Diese Woche…
…macht Henry einen Einstellungstest…
…Ricky bekommt einen Fitnesstrainer…
…und Ilarion soll auch nicht nur herumstehen!
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Donnerstag, 30.04.2015
Timo setzte mich vor dem Autohaus ab. „Serie oder Edel-Tuner?“ „Sag Tuner nicht zu laut. Als das KBA sie als eigenen Hersteller anerkannt hat, warst Du noch Schlagsahne. Aber ja, die Kleinserie.“ „Und wie kriegt man so ein Auto in unter 3 Monaten? Ich habe auf Motortalk von über anderthalb Jahren gelesen.“ „Den Händler mit der besten Quote suchen und im ersten Quartal bestellen. Wenn Du im November zu einem Händler gehst, der sich die Abnahmequote schon übers Jahr vollkommen versaut hat, dann wartest Du auch gerne mal 18 bis 20 Monate.“
Ich ging in den Glaspalast. Der Verkäufer nahm mir erst einmal die Nummernschilder ab und drückte sie einem Azubi in die Hand mit der Info, wofür die waren. Der Junge zog die Augenbrauen hoch. Sogar hier ging nicht jeden Tag so einer raus.
Der Verkäufer ging mit mir in einen Besprechungsraum. Da wir die Dokumentenübergabe schon durch hatten, ging es relativ flott und beschränkte sich auf die technischen Hinweise vor der Übergabe. Eingefahren war der Motor auf dem Prüfstand. Also ging es für ein langes Motorleben vor allem um Warmfahren und für ein langes Leben der beiden Turbos ums Kaltfahren. Auch wenn ich das ohnehin wusste und inzwischen selbst dem einen oder anderen Fahrer erklärt hatte. Turbolader hatten schließlich auch Fahrzeuge, die ihre mehr als 400 PS nicht in Geschwindigkeit umsetzten, sondern in Zugkraft.
Ein Traum wurde wahr. Ein Traum in Blaumetallic, auf den 20-Speichen-Felgen, die für diesen Kleinserienhersteller zum Markenzeichen geworden waren. Auf meinen Wunsch waren die Felgen allerdings gold eloxiert anstatt das normale Alu matt. Dazu die ebenfalls markentypischen Zierlinien in Gold auf der Seite. Ich fand, zu Beige im Innenraum passte außen Gold besser als Silber.
Vier Auspuffrohre zeigten an: „Hier steht der einzig legitime König von Bayern in der Mittelklasse!“ Mit 4,5 Sekunden über eine konventionelle Automatik Kopf an Kopf auf 100 mit dem Spitzenmodell aus der hauseigenen Motorsportschmiede der Basismarke, das dafür aber ein computergesteuertes Doppelkupplungsgetriebe bemühen musste. Und dann war nicht wie dort bei 250 oder 280 km/h abgeregelt, sondern es gab offene 303 km/h.
Innen war der Traum mit Leder in Beige ausgestattet. Die Nähte mit breitem Garn in blau abgesteppt, dazu blaue und grüne Akzente, die Farben des Herstellers, in die Kopfstützen eingestickt. Das Lenkrad war auf meinen Sonderwunsch nicht rein schwarz, sondern zweifarbig in Schwarz und Beige lederbezogen. An den Verkleidungen waren Einlagen aus Wurzelholz.
Julian hatte Recht, man musste auch mal für sich leben, wenn man es sich leisten konnte. Selbst wenn es aus dem Stand auf dieses Level nur mit einem Gewinn ging.
„Dann gute Fahrt und viel Spaß mit Ihrem neuen Alpina B4 Biturbo.“ „Vielen Dank. Auf Wiedersehen.“ Ich erweckte das sechsköpfige Tier unter der Motorhaube zum Leben. Der schönste Weg von Siegen nach Bochum führte an dem Tag ab Olpe durchs Sauerland nach Arnsberg und dann über Werl, Kamen und Coesfeld auf die A31. Sie war in Richtung Oberhausen so frei, wie ich mir das gewünscht hatte, also scheuchte ich die Nadel mal zwischen Lembeck und Schermbeck an der 300 vorbei. Das reichte erst mal für das Gefühl „ich könnte, wenn ich wollte“ und ich ließ den Wagen dann wieder auf gemütliche 220 ausrollen. Die erste Fahrt mit der Granate und ich redete schon wie der Schütz – „wir fahren gemütliche 87!“
Timo war auch gerade erst wieder angekommen und wollte das Tor zu machen, also ließ er es gleich wieder hochfahren. „Hast Du auch eine Spritztour mit Deinem neuen Auto gemacht?“ Nicht dass sich das mit dem Vieh noch der Freude halber lohnte, aber direkt hätte er längst hier sein müssen. „Nein, ich habe es verscherbelt. Ende Juni bin ich dann auch etwas besser motorisiert. Hat aber nur für einen Turbolader und etwas mehr als die Hälfte PS gereicht.“
Freitag, 01.05.2015
Am Freitag wollte Timo natürlich erst einmal eine Runde in meinem Auto mitgenommen werden. „Automatik?“ „Gibt’s nur so.“ „Du bist lustig. Erzählst mir noch letzte Woche auf einer Nachtfahrt, dass Du Just for Fun gerne wieder einen handgeschalteten Truck hättest, aber dann ein Spaßauto mit Automatik kaufen.“
Samstag.02.05.2015
Beim Stöbern im TSM-Forum sah ich am Nachmittag, dass Patrick offensichtlich seinen Fuhrpark umstellen wollte. Er hatte den Scania zum Verkauf online gestellt und suchte Leasing-Ablöser für die großen DAF.
„Timo, Du kennst doch Patricks Scania, oder?“ „Da kannst Du auch einen Besoffenen fragen, ob er den Heimweg kennt.“ „Bin ich nur noch von Alkoholikern und Hooligans umgeben?“ „Jetzt übertreib mal nicht. So schlimm war ich ja auch nicht zu. Die Kiste hat halt den 580er V8, eine endgeile Wechselklappe, jede Menge Glimmer außen und Plüsch innen. Ist halt drin geraucht worden, aber natürlich wenig bei der Laufleistung. 10.000 Kilometer. Das Ding ist quasi neuwertig.“ Ja, das war der Mist, wenn man ein fast neues Fahrzeug im freien Markt verkaufen wollte. Die Hälfte vom Kaufpreis konnte man eigentlich auch als Grillanzünder nehmen.
Zwei Anrufe bei meinen Teilhabern später konnte ich Patrick selber anrufen. Mal sehen, wie er reagierte, wenn er von mir hörte. Timo war bei uns geblieben und ich war vielleicht noch ein Bisschen angefressen, aber das Schmerzensgeld fürs seelische Leid kam zum Schnäppchenpreis aus Södertälje. Eine Entschuldigung von ihm wäre trotzdem nicht verkehrt.
„Patrick Schütz.“ „Ricky Kaiser, schönen guten Abend der Herr Schütz.“ „Ebenfalls guten Abend. Wie kann ich behilflich sein?“ Ich machte mal schnell einen auf Paul Panzer: „Et geht sisch um folchendes.“
Danach aber normal weiter: „Du hast den Scania inseriert? Wie schaut der denn so aus? Und sag mir jetzt nicht, wie ein Scania Serie 5!“ „Ne, ne. Alles gut. Gepflegt. Wöchentlich gewaschen und poliert.“ „Innenraum? Ich kenne Dich alten Raucher ja.“ „Febreze Car ist drin, wird aber vorher noch mal aufbereitet.“
„Okay. Kann ich mir den mal anschauen? Und wann passt es?“ „Kannst du machen, kein Problem. Ich bin morgen Abend eh in der Firma. Wenn dir das passen würde…“
„Okay, dann komme ich rum. Wie viel Uhr?“ „16 Uhr, okay?“ „Passt, dann bis morgen. Schönes Wochenende bis da hin. Ciao!“ „Okay. Dir auch, Ciao!“ Also leid tat ihm offensichtlich nichts.
Sonntag, 03.05.2015
Julian trudelte am Sonntagmittag wieder von seiner Italienreise ein. Er hatte den Neuzugang auf unseren PKW-Parkplätzen wohl schon entdeckt: „Gibt’s den auch in Alpinaweiß?“ „Füße hoch! Der kommt flach rein! Du wirst lachen, aber es gibt eine Farbe namens Alpinweiß dafür.“ „Nicht schlecht. Ich hätte bei Dir eher mit einem Jaguar gerechnet.“ „Hätte ich vor ein paar Jahren selbst noch. Aber die haben leider in der Zwischenzeit ihren Chefdesigner entlassen und einen dressierten Affen auf den Posten gesetzt.“ F-Type Cabrio kam als einziges in Frage, aber Cabrio wollte ich nicht und das Coupé hatte einen hässlichen Hintern. „Und Aston Martin?“ „Wäre mit etwas Draufzahlen auf den Gewinn auch erreichbar gewesen, die Marke ist auch geil. Habe mich aber am Ende doch dagegen entschieden. So konnte ich sogar noch ordentlich was fürs Alter weglegen.“
Am Nachmittag machte ich mich auf den Weg nach Neuss. Der Herr war gerade dabei, in seiner Halle einen DAF zu wienern. Dazu gab es irgendwas auf die Ohren. Der Stil und der männliche Hintergrundgesang war unverkennbar Nightwish. Aber diese Band hatte am 21.10.2005 aufgehört zu existieren. Und wenn ich mir diese Kreissäge namens Anette Olzon hier gerade anhören musste, war mir einmal mehr klar, dass meine Meinung in dieser Sache dir richtige war. Immerhin „Bye, Bye, Beautiful“ war wohl der Abgesang auf den Scania. Wenn das hier zum Kaufvertrag kam, würde ich im Auto auf der Rückfahrt passend „Beauty of the Beast“ spielen, um die einzig wahre Nightwish-Sängerin zu hören.
„Hallo Patrick!“ „Hi Ricky!“ „Aha, neu? Zweiachser mit kleinerer Maschine?“ „Ja. Andy hat an seiner Karre den Turbo hingerichtet. Er fährt jetzt meinen und ich teste mal den.“ Ja, wenn man dauernd heizte, machten die irgendwann die Mücke. Hatte ich mir ja beim Händler Bayrischer Edelmobile erst die Tage noch mal erklären lassen.
„Ah, okay. Der Chef testet erst mal alles, was neu ist. Irgendwoher kenne ich das.“ „Ja haha. Na ja, morgen damit auf Tour. Mal sehen, wie der 460er so ist. So, du warst wegen dem Scania hier.“ „Ja, genau.“ „Steht dahinten. Schlüssel habe ich hier.“
Ich sah mir die Zugmaschine erst einmal genauer an. Von außen schon mal der Idealzustand. Um es mit den Worten von Sigi Reil zu sagen: „Do rutscht a Fliegn aus.“ Im Innenraum versuchte ein Duftbaum, den Tabak mit Zitrone zu übertünchen.
Es sah auf den ersten und zweiten Blick auch hier alles sauber aus, aber mit dem Feuchttuch durch die richtigen Ritzen gewischt förderte dann immerhin Ascheflocken ans Tageslicht: „Aha. Deshalb der Wunderbaum.“
„Riecht doch schön nach Zitrone drin. Macht es doch angenehmer, nicht wahr?“ „Super. Nikotin mit Zitrone überstinken.“ Ein zischendes Geräusch im Fach über der Tür sorgte als nächstes für meine Aufmerksamkeit. Lag da doch echt ein automatischer Lufterfrischer.
Bevor ich noch eine frische Zitrone im Handschuhfach fand, konzentrierte ich mich lieber auf die Technik. Die entscheidenden Lämpchen gingen alle ein paar Sekunden nachdem der Hauptschalter drin war aus. „Sehen wir uns mal den Motor an, bevor er läuft. Ist immer so dumm drauf rumkriechen, wenn er heiß ist.“ „Okay.“
Der Motor war knochentrocken, aber keine Spuren von einer kompletten Motorwäsche, sehr gut, aber bei der Laufleistung auch nicht anders zu erwarten. Nachdem ich alles gesehen hatte, griff ich hier unten zum Anlasserschalter und der V8 meldete sich kraftvoll zu Wort, wo die Wechselklappe sicherlich ihren Anteil hatte. Wie auch immer die ihren Weg in den Geltungsbereich der StVZO gefunden hatte. „Nette Blaskapelle! Geht nichts über eine gute Auspuffanlage…“ „Genau. Deswegen ist sie drin.“
Ich wusste ja wenigstens von Timo, dass der eine Sache mit dem Ding gemacht hatte, die nicht so toll war. „Wie oft dran im Stand rumgespielt, ohne dass der Block warm war?“ „Aha.“ „Was aha? Ein Spielkind ist mir namentlich bekannt.“ „Ich weiß, Timo. Hat ein paar Minuten im Stand hinter sich.“ Na wenn das eine Ausnahme war, dann gut.
Als der Lüfter das erste mal angesprungen war, zog ich mal am Gaszug. Immerhin kein blauer Qualm und keine fiesen Geräusche aus dem Turbo, also nichts erkennbar im Stand kaputt gespielt.
Ich ließ die Kabine wieder ab und stieg ein. Es war laut, aber erstens noch erträglich und zweitens musste die Wechselklappe sowieso raus. Fehlte nur noch die Probefahrt.
„Okay. Kann man es hier oben riskieren, eine Runde durchs Gewerbegebiet zu drehen ohne Karte im Slot?“ „Ja, kannst du machen. Wenn du willst, häng dir meinen Kühler hinten dran. Der steht hinten auf dem Hof am Strom. Dann kannst du mal unter Gewicht testen.“ „Okay.“
Wir fuhren zum Trailer und mit Last vom Hof. Ich machte die üblichen Sachen. Beschleunigen, bremsen, lenken, Geradeauslauf, jeweils mit gehobener und gesenkter Vorlaufachse.
„Wie viel Zuladung ist das jetzt gerade?“ „19 Tonnen sind drauf.“ „Macht ja richtig Spaß. Warum gibst Du den und die anderen ab?“ „Weil ich die nicht brauche. Wenn du selten über 20 Tonnen kommst. Und ich hörte, der 460er XF tut’s genauso gut, wie der 510er.“ Aha, endlich mal die Einsicht? Besser spät als nie, auch wenn er jetzt eine Menge Geld damit verbrannte. Und einen Leasingnehmer für die dreiachsigen DAF zu finden, würde sicher nicht einfach. Wenn er Glück hatte, sprang da unser Wettbewerber MM aus Duisburg drauf an, die fuhren eh Tulpentrecker. Oder Diektrans, die hatten wohl einen Spezialtransporteur in Dänemark gekauft und Tjark hatte auch so eine Schwäche für holländischen Käse.
Ich rangierte den Trailer wieder hinter und die Zugmaschine in die Halle. „Wie oft ist der so eingesetzt worden? Ich meine 10.000 ist jetzt ja nicht viel. Timos TGX ist schon über die 20 drüber.“ „2 Wochen Fernverkehr, und sonst mal Tagestouren und gelegentlich mal Trailer zwischen Niederlassung Köln und Neuss hin und her am Samstag.“
„Okay, Spaßmobil. Und Spaß kostet… Gute Überleitung, kommen wir zum Geld.“ „Jo. 115.000 hatte ich geschrieben, ließe sich drüber reden.“ „105, so verqualmt und überdeodoriert wie er hier steht?“ „108 und du bist mein bester Freund.“ Das war ja einfach und besser als erwartet. „Abgemacht!“
„Cool. Willste ihn gleich zur Firma haben?“ „So eilig ist es nicht. Kann ich auch kommendes Wochenende holen. Dann haben wir bis da hin auch das mit dem Geld geregelt.“ „Okay, dann so.“ „Habe leider gerade keine sechsstelligen Beträge in der Brieftasche.“ „Na gut, dann kannste ihn nächste Woche holen. Sollte was dazwischen kommen, rufe ich an.“
„Okay. Machst Du dann einen Vertrag fertig? Unsere Firmierung und Adresse kennst Du ja. Kannste auch gerne schon über die Woche rüber schicken. Müssen bei uns eh zwei Inhaber unterschreiben, ist zu teuer für einen alleine.“ „Alles klar, mache ich. Haste dann Montagnachmittag. Habe ja ein bisschen Zeit, ich muss mal ne Fähre benutzen die Woche.“ Na Montag gab es den allenfalls als elektronisches Dokument oder Fax. Wenn er den auf der Fähre tippte und ans Sekretariat schickte, dann war er Mittwoch da. Reichte immer noch.
„Wo geht’s hin?“ „Nach Kolding erstmal, und dann weiter nach Newcastle.“ „Okay, dann fahre ich Dir nicht in der Einflugschneise rum. Ich muss einmal Murcia und zurück.“ „Jo mach das mal. Sollte was dazwischen kommen wie gesagt, melde ich mich.“ Keine weitere Reaktion? Immerhin für einen Fahrer nicht machbar, zumindest nicht in beide Richtungen. „Okay! Dann bis demnächst.“
Also, auch hier keine Entschuldigung. War ja scheinbar inzwischen normal, dass man bei anderen Leuten im Personal herumwilderte. Er war halt ein menschliches G36 – egal worauf er es auch anlegte, es ging am Ziel vorbei…
Also setzte ich mich wieder ins Auto und navigierte mich, wie ich es mir vorher vorgenommen hatte, durchs iDrive auf „Beauty of the Beast“ – endlich wieder Nightwish mit Tarja hören!
