2017 kamen mehrere Dinge zusammen. Ich hatte mir den ETS2 in den vergangenen 3 Jahren ein Bisschen Leid gefahren. Ich war im Real Life in den USA. Mir gingen fürs Tagebuch in Europa ein Bisschen die Ideen aus. Ich hatte Lust auf einen Helden, dessen Persönlichkeit ein Gegenentwurf zum smarten Unternehmer war. Und schließlich begannen zu der Zeit auch andere Autoren damit, den American Truck Simulator als Grundlage ihrer Geschichten zu nehmen.
Wie das mit langen Geschichten so ist, muss man weit in der Vergangenheit anfangen, um sie zu verstehen. In meinem Fall bedeutet das, ich muss zumindest für die Ausgangslage mal schnell ins Jahr 1994 zurück, als mein einige Minuten älterer Zwillingsbrüder Randolph und ich, Brandon, am 20. November das Licht der Deckenbeleuchtung in der teuersten Privatklinik von San Diego erblickten. Unsere stolzen Eltern waren der Unternehmer Paul Ridley und seine Frau Diana.
Schon bei der Geburt waren wir eindeutig als zweieiige Zwillinge zu erkennen, weshalb wir auch keine typischen Zwillingsnamen wie Jim und Tim oder so bekamen. Randolph war schon bei der Geburt größer und kräftiger als ich und das sollte auch immer so bleiben. Zu meinem Glück nutzte er das aber für und nicht gegen mich. Bruderstreit gab es bei uns nie. Der wäre zwar dank Dauerbegluckung durch Kindermädchen sowieso im Keim erstickt worden, aber es passierte einfach nicht.
Auch sonst wuchsen wir im goldenen Käfig auf. Im Kindergarten waren wir unter unseresgleichen. Kinder von Industriellen, Politikern, Medienbossen und einigen Stars aus Sport und Show, die sich aus dem Rummel in L.A. ins etwas beschaulichere San Diego abgesetzt hatten. Und mit denen ging es dann auch auf die Schule, natürlich die beste Privatschule am Ort. Aber wir kannten es nicht anders. Security vor der Schule, Zaun drum herum, hingefahren und abgeholt von Bodyguards in Limousinen mit getönten Fenstern.
Und weil es auch bei den Kindern reicher Eltern Konflikte gab und auch die noch nicht in der Lage waren, die immer auszudiskutieren – oder die Diskussion sogar eskalierten, wenn sie Besitz oder Wichtigkeit ihrer Eltern einbrachten – flog auch in unserer Schule die eine oder andere Faust. Und das waren dann die Situationen, wo der große Randy seinem kleinen Zwillingsbruder Brandon im Notfall immer hilfreich zur Seite stand.
Wir wurden älter und mit 12 oder 13 Jahren begann unsere Gesellschaftspflicht. Jetzt schickten unsere Eltern uns nicht mehr zusammen mit einem Kindermädchen weg, wenn Gäste im Haus waren. Jetzt mussten wir dabei sein und im Anzug die Familie vervollständigen, aber auch die Besucher brachten ihren Nachwuchs mit, wenn der mindestens in dem Alter war.
Im Rückblick waren das merkwürdige Gesellschaften mit zementierten Rollenbildern. Die Väter sprachen übers Geschäft, die Mütter über Mode oder Urlaubsziele und wir Kinder hatten gegenüber anderen Kids in unserem Alter merkwürdige Themen. Spielzeug, bei dem jedes einzelne mehr kostete als manche Kinder jemals zusammen haben würden. Ferien auf Yachten in der Karibik oder in exotischen Städten wie Dubai und Bangkok oder unser Golf-Handicap. Wir spielten nicht mit Top-Ass-Karten, bei wem im der dritten Zeile die meisten PS standen sondern verglichen reale Flugmeilenkonten. Und das alles kam uns so normal vor.
Mit 14 dann kam mir etwas anderes so langsam nicht mehr normal vor. Mein Bruder wurde immer ganz nervös, wenn unsere Besucher Mädchen mitbrachten und bald hatte er auch seine erste Freundin. Aber bei mir war das nicht so. Die Mädchenbesuche waren mir egal. Dafür hatte ich Schmetterlinge im Bauch, wenn unbekannte Besucher mit Jungen kamen oder wir welche besuchten. Und auch bei dem einen oder anderen, den ich schon kannte.
Und besonders bei Matthew Kendall. Sein Vater war der Besitzer einer Fabrik für Druckfarben und mehr oder weniger von der Großdruckerei meines Vaters abhängig. Ich versuchte, so unauffällig wie möglich zu sein, wenn Familie Kendall zu Besuch war. Matthew so wenig wie möglich anzuschauen und betont cool zu sein.
Das würde schon vorbei gehen. Es musste diese berühmte Phase sein, in der man mehr am eigenen Geschlecht interessiert war. Ich war ja erst 14 und generell nicht so weit entwickelt. Und in diesem Haus durfte es erst gar nicht so kommen. Die Begeisterung meiner Eltern, als der Volksentscheid in Kalifornien 52,2 zu 47,8% für die Wiederabschaffung der Homo-Ehe ausging, hatte ich noch gut in den Ohren.
Und je näher ich dem 16. Geburtstag kam, umso sicherer wurde ich, dass es nicht diese Phase war. Zwar war ich immer noch nicht gerade der größte und mit Sommersprossen und rotblonden Haaren sah ich sowieso immer ein Bisschen jünger und lausbübisch aus, aber ich glaubte, dass so langsam meine Entwicklung abgeschlossen war.
Im Familienleben trat aber noch ein anderes Problem in den Vordergrund. Ich hielt nichts von dem klassischen Sport in San Diego, also Football und Basketball. Im Fernsehen sah ich mir Eishockey in der NHL an. Eishockey live zu schauen kam nicht in Frage, denn das hätte bedeutet, zu den Anaheim Ducks oder Los Angeles Kings zu fahren. Und das war, wenn man in San Diego ein Bisschen Heimatstolz hatte, ein Ding der Unmöglichkeit. Hier gab es zu der Zeit kein Profiteam.
Selbst träumte ich aber davon, wenn ich 16 war und Auto fahren durfte, Rallye zu fahren. Und damit meinte ich nicht die amerikanischen Baja-Wüstenrennen sondern im europäischen Stil. Und weil es das hier nicht gab, als Alternative eben Bergrennen, die mit den gleichen Autos bestritten wurden und in den USA sehr beliebt waren.
Mein Vater drängte mich dagegen, Football oder Basketball zu spielen, damit ich in 2 Jahren am College in eins der entsprechenden Teams gehen konnte. Beides waren bei einer Größe von 5’8″ (172 cm) und einem Gewicht von 146 lbs. (66 kg) vorwiegend Haut und Knochen natürlich wenig sinnvolle Sportarten. Für Randy mit 6’1″ (185 cm) und 181 lbs. (82 kg) mit genug Muskeln war das vielleicht okay, aber ich würde auch auf College-Level bei Basketball das Spielgerät nur von unten sehen und Football nicht überleben.
Und die Autofrage stellte uns unser Vater dann beim Abendessen auch direkt. „So, Ihr werdet ja in nicht ganz 2 Monaten 16 und Eure Führerscheinprüfungen habt Ihr in den nächsten Wochen.“ Den machte man hier quasi als Schulfach. Entsprechend mau war auch die Ausbildung – Massenabfertigung. „Was wollt Ihr denn für Autos?“ „Einen Dodge Challenger R/T.“ Na Randy war selbstbewusst. „Okay.“ Und unserem Vater machte das natürlich nichts aus. „Mitsubishi Lancer Evo X.“ „Was willst Du mit dem Reisfresser? Such Dir gefälligst ein anständiges Auto aus! Amerikanisch wie Dein Bruder!“ „Dann eben einen Ford Mustang Shelby GT500.“ „Na geht doch!“
Und während sich wahrscheinlich wieder einmal jeder Normalsterbliche wunderte, erschien es uns ganz normal, dass wir von unseren Eltern jeder zum 16. Geburtstag als Fahranfänger ein fabrikneues Muscle Car in die Garage gestellt bekamen. Und trotzdem war ich nicht glücklich. Geld beruhigte eben doch nur. Wie gerne wäre ich normal aufgewachsen, in einem Einfamilienhaus oder einer Stadtwohnung. Mit dem Schulbus oder Fahrrad zur Schule gefahren und mir würde die Welt offen stehen. Nicht wie jetzt, wo vorgegeben war, dass ich entweder einen Master of Business Administration oder einen Master of Engineering mit Schwerpunkt Druckmaschinentechnik machen würde, um dann in die Firma unseres Vaters einzusteigen und sie irgendwann zusammen mit Randy zu übernehmen. Mir kam ein LKW entgegen und ich dachte zum ersten Mal in meinem Leben sehnsüchtig daran, wie es wäre, als Beruf so ein Teil zu fahren. Das Land sehen, ohne Zwänge und Umgangsformen der High Society. Westküste, Ostküste, Great Lakes, Golf von Mexiko und alles dazwischen.

Was mein Vater dann nicht verhindern konnte, war mein Alleingang in Sachen Zweitwagen. Von meinem Taschengeld, das manch ein Hilfsarbeiter gerne mit seiner Arbeit verdient hätte, kaufte ich mir einen fertig mit Überrollkäfig, Schalensitzen und allem, was dazu gehörte, ausgestatteten Honda Civic Baujahr 1990, startberechtigt in der Jugendklasse der 16 bis 18-Jährigen bei Einzelzeitfahrtwettbewerben auf teilbefestigten Kursen und später auch bei Bergrennen, bei denen es aber keine Jugendklasse gab und das Startalter wegