am Ende hatten wir drei Bewerber, die Judith uns für Freitag einladen sollte.
Während der Überfahrt war das Wetter englisch geworden und so schlugen wir uns nun durchs nasse Dover in Richtung Westen.

Erst nach anderthalb Stunden traute sich die Sonne wieder hervor. Hinter Southampton war der Tag zu Ende und wir gingen ins Rasthaus, wo es klassisch britische Küche gab. Wir teilten uns einen entsprechend großen Steak- and Kidney Pie, dazu reichlich Pale Ale. Zum Nachtisch nahm ich ein Trifle, Julian entschied sich für Sticky Toffee Pudding.
Seit fast einem Jahr nörgelte mal keiner am Essen auf dieser Insel herum, was ein Genuss. Trotzdem schob ich den Gedanken natürlich schnell wieder bei Seite. Natürlich war ich zehnmal lieber mit Chris in Spanien unterwegs als mit Julian in Großbritannien.
Die Kabine des Premium war kein Platzwunder aber geräumiger als Befürchtet. Der Prototyp „Étude AE“ und die daraus entwickelte Serie war seinerzeit Wegbereiter für das Konzept gewesen, aber die erst später eingeführten Plattformrahmen von Mercedes und jetzt neu beim Nachfolger auch Renault waren deutlich niedriger, weil die Motoren auch entsprechend angepasst worden waren und flacher bauten als der Mack V8 aus dem ersten Magnum. So konnten dort die Kabinen trotz ebenem Boden innen höher sein. Hauptproblem beim Magnum war der Mangel an Staufächern, weil es kein großes unter der unteren Liege gab.

Am Dienstag fuhren wir auf der teilweise sehenswerten Küstenstraße nach Plymouth und lieferten bei Bosch ab. Julian war auf dem Hinweg gefahren, also hatte ich den Papierkram bei Tee, während er umsetzen durfte an den nächsten Trailer.
In dem Tanktainer war Kraftstoff und er stand ganz hinten. Mit dem nun anstehenden Fahrerwechsel durfte ich also auf dem engen Hof erst mal rauszirkeln.
In den Hügeln von Dorset merkte ich, wie kräftig die verbaute Volvo-Maschine war. Zwar gab es über unseren 500er Iveco nichts zu meckern, aber der 520er Renault wirkte agiler. Nur die 16 Gänge störten, dauernd gab es was zu schalten. Mit so einer starken Maschine würde die 12-Gang-Schaltung aus dem Iveco viel besser harmonieren.
Der Regen erwischte uns wieder um Southampton. Es war aber nur ein kurzer Schauer und so kamen wir wieder im Trockenen nach Dover, setzten noch über und fuhren bis an die belgische Grenze.
Der Mittwoch führte uns unspektakulär durch Deutschland und die Tschechei bis kurz vor unser Ziel Brno. Mittags hatten wir noch mal die neu rein gekommenen Bewerbungen gesichtet und ein viertes Gespräch war dazu gekommen.
Die ADM-Niederlassung hatte schon zu und so fuhren wir 50 Kilometer vorm Ziel auf einen Parkplatz. Die Stellplätze waren die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder konnten wir uns neben einen Kühler stellen oder hinter einen wenig Vertrauen erweckenden Tanker mit Benzin. Wir hatten uns für die zweite Version entschieden und flogen immerhin nicht mit unserem Nachbarn in die Luft.
Der Donnerstag war schon unser letzter Arbeitstag auf dem LKW für diese Woche. Früh morgens lieferten wir bei ADM in Brno ab. Dann ging es leer nach Bratislava, wo ein Tanker mit Natronlauge auf seinen Weg nach Duisburg wartete.
Bei Kaiserwetter ging es durch ehemalige Kaiserreich Österreich an Kaiserschlössern vorbei.

Unsere Abendpause machten wir bei Frankfurt und ich machte mir die sehr wertvolle Notiz, niemals diesen Rastplatz für eine Nachtruhe auszusuchen.

