Kapitel 90 – Von der Nordsee zum Mittelmeer

Diese Woche…
…wird Luke von der Landschaft erschlagen…
…stürmen wir Schwedens Truckershop Nummer 1…
…und es geht steil bergauf!

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Montag, 18.04.2016

Wir waren wieder in unserem normalen Zeitplan und fuhren um 4 Uhr nachts los. Es ging solo nach Wuppertal. Bis wir bei der Bayer unseren Trailer bekommen hatten und uns dem einsetzenden Berufsverkehr entgegen zur A46 hocharbeiteten, war es schon 20 nach 5.

Auf mindestens zwei Wochen unterwegs verließen wir das Ruhrgebiet, während neben uns ein untermotorisierter und reichlich verblichener Renault Premium von ND versuchte, Reisegeschwindigkeit zu erreichen.

Über die inzwischen normalerweise gewählte Route A2 und A7 ging es in Richtung Hamburg und durch den Elbtunnel und die A7 weiter durch ganz Dänemark. Sie war nicht wirklich länger aber oft dennoch schneller. Das Wetter war in den letzten Tagen wieder wechselhafter geworden und so regnete es auf dem Weg bis Hirtshals teilweise.

Dienstag, 19.04.2016

In Norwegen war es dann sonnig, als wir durch Bergen zur Entladestelle etwas nördlich der Stadt fuhren. Bei dem Pharmaunternehmen stand schon ein Kühler mit unserer Anschlussfracht nach Stavanger. In Skandinavien war normalerweise alles gut organisiert und so dauerte es für Luke länger umzusatteln als für mich die Papiere zu tauschen.

Luke war noch nie in Norwegen. Schon kurz nach der Abfahrt kommentierte er die Fjordlandschaft britisch zurückhaltend mit „Nice landscape.“ Nicht so schön in dieser Landschaft machte sich die Mautstation. Aber unser schwedisch-dänischer EasyGo-Transponder funktionierte auch mit dem norwegischen Autopass.

Als wir dann auf der Hardangerbrücke den gleichnamigen Fjord überquerten, war Luke endgültig fasziniert. Leider schlug mal wieder unser Talent zu, dass der falsche Fahrer am Steuer saß. Wobei ich die Brücke auch nicht kannte. Mit dem Mahlerschen TurboStar hatte ich noch die Fähre zwischen Bruravik und Brimnes 3 Kilometer den Fjord rauf benutzt.

Dementsprechend waren Kreisverkehre im Tunnel auch für mich noch Neuland.

Dafür kannte ich schon den Hordatunnel, einen Kehrtunnel, um in einer Schleife anstatt einer Serpentinenstrecke mit ein paar ziemlich haarigen Kehren Höhe abzubauen.

In Botnen, einer nicht mal geschlossenen Ortschaft, machten wir unsere Teepause. Das Dorf bestand aus in der Landschaft versprengten Häusergruppen. Wir nahmen uns die Zeit, den LKW in einer Seitenstraße abzustellen. Ich schleppte den Teetisch und den Geschirrkoffer an den Fluss, während Luke den Tee kochte und die Kanne hinterher brachte. Wir machten eine volle Dreiviertelstunde Pause. Vorbei gehende Norweger schienen positiv überrascht, dass sich LKW-Fahrer heute noch die Zeit nahmen, so in Ruhe eine Pause zu machen.

Hier sahen wir dann einen Kollegen vorbei fahren, dessen rot-gelber DAF ohne Firmennamen ein Liebling der Truckspotter war. Ich wusste nur, dass er aus Frankfurt am Main kam und weil er nicht nur von den Fans im Spotterforum abgelichtet wurde, sondern selber auch im Truckerforum schrieb, wusste ich sogar, wie der Besitzer hinter seinem Username „thespone“ wirklich hieß. Leider war keine persönliche Kontaktaufnahme möglich, da wir hier 30 Meter neben der Straße saßen. Und so wie unser Truck stand, konnte er den auch nicht erkennen, sondern sah das Heck vom Trailer mit Talke-Logo.

Die nächste bedeutende Brücke, nachdem wir weiter gefahren waren, war dann die Erfjordbrücke.

Es war schon dunkel, als wir in Stavanger ankamen und unsere Ladung ablieferten. Die Nacht verbrachten wir im Fahrerhaus im Industriegebiet.


Mittwoch, 20.04.2016

Nachdem wir die Strecke mit einem Curtainsider voll Gemischtwaren erst einmal wieder ein ziemliches Stück zurückgefahren waren, machten wir eine teure Pause, denn es half nichts, wir mussten in Norwegen nachtanken. Danach schmierten wir uns Brote und machten noch 20 Minuten Pause am See.

Immer weiter ging es mit nur sanfter Steigung weiter ins Inland. Norwegen war doch eigentlich so bergig.