Montag, 04.05.2015
Am Montag kam erst einmal Dominik zum ersten Arbeitstag. Ein Neuzugang war natürlich auch für Henry ein Grund, mal aus seinem Körbchen neben Judiths Schreibtisch aufzustehen und ausgiebig zu prüfen, ob er den Neuling „gut riechen“ konnte. Außerdem könnte es ja sein, dass der, wenn er demnächst öfter kommt, auch Leckerchen mitbringt. Die anderen taten ihm den Gefallen ja nicht – auf Frauchens Anweisung. Die würde Dominik zwar auch noch kriegen, aber so ein Hund versuchte es halt immer wieder. Und rassebedingt hatte Henry diesen unwiderstehlichen Corgi-Blick.
„Kaffee? Capuccino? Espresso?“ Ich zeigte auf Judiths Lieblings-Büromaschine Marke DeLonghi. „Milchkaffee?“ „Kein Problem.“ Ich stellte eine große Tasse drunter und wählte Caffè Latte, dann für mich im zweiten Durchlauf Latte Macchiato und als Judith mir ihre Tasse kommentarlos rüber schob auch gleich noch mal Lungo – bekam sie halt mal Chefkochbehandlung.
Dann ging ich mit Dominik die verschiedenen Dinge durch, die zur Einweisung gehörten. Außerdem bekam er gleich die gute Nachricht und die Aufforderung, die ich den anderen als Systemnachricht schrieb, während er dann bei Judith den Papierkrieg Teil 2 kämpfte: erstens die Einführung von echtem Nachtzuschlag für alle von den Kunden als Nachtfahrt deklarierten Aufträge und zweitens die dringende Bitte, mal Urlaubswünsche einzureichen.
Seit wir bei Talke gemeldet waren und eine der Anzahl LKW angemessene Beförderungsleistung erbringen mussten, ging es nicht mehr, dass im schlimmsten Fall mehrere Fahrer gleichzeitig im Vorbeigehen bei Judith ins Büro riefen, dass sie übernächste Woche Urlaub wollten.
Im Laufe der Zeit trudelte die ganze Bande nach und nach ein und rauschte in die Dispo. Marlon als Nahverkehrsfahrer mit dem Premium war als einziger schon weg.
Also gingen wir im Pulk nach unten. Nicht ohne dass Ilarion mich ansprach, nachdem ich ihm zum Geburtstag gratuliert hatte, den er gestern hatte: „Und Du hast Dir tatsächlich einen BMW gekauft…“ „BMW-Alpina. So viel Zeit muss sein!“ „Ich hatte auf Jaguar F-Type gewettet, immerhin muss ich jetzt nichts mit Julian teilen.“ Aha, man wettete also auf mein Auto? Aber wenn der größte Anteilseigner ein Brite gefangen im Körper eines Deutschen war, blieb so was wohl auch unter den Mitarbeitern nicht aus. Der Jackpot schien nicht geknackt worden zu sein.
„Und, gibt es einen Gewinner?“ „Wir haben Marlon dazu erklärt. Mit einem 5er BMW war er am dichtesten dran. Judith lag mit Maserati richtig daneben und Timo mit Aston Martin genauso weit wie die Jaguar-Fraktion.“ Schau mal einer an. Wobei ich Marlon auf der Fahrt nach Hürth von Mahads 5er Vorgängermodell vorgeschwärmt hatte, den wir ausgeliehen hatten.
„Ein deutsches Auto passt irgendwie nicht in mein Bild von Dir.“ „Vermummtes Gesicht und in jeder Hand ein Bengalo in der Belgrader Nordkurve passt auch nicht in meins von Dir. Dann sind wir also quitt. Da hinten steht Dein LKW, die Fahrertür ist links, Arme und Beine bilden auf dem Weg dorthin zwei rotierende Scheiben und die Füße berühren den Boden nur noch bei größeren Richtungsänderungen! Gute Fahrt!“
Dominik gab mir schon mal einen Einblick in seine ersten Eindrücke, als wir uns auf die Trucks aufteilten: „Ich merke schon, das ist hier eine lustige Truppe. Dem Spruch nach warst Du beim Bund?“ „Zivi, aber solche Sprüche lernt man auch beim Innereien-Taxi.“ „Innerwasbitte?“ „DRK Organ- und Blutspendekurier. Mit einem Bora VR5 Variant, blauem Feuerwerk und Blasmusik Daimlers nach rechts jagen.“
„Das ist unserer.“ „Ein Iveco? Wo ist der denn her?“ „Von Deinem Ausbilder natürlich.“ „Gibt’s den Mario immer noch?“ „Wie, immer noch?“ „Na der dürfte mit großen Schritten auf die Rente gehen.“ „Rente ja, große Schritte habe ich keine gesehen.“ „Täusch Dich nicht. Der muss inzwischen über 60 sein. Als ich da gearbeitet habe, aber schon zur Abendschule bin, hat er den 50. gefeiert.“ „Na okay, sehen tut man es schon. Aber dafür ist er noch dynamisch unterwegs.“
Ich vermisste den Rollwürfel Marke Renault. „Wo hast Du denn Dein Auto gelassen?“ „Habe mich bringen lassen. Das muss doch nicht eine Woche oder mehr hier rum stehen. Weißt Du eigentlich schon, ob wir kommendes Wochenende wieder hier sind?“ Dass es nicht jedes Wochenende nach Hause ging, wenn er das nicht explizit wollte, wusste er. Und ihm war das auch egal gewesen.
„Ja, sind wir. Aber das weiß ich auch nur, weil Marlon vorhin angekündigt hat, eine Grillparty am Wochenende mit der Belegschaft auszurichten um Ilarions Geburtstag nachzufeiern und deshalb alle wieder da sein werden. Wir fahren jetzt nach Murcia und ich habe Judith gebeten, ruhig zu planen für die erste Woche. Also werden wir Mittwochmittag in Spanien sein. Normalerweise erfahren wir im Schnitt einen halben Tag vor Planankunft, wo es als nächstes hin gehen soll. Gegen Wochenende auch manchmal früher.“
In Duisburg holten wir schließlich einen Tanktainer ab. Weil die Bahn keine Lust hatte, diese Woche irgendwas zu befördern, ging also eine Menge Containerfracht auf die Straße.
Ich fuhr noch bis zu einem kleinen Schotterplatz am Straßenrand in Belgien, wo meine Lenkzeit zu Ende war. Die Pausenverpflegung war Brot aus dem Vorrat. Dominik sah meinen Belag aus Käse und Apfel-Pflaumen-Chutney an. „Wie schmeckt das denn?“ „Probier doch einfach mal.“
„Nicht so ganz meine Sache.“ „Das ist auch ein ausgefallenes. Wenn ich mal ein Glas aufmache, das ein Bisschen kontinentaler ist, kannst Du noch mal probieren. Tomate-Peperoni oder so.“
Nach 25 Minuten Raubtierfütterung wechselten wir die Plätze und Dominik stellte sich den Arbeitsplatz ein. Als ich ihm zeigen wollte, wie er die Einstellungen von Sitz und Spiegeln speichern konnte, hatte er es schon gemacht. Er grinste mich breit an: „Das ging schon bei den älteren Modellen so, wenn es denn zu der Zeit mal an Bord war.“
„Schon mal Automatik oder Halbautomatik gefahren?“ „Nein. Damals nur Handschalter in der Werkstatt bekommen. Synchronisierte ZF und unsynchronisierte Fuller halt normalerweise.“ „Dann stellen wir erst mal auf komplett Automatik. Na dann fahr mal los. Und schön langsam zum Eingewöhnen. Das ist kein schöner Anfängertransport. Bei Tanktainern ist der Schwerpunkt hoch, mit schwappender Flüssigkeit haben wir immer zu kämpfen, eher kurzes Chassis und dann haben die Affen das Ding auch noch nach hinten gestellt anstatt in die Mitte.“
Er fuhr entsprechend zurückhaltend nach Luxemburg, aber nicht unsicher. So lange das Selbstvertrauen stimmte, war man meistens sicherer unterwegs als wenn man den Angsthasen machte.
Ich hatte Judith nicht nur darum gebeten, uns viel Zeit zu geben, sondern auch in Dijon ein Hotel zu buchen, damit wenigstens die erste Nacht noch nicht sofort in der Kabine war. Die zweite kam früh genug. Wir stellten den Sattelzug auf dem Parkplatz ab und checkten ein.

Dienstag, 05.05.2015
Am Dienstag ging es durch das wie immer verstopfte Lyon weiter. Wann bauten die hier endlich einen brauchbaren Autobahnring? Im Süden von Frankreich saß dann schon Dominik am Steuer. Auf der Autobahn fuhr er jetzt auch die hier zugelassenen 90. Trotz der eher eintönigen Landschaft gab es auch in dieser Gegend immer wieder Neues zu entdecken.

Schließlich fuhr ich unser Gespann über die Grenze nach Spanien. Hier war ich schon länger nicht mehr gewesen.

Südlich von Barcelona gab es Neuland für mich. Hier war ich bisher immer abgebogen in Richtung Madrid. Die Autobahn führte am Meer entlang. Am Morgen wollten wir um 6:30 los fahren. Nach meinem Verständnis hieß das 45 Minuten vorher aufstehen, im Rasthaus Körperpflege und Frühstück, losfahren.
Mittwoch, 06.05.2015
Dominik war da wohl anderer Ansicht, denn sein Wecker schlug schon um 5 Uhr Alarm. „Was ist?“ Ich hatte die Zeit auf meinem Handy nachgesehen und war schon wieder halb weg. Dominik kletterte aus dem Bett runter und fing an, sich anzuziehen: „Eine Runde laufen. Ich sitze hier den ganzen Tag im LKW. Da brauche ich irgendwo Sport als Ausgleich. Machst Du nichts?“
Diese unschuldige Frage war die nette Version, die man gegenüber seinem Chef in der ersten Woche auch wählen sollte. In der Tat könnte es einfacher sein, mal ein paar Kilo los zu werden, wenn ich mal meinen Hintern in Bewegung bringen würde anstatt wegen der Kalorien neuerdings Cola Bleifrei zu saufen. „Nein, ich bin Churchillist.“ „Was?“ „No Sports!“ „Das hat Churchill nie gesagt, zumindest gibt es keinen Beweis. Stattdessen einen Sieg beim Militär im Reiten.“ Kommentarlos zog ich mir die Decke über den Kopf, während Dominik seine Schuhe schnürte und sich auf den Weg machte.
Während er in den Bergen hinter dem Rastplatz seinen Morgenlauf machte, war ich am Überlegen, ob ich nicht wirklich besser mal mit Sport anfing. Ich hatte Übergewicht und in meiner Familie gab es eine Historie von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Dominiks Trainingsrunde dauerte 45 Minuten und als er zurückkam, war auch ich aus dem Bett und so weit, um ins Rasthaus zu gehen.

Der erste Block gehörte Dominik, dann durfte er wenigstens gleich rangieren, denn die Zeit reichte bis ans Ziel. Die Küstenrandstraße führte bis Valencia, wo wir auf die Landstraße wechseln mussten. Ich dachte weiter nach.
In Murcia erreichten wir BASF. Das Werk war ein kleines und verwinkeltes, also bekam Dominik ein Bisschen am Lenkrad zu drehen.
„Schade, dass wir nicht in Italien sind.“ „Warum?“ „Da würde ich mir jetzt Laufschuhe kaufen.“ „Und warum nicht in Spanien?“ „Weil ich kein Spanisch kann, aber Italienisch. Und im Süden meistens niemand geradeaus Englisch.“ „Na daran soll es nicht liegen. Vielleicht kann ja trotzdem jemand vernünftig Englisch im Laden.“
Also half nun alles nicht und nachdem wir mit einer Ladung in Deutschland ebenfalls von der Bahn vernachlässigter Gabelstapler für Kassel auf dem Weg aus der Stadt waren, nötigte Dominik mich, an einem Sportgeschäft anzuhalten.
Nach 20 Minuten mit einem Verkäufer, der englisch sprach, war ich stolzer Besitzer eines Paares Asics GT-2000 Laufschuhe und einer Polar FT7 Pulsuhr, die Dominik mir auch als ganz wichtig ans Herz gelegt hatte. Denn besagtes Herz war nichts mehr zu leisten gewöhnt und dann ohne Kontrolle loszulegen war gefährlich. Wir machten die Pause noch voll und weiter ging es.
Auch danach saß ich weiter am Steuer. Die Küstenautobahn war schon interessant, manchmal ging es neben einem schmalen Seitenstreifen direkt an den Strand.

„Ist was? Du fährst heute so aggressiv.“ Ja, ich hatte mehrfach komplette LKW-Kolonnen überholt und war recht flott unterwegs. „Ich bin sauer auf meinen Ex. Die letzte Spanien-Tour bin ich mit dem gefahren und das kocht gerade wieder auf.“ Und damit kamen die Gedanken auch an, wo der Mund schon vorbei war.
Es war klar, dass Dominik früher oder später herausgefunden hätte, dass ich schwul war. Geheim blieb in unserem Laden mittelfristig nur, was keiner außer einem selbst wusste. Aber zumindest sollte er es nicht so unvermittelt an den Kopf geknallt bekommen, während wir auf engstem Raum zusammengepfercht waren.
„Ach so.“ Keine Reaktion in irgendeine Richtung. Die berechtigte Gardinenpredigt, dass das keinen Einfluss auf den Fahrstil haben dürfte, erteilte ich mir selbst, nachdem meine Gedanken so unvermittelt auf dem Boden angekommen waren.
Dominik fuhr nach einem Fahrerwechsel noch an Barcelona vorbei und auf einen Rastplatz bei Perpignan.

Donnerstag, 07.05.2015
Am nächsten Morgen quälte ich mich dann gemeinsam mit Dominik aus dem Bett, zog mir meine Laufschuhe an und schnallte mir die Pulsuhr um. „92 Schläge Ruhepuls? Das ist nicht Dein Ernst!“ „Ich befürchte schon!“ Als ich noch im Verein Mountainbike gefahren war und zur Zivi-Einstellungsuntersuchung musste, hatte ich 54.
„Okay, die FT7 erkennt Deine nicht vorhandene Fitness hoffentlich und regelt die Grenzen runter. Wobei ich nicht weiß, ob die für dermaßen hoffnungslose Bewegungsverweigerer eingestellt ist. Ich laufe immer den Weg, der am geradesten aussieht, bei Unentschieden nach rechts und Du auch!
Wenn Du merkst, dass es nicht geht, dann hörst Du auf zu laufen und gehst auch – egal, was Dir die Uhr über Deinen Puls erzählt! Nach 15 Minuten drehst Du um, ich hole Dich sowieso wieder ein. Ich habe keine Lust, dass Du Dich übernimmst und ich finde Dich auf dem Rückweg zusammengeklappt auf dem Weg liegen!“
Nach der Trainingseinheit, die für mich aus Laufen und Gehen bestand, holten wir unsere Sachen aus dem Truck und ließen uns im Rasthaus den Schlüssel für die (Gemeinschafts-) Dusche geben. Zuerst half das Wasser, aber ich merkte schon, dass der Körper gegen die ungewohnte Belastung rebellierte.
Beim Frühstück im Fahrerhaus versuchte ich, mit dem Gebräu aus dem Rasthaus, das die Franzosen als Kaffee bezeichnen und einer Schale Müsli, die verloren gegangene Kohlehydrate zu ersetzen und den Kreislauf wieder in Gang zu bringen, aber mit mäßigem Erfolg.
„Doch zu viel? Du siehst nicht gut aus.“ „Vermutlich. Ich kriege Kopfschmerzen.“ „Oh. Hast Du Tabletten dabei?“ „Ja. Ich nehme eine und wenn Du nichts dagegen hast, alleine zu fahren, lege ich mich hin.“ „Ist okay. Ich hoffe, Du bist nicht sauer, weil ich Dich zum Laufen überredet habe.“ „Nein. Wenn überhaupt auf mich selbst und das, was ich aus dem Mann gemacht habe, der mit 20 Mountainbike-Amateurrennen gefahren ist und 25 Kilo leichter war.“
Gesagt, getan – ich legte mich hin und Dominik fuhr los. Nicht einmal die Mittagspause bekam ich wirklich mit. Ich war immer wieder mal halb wach, aber nie wirklich aufnahmefähig.
Als ich gegen 14 Uhr richtig aufwachte, waren die Kopfschmerzen weg und wir fuhren hinter Lyon, was ich als Fehler erkannte: „Fahr hier ab! Wir dürfen nicht in die Schweiz!“ „Warum nicht?“ „Wir dürfen schon, aber für einen Tieflader gibt es kein TIR. Also müssen wir zweimal durch den Zoll. Über Straßburg sind wir auch mit Landstraße immer noch schneller.“
Aus Mangel an einem geeigneten Platz fand die zweite Pause auf einem geschotterten Randstreifen statt. Nun fuhr ich noch eine Schicht.

„Was ist das denn?“ Dominik sah wohl zum ersten mal den Triebkopf TGV 001 auf der Abschussrampe in der Autobahnabfahrt. Ich erklärte ihm kurz, was ich über das Ding von Julian erfahren hatte.
Der Tag endete auf einem Parkplatz vor Straßburg, der mal wieder nur Dixi-Klos zu bieten hatte.
Freitag, 08.05.2015
Am letzten Tag ging es unspektakulär in zwei Schichten nach Kassel. Nach dem Absatteln fuhren wir Solo zurück ins Ruhrgebiet. Morgen früh wollte ich den Scania bei Patrick abholen, dann war Grillparty angesagt. Der Wetterbericht war mäßig, also schlimmstenfalls wieder Hallengrillen.