Julian fuhr uns unter gnadenloser Ausnutzung seiner Lenkzeit nach Duisburg und so war es an mir, noch nach Hause zu fahren. Viertel nach 1 nachts stand unser Truck in der neuen Halle. Judith hatte uns mental vorbereitet, wir durften eine weitere Nacht zusammen im Truck verbringen, denn das Gebäude war derzeit unbewohnbar.
Am Freitag wurden wir noch vor 8 Uhr von Danjels Arbeitern geweckt. Unser Bürobereich war auch noch nicht fertig. Judith hatte ein improvisiertes Büro, in dem es immerhin schon Strom gab. Außerdem funktionierten die Toiletten hier schon. Die übrigen Räume waren aber noch ganz am Anfang des Innenausbaus. Unsere Wohnung war noch weiter zurück, hier fehlten aktuell sogar Wände und Plastikplane verschloss die Lücken. Quasi komplett fertig waren nur Bennys Büroräume, die wir am höchsten priorisiert hatten, weil das Geld brachte. Deshalb hatte Judith auch mit Bennys Sekretärin geklärt, dass wir dort im Besprechungsraum unsere Vorstellungsgespräche führen konnten.
Der erste Bewerber war August Förster, 55 Jahre und mit einem typischen Lebenslauf dieser Zeit gesegnet. 1980 als 21-Jähriger auf einem abgehalfterten Mercedes kubischer LPS Hängerzug im Westeuropaverkehr angefangen, ging es nach 2 Jahren mit einem Mercedes NG Sattelzug nach Italien.
1986 dann hatte er die Firma gewechselt und einen Volvo F10 in den Orient getrieben. Bagdad, Kuwait, Riad – er hatte das getan, wovon wir als kleine Jungs geträumt hatten, wenn sich unsere Fahrräder in Mercedes SK, MAN F90 und Renault R390 verwandelten, der geschotterte Waldweg im Sauerland zum Tahir Pass wurde.
In den frühen 90ern war er noch kurze Zeit nach Russland und in die Ukraine gefahren, bevor ihn, wie er sagte, die Familie dazu brachte, wieder kürzere Strecken zu fahren und er alle 3 bis 4 Jahre durch das westdeutsche Transportgewerbe an eine neue Firma gereicht wurde.
Seit 2 Jahren war er arbeitslos und bekam inzwischen Hartz 4, weil sein letzter Arbeitgeber Pleite gegangen war. Weil die Kinder jetzt aus dem Haus waren, war er bereit, auch wieder weitere Strecken zu fahren.
Er machte auf uns den Eindruck, als würde er das auch noch problemlos schaffen und Afrika war ein noch unbekanntes Ziel und die richtige Motivation für seinen dritten Frühling. Allerdings kam für ihn kein Renault in Frage, den Iveco würde er fahren.
Jochen Lamprecht, unser zweiter Kandidat, stellte den Rekord für das kürzeste Bewerbungsgespräch auf. Ihn hatte „das Amt“ geschickt. Als er erfuhr, dass er Langstrecken und Zweiwochentouren fahren sollte, zog er einen Brief aus der Tasche: „Unterschreibt hier einfach, dass ich da war und schickt mir in den nächsten Tagen eine formell korrekte Absage, okay? Ich habe keinen Bock auf solche Touren, will Kurzstrecke fahren.“
Weil man dank Allgemeinem Gleichstellungsgesetz in den Absagen nicht mehr ehrlich sein durfte, hatten diese Typen leichtes Spiel. Es schmeckte uns nicht, dass wir ihm dabei helfen sollten, sich weiter in der aus unseren Steuergeldern geflochtenen Hängematte zu räkeln.
Als er weg war, beschlossen wir, dass wir uns mal erkundigen wollten, ob man ihn bei der Agentur melden konnte.
Als drittes kam die Dame der Runde, Franziska Gehring. Sie war 22 Jahre jung, hatte die BKF-Ausbildung gemacht und seitdem 2 Jahre im Regionalverkehr verbracht. „Ich will nicht mein Leben lang Milch im Bergischen Land einsammeln und nach Wuppertal fahren.“ „Bei uns musst Du dann auch Gefahrgut transportieren. Hast Du den Schein?“ „Ja, den kleinen aus der Ausbildung.“ Das waren wichtige Klassen, aber nicht genug, also durften wir da einen Kurs einplanen.
„Nordafrika wäre auch kein Problem für Dich? Mehrere Wochen auf Tour?“ „Nein, ist doch spannend.“
„Was für einen LKW bekomme ich denn?“ Wir hatten ihr die Möglichkeit gegeben, uns was zu fragen. „Entweder einen Iveco Stralis oder einen Renault Premium. Das hängt davon ab, was unser Fahrer will, der den Premium jetzt hat.“ „Mit dem werde ich mir schon einig“, klimperte sie mit den Augen.
Julian versuchte, nicht zu scharf die Luft durch die Zähne zu ziehen, als er einatmete. Da wir mit unseren Trucks auf der Website abgebildet waren, wusste sie also, dass sie es für diese Diskussion mit Timo zu tun haben würde und der in ihrem Alter war.
Der letzte Bewerber wartete schon, als sie ging. Ilarion Brankovic, 20 Jahre alt, im Mai die Prüfung zum Berufskraftfahrer mit Note 1- bei meinem alten Brötchengeber Talke in Hürth abgeschlossen, was von Essen sicherlich kein Vergnügen gewesen war, zur Arbeit zu kommen. Danach noch 6 Monate befristet dort gefahren.
Dort setzte ich auch erst einmal an: „Warum kannst Du denn nicht bei Talke bleiben?“ „Einstellungsstopp noch bis mindestens Ende des Jahres. Auch Azubis sind nur mit einer freien Planstelle übernommen worden. Ich durfte jetzt eine Kollegin vertreten, die Mutterschutz hatte. Die kommt am 1. November wieder.“
„Mit Deinem Abschluss hätte ich gedacht, dass da eine Planstelle zu finden ist.“ „Ich bin mit der Insolvenzmasse meiner ersten Firma eingekauft worden. Talke hat von da LKW übernommen und sich dabei bereiterklärt, die Ausbildung von einigen Berufskraftfahrern durchzuziehen. Deshalb waren wir mehr, die die Prüfung gemacht haben als es Stellen für die Übernahme gab. Keine Ahnung, ob da den eigenen der Vorzug gegeben wurde, geht mich auch nichts an.“
„Bist Du da nur um den Kirchturm gesegelt oder wo bist Du gefahren?“ „Meistens 2 oder 3 Tage. Deutschland und Nachbarländer. Aber wenn es mal was auf den Balkan gab, war ich erster Mann dafür und auch mal anderthalb Wochen unterwegs.“ „Bei uns würde es durch die ganze EU gehen, dazu Marokko, Tunesien, Algerien, vielleicht mal Ägypten. Balkan zurzeit aber so gut wie nicht. Stell Dich mal auf Touren von durchschnittlich 2 Wochen ein.“ „Ist okay. Mir haben die langen Fahrten immer gefallen.“
„Was bist Du denn eigentlich für ein Landsmann? Und musst Du dann Reisebeschränkungen in irgendwelche Nicht-EU-Länder beachten?“ Die Frage nach der Nationalität war in unserer Branche erlaubt, da sich durch die Antwort Einschränkungen im Einsatz des Fahrers ergeben konnten. Man musste allerdings dazu auch wirklich in Drittländer fahren. „Derzeit dreifacher. Ich hatte mich schon früh entschieden, den deutschen Pass auf jeden Fall zu behalten und werde meine serbischen und mazedonischen Papiere wegen der Optionsregel mit 23 endgültig abgegeben, wenn sie bis dahin nicht noch das Gesetz ändern sollten.“
Die Fahrzeuge, die ihn erwarteten, waren ihm relativ egal: „Hauptsache nicht wieder ein DAF.“
Wir riefen als nächstes mal Timo an, der mit Chris sein Wochenende nah und doch zu weit verbringen würde. Die zwei waren auf dem Weg nach Nürnberg.
„Hallo Timo. Was willst Du denn nun fahren, nachdem Du auch Iveco kennst? Wir müssten es für unsere Bewerber wissen, weil vielleicht einer raus fällt.“ „Ich behalte meinen Renault. Mag komisch klingen, aber ich finde den schön.“
Damit hatten Julian und ich die Wahl der drei. Wobei Franziska Gehring schnell draußen war. „So wie die mit nicht entschärften Waffen einer Frau kämpft, kaufen wir die irgendwann aus einem algerischen Gefängnis frei. Ich habe nichts gegen Frauen in dem Job, aber unsere Zielländer ticken da nun mal anders.“ Julian war der Experte für diese Region, aber dass Frau dort nicht allzu weit gehen durfte, wusste ich auch.
Die Entscheidung zwischen Augusts Erfahrung und Ilarions aktuellem Wissen einer Fachausbildung war uns nicht leicht gefallen, aber schließlich baten wir Judith, einen Arbeitsvertrag an Ilarion Brankovic zu schicken.
Wenn er schnell unterschrieb, konnte er am 1. November anfangen. Bei ihm sahen wir es als notwendig an, dass er eine Woche mit mir nach Großbritannien fuhr und zwei Wochen mit Julian nach Nordwestafrika. Auf Mitteleuropa, Langstrecken in der EU und Frachtpapiere brauchten wir ihn, anders als seinerzeit bei Timo, nicht einarbeiten.
Außerdem sollte sie mal schauen, ob sie uns schon in der Nacht auf Sonntag mit Lebensmitteln und Sonntagsfahrerlaubnis vom Hof bekam. Wenn wir eh in Fahrerhäusern schlafen mussten, konnten wir auch Geld verdienen. Immerhin die Nacht auf Samstag hatten wir Einzelzimmer, weil Marlon uns den Premium auf den Hof gestellt hatte und Julian da rein umsiedelte.
Weil es sowieso ungastlich auf unserer Baustelle war, fuhren Julian und ich am Freitag nach Köln zum Eishockey. In der Verlängerung gab es endlich mal wieder einen Sieg zu bejubeln, auch wenn Julian auf dem Handy zwischendurch niederschmetternde Nachrichten vom VfL Bochum geschickt bekam. Bei meiner zweiten fußballerischen Liebe Fortuna Düsseldorf rollte der Ball wenigstens in die richtige Richtung.
Den Samstag hielten wir eher kurz, besonders Julian, der sich schon früh zum Schlafen in den Premium zurückzog. Unsere Tour begann nämlich in der Nacht auf Sonntag schon um viertel nach eins.
Ich wurde zwischen Osnabrück und Bremen wach, übernahm hinter Bremen dann das Steuer und lieferte die zwei Container mit Mehl auf Paletten in Hamburg ab. Wie auch immer die Sondergenehmigung dafür zustande gekommen war, sie war da. Hier bekamen wir dann eine Ladung Orangensaftkonzentrat für Coca Cola Frankreich mit auf den Weg. Immerhin das war begrenzt haltbar.
Wir kamen noch bis an die französische Grenze bei Saarbrücken, bevor uns die Lenkzeit am frühen Abend ausging. Weiter wären wir aber sowieso nicht gekommen, weil es in Frankreich keine Ausnahmen vom Sonntagsfahrverbot für Lebensmitteltransporte gab wie in Deutschland.
Auf dem Tankstellenplatz stand noch ein armer Hund mit einem kleinen Scania, der hier gestrandet war. Er hatte einen Trailer Heizöl dran und war im Stau stecken geblieben. Dann hatte ihn das Sonntagsfahrverbot hier erwischt, sozusagen in Sichtweite seiner Heimatstadt Kirchheimbolanden.
Leider gab es hier keine Möglichkeit, sich sinnvoll die Zeit zu vertreiben und mit Sonnenuntergang wurde es recht frisch. Julian und ich zogen uns daher recht bald in unsere Kabine zurück und er in seine.

Noch vor 4 Uhr waren wir, das heißt Julian, wieder unterwegs. Ich wurde in der Nähe von Metz aber schon wach. Draußen war es noch finster, aber es war auch kalt und so spiegelte sich das nächtliche Streulicht silbrig auf den reifbedeckten Wäldern in der Ferne.

Bei einem Tankstopp übernahm ich den Truck und fuhr nach Bourges, wo wir die Ladung tauschten. Weiter ging es mit zwei Tanktainern Argon nach Nantes.
Nantes war keine sonderlich schöne Stadt und wir hatten nicht einmal ein Hotel gefunden, obwohl wir uns mal wieder nach einem festen Dach sehnten. Aber so blieb nur der Hof des Renault-Händlers, wo man sich für die Nacht gegen Gebühr einen Schlüssel für die Dusche und ein anständiges Klo leihen konnte. Die Alternative wäre Katzenwäsche und Dixiklo.
Früh am Morgen verließen wir Nantes mit einem gebrauchten Bagger, der zu seinem neuen Besitzer im tiefsten Ostpolen wollte, vor einem farblich interessanten Himmel unter einer abziehenden Regenfront. Gott musste Deutscher sein, wenn er im tiefsten Frankreich für uns die deutsche Flagge an den Himmel malte.

Am Ende schickte uns das Navi bei Brüssel wegen der Verkehrslage auf südlichen Kurs durch Deutschland und wir fuhren über die A4 und weiter über die A5 zur A4 Ost anstatt ins Ruhrgebiet und zur Warschauer Allee zu steuern.
Inzwischen wurde es schon recht früh dunkel und so dämmerte es schon und das Abendrot zog auf, als wir an Köln vorbei fuhren, wo Abendsonne und Regenfront um die Vorherrschaft kämpften.