Aber kurz danach kam der Berg dann umso steiler, sowohl rauf als auch auf der anderen Seite wieder runter. Der Tempomat war auf 74 geregelt, damit er die 80 per Retarder hielt. Dazu musste Luke vor der einen oder anderen scharfen Kurve mit dem Bremspedal anbremsen.

Nach noch einer Pause in einem Gewerbegebiet, damit die Fahrzeit nicht mitten im Oslofjordtunnel zu Ende war, ging es an den letzten Abschnitt.

Der Auftrag endete bei Statoil nördlich von Göteborg. So ganz endete der Tag aber dafür noch nicht, denn ein Block blieb noch. Zwei Tore weiter gab es die Anschlussfracht. Einen Mehrkammertanker voll mit Altöl, Diesel, Bremsflüssigkeit und Kühlwasser. Die Soßen stammten aus dem Recycling von Altfahrzeugen. Ob es nun keine Spezialfirma zur Entsorgung zwischen Göteborg und Padova gab, wollte ich nicht wissen. Es gab Geld dafür, das Zeug bis Italien zu schaffen.

Als Luke zum Tor fuhr, atmete ich einmal schwer. „Was ist?“ „Das letzte Mal, als ich hier war, habe ich einen Trailer mit zwei Zugmaschinen für London abgeholt, bekam unterwegs zwei Anrufe und habe kurz danach einen 17-jährigen LKW-Fan getroffen.“ Luke wusste genau, dass es die Tour war, nach der wir uns in Südwales ausgesprochen hatten und wieder zusammen gekommen waren.

Auch an der Pforte schien man sich an diese Tour zu erinnern. Denn der Typ in der Registrierung hatte es nicht eilig und führte wohl eine schwarze Liste, welches Unternehmen womit hier her kam. Die Frage klang ziemlich schnippisch. „Läuft der Scania noch gut?“ „Wahrscheinlich, aber zum Glück wieder mit seinem regulären Fahrer derzeit bei Genf.“ „Wie meinen Sie das?“ „Ich bin den Schuhkarton damals nur als Urlaubsvertretung gefahren.“ „Was haben Sie jetzt? Iveco, oder?“ Junge, junge. Die Buchführung über Fahrer und Fahrzeuge hier war ja am Rande des Datenschutzgesetzes. „Nicht mehr. FH16.“ Immerhin, er zeigte keine sichtbare Reaktion, dass wir gerade in der Prioritätenliste aufstiegen, außer dass er zum Telefon griff: „Ich werde mal nachfragen, ob der Trailer fertig ist.“ Er war nach einem dann doch relativ hastigen, aber für mich natürlich unverständlichen Telefonat auf Schwedisch fertig. Also rollten wir nachdem der Trailer eingesammelt war, für die erste Etappe aus dem Tor bei Volvo Trucks.

Und so wie jetzt würde unser Truck wohl nicht noch mal hier raus fahren. Denn das letzte Ziel vor der großen Pause war ein Tuningshop, in dem auch die vom Fernsehen gefilmten Kollegen schon eingekauft hatten. Wir waren um 1:41 Uhr auf dem Parkplatz, also morgen noch genug Zeit zum Kaufen und auch Anbauen, bis die 9 Stunden voll waren.


Donnerstag, 21.04.2016

Das Paradies hatte geöffnet und wir waren erst einmal frühstücken und dann in den Laden. Es ging mir um die Lampen. „Schau mal. Weiße, einteilige Klarglasblinker.“ „Sieht nicht schlecht aus. Aber hat auch wieder texturiertes Plastik neben den Nebelscheinwerfern.“ „Willst Du da lackieren?“ „Wäre nicht schlecht.“ „Ich weiß nicht. Derzeit ist das ein kompletter Einsatz. Dann ist da wieder ein Soda-Teil.“ „Soda?“ Okay, fieses Wortspiel mit der deutschen Sprache. „Es ist einfach so da. Passt nicht so richtig, weil es keine gemeinsame Kante mit den Teilen drunter und drüber hat.“ „Okay. Das stimmt auch.“
Nach einigen Vergleichen gab es die Klarglasblinker mit Plastikteil neben dem Nebelscheinwerfer. Umgerechnet über 20% billiger als in Deutschland, wo ich die schon mal gesehen hatte.
Nur wie war das? Sonderangebote sind gefährlich, weil man eine Menge Geld ausgibt, das man zu sparen glaubt. Auf dem Weg zur Kasse kam noch die Abteilung Kühlergrills. Blickfang war ein komplett glanzverchromter FH16-Grill. Aber Luke fand was besseres. Die Gittermaschen waren brüniert bis in ein tiefes Schwarz, der Rahmen glanzverchromt und im oberen Feld saß ein Volvo-Logo im klassischen Diagonalstreifen.

Wir breiteten Kniekissen, Decken und eine Pappe für die Scheinwerferbirnen, die weder auf Stoff noch auf dem Boden liegen durften, vor unserem Truck aus und fingen an, den Grill und die Lampen umzubauen. Die Originalteile gaben wir im Laden ab, das gab dann noch mal zusätzlichen Rabatt.

Und wie immer, als das Werk fertig war und fotografiert werden sollte, fing es an zu regnen. Also machten wir uns erst einmal so auf den Weg.


Es ging zur Fähre nach Trelleborg und wir setzten mal mit Stena über. Da mit Wartezeit und Passage schon wieder über 9 Stunden rum waren, konnten wir ab 22 Uhr in Rostock wieder voll rein hauen.

Hinter Berlin übergab Luke mir das Steuer.


Freitag, 22.04.2016

Die Strecke war bekannt und wir spulten unsere Kilometer ab. Bei schönem Wetter ging es nach Sonnenaufgang durch Bayern und Österreich.

Gerade in Italien schickte uns das Navi auf eine Umleitung über die Landstraße von der A22 zur A27. Hier wartete die Mutter aller Berge auf uns. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mit dem FH16 das letzte Mal in einen Gang auf der unteren Ebene musste, um einen Berg rauf zu kommen, aber hier war bei 35 Tonnen Zuggewicht der 7. Gang das Ende der Fahnenstange.

Südlich der Alpen staute sich außerdem schlechtes Wetter und schob sich uns das Tal hinauf entgegen. Mir ging die Zeit aus und so musste kurz vor Padova noch mal Luke für die letzten 30 Minuten ans Steuer. Wir machten den Fahrerwechsel auf dem Pannenstreifen.

Nachdem wir abgeliefert hatten, war die Woche noch nicht zu Ende. Aber erst einmal hieß es 9 Stunden stehen.


Samstag, 23.04.2016

In der Zeit wollte ich mir mal wie immer anschauen, wo unsere übrigen Mavericks sich herum trieben. In der englischen Truckersprache gab es „Day Driver“, also Tagesfahrer und „Tramper“, die Wochentouren fuhren. Da wir eine dritte Stufe hatten, hatte Luke diesen Begriff eingeführt, der wörtlich „Herumtreiber“ bedeutete und im wilden Westen auch unregistriertes Vieh bezeichnete, also eins, das mehrere Jahre in der Wildnis gelebt hatte, ohne ein Brandzeichen bekommen zu haben. Da der Begriff außerdem cool klang, war er schnell auch von Julian, Timo, Ilarion und mir übernommen worden.
Den Blick hätte ich mir allerdings sparen können, denn Julian hatte jetzt 2 Wochen Urlaub und weil Ilarion in der Zeit den Scania fahren sollte, waren die auch in Bochum.

Nachdem unsere Pausenzeit um war, gab es noch einen Trailer mit Natronlauge für Griechenland. Ich sattelte ihn auf und fuhr durch die Nacht nach Ancona. Nachdem das Hotel am Hafen inzwischen zu war, mussten wir die Nacht auf Sonntag im Fahrerhaus verbringen. Für die Fähre war der Fahrer-Service gebucht, der unseren Truck aufs Schiff brachte.

Apropos Maverick. An Bord sahen wir das MotoGP-Rennen. Mein Lieblingsfahrer Jorge Lorenzo wurde der Marke untreu und würde daher am 13.11.2016 mit Passieren der Zielflagge aufhören, mein Lieblingsfahrer zu sein.
Da ich es bezüglich Dottore Rossi schon seit der dämlichen Pappwand 2008 hielt, wie Marc Marquez seit letztem Herbst: „Als Fahrer ein Idol, als Mensch muss man das differenzierter sehen!“ könnte also mein Lieblingsfahrer ab kommender Saison Maverick Vinales heißen. Das passte dafür Luke als Suzuki-Fan nicht so richtig, denn da auch er sich seinen Lieblingsfahrer als erstes nach der richtigen Motorradmarke aussuchte, war das nämlich derzeit seiner.

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Und wieder einmal hatte sich damals ein Vorbeifahren mit einem TSM-User ergeben, der genau an dem Tag, wo wir in Norwegen waren, im TSM-Forum im Bilderthread ein Foto von der gleichen Straße gepostet hatte, auf der ich auch gefahren war. Da er hier immer noch zu unseren treuen Lesern gehört, gehen Grüße an „thespone“ raus.

Ein Kommentar zu “Kapitel 90 – Von der Nordsee zum Mittelmeer

  1. Den Gruß gebe ich gerne zurück 🙂 Und nach wie vor wecken die Kapitel Erinnerungen, ist ja jetzt auch schon über 6 Jahre her, für mich als heute 21-jährigen eine relativ lange Zeit.

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