Unser hoch gestecktes Ziel für den Mittwoch war es, bis zur Abladestelle quer durch halb Deutschland und ganz Polen zu kommen.
Die Straßen waren nun allerdings herrlich frei und am späten Mittag hatten wir den südlichen Fehlkurs über die A9 korrigiert und Berlin passiert. Den nächsten Tankstop verlegten wir natürlich nach Polen und um 18 Uhr verließen wir Poznan. Damit lagen wir nicht schlecht in der Zeit.
Den letzten Fahrerwechsel mit Pause fürs Abendbrot aus dem Kühlfach legten wir auf einem einfachen Kiesplatz am Straßenrand ein. Danach fuhr ich weiter in Richtung Olsztyn. Auf dem Weg überquerten wir eine Brücke, wo direkt neben der Straße eine Bahnstrecke lag.

Endlich, nach 23 Uhr, erreichten wir unser Hotel, das wir uns mal gönnten wegen der erschwerten Umstände zurzeit. Es war ein typisches Trucker- und Arbeiterhotel. Billig, gut besuchte Bar und mehr LKW und Lieferwagen als PKW auf dem Parkplatz. Wir nahmen noch einen Absacker an der Bar und gingen dann auf unsere Zimmer. Endlich mal wieder ein vernünftiges Bett.
Durch dichten Berufsverkehr ging es mit einer Ladung Kartoffeln aus der Stadt. Auf der Brücke mit der Bahnlinie neben dran kam uns dieses Mal auch noch ein Zug entgegen. Es ging glatt an der Ostsee vorbei und wieder spät am Abend beendeten wir den Tag in einem Gewerbegebiet in Flensburg am Straßenrand.
Der Freitag führte uns mit Beton-Bauelementen zurück nach Bochum. Mit dieser Fracht, die weder Gefahrgut noch zu hoch war, konnten wir auch mal den Elbtunnel benutzen.

Am Nachmittag erreichten wir das Ruhrgebiet. Ich ließ Julian alleine nach Bochum zum Abladen fahren, sprang in Recklinghausen raus und sammelte bei Mario den alten Stralis ein. Es war ein merkwürdiges Gefühl, ihn wieder zu fahren, an die letzten Meter damit hatte ich schließlich keine guten Erinnerungen.
Halle und Gebäude waren von außen fertig. Auch unsere Wohnung war es inzwischen. Noch nicht komplett beendet war der Innenausbau in unseren Büros und im Treppenhaus, aber da ging es nur noch um die letzten Handgriffe.
Die öldichte Platte für die Haustankstelle war auf der Grube, in der der Bodentank eingelassen war, gegossen. Die Tankstelle selbst war aber noch nicht aufgebaut. Danjel wollte kommenden Mittwoch Übergabe machen.
Weil ich dann mit Ilarion auf der Insel sein würde, hatte Chris nur eine Tour nach Nürnberg vorher und eine weitere nach Kolding hinterher und würde den Tag hier sein.
Wir begannen, unsere Wohnung einzurichten. Nachdem Chris und Timo angekommen waren, halfen sie mit. Beim Abendessen unterhielten wir uns über unsere Touren. Dabei kam ich an ein Problem, das Chris ziemlich lustig fand: „Von Nantes sind wir dann nach Olz…, Olsch…, Oltz…, ach verdammt! Allenstein!!!“
„Was ist denn an Olsztyn nur so schwer?“ „Das habe ich mich auch gefragt, als Timo den Wegweiser nach Bwlchgwyn gesehen hat.“
Mit einem fiesen Grinsen meinte Chris dann: „Am besten passen wir, wenn wir in Polen sind, dann wohl auf, dass wir nicht über Ostrowiec Swietokrzyski fahren?“ „Gib auf, Chris. Du kannst dieses Spiel nicht gewinnen.“ „Warum nicht?“ „Wenn Dir die Munition ausgeht, habe ich immer noch Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch in der Hinterhand.“
Timo schluckte unter sichtbarer Anstrengung sein Bier runter, bevor er anfing zu lachen und sich die nächsten 3 Minuten nicht beruhigte. Ungefähr genauso lange zog Chris ein Gesicht wie das sprichwörtliche, frisch gevögelte Eichhörnchen.
So weit kamen wir an diesem anstrengenden Wochenende allerdings trotz trauter Zweisamkeit im Bett nicht mehr. Es blieb bei kuschelnden Eichhörnchen.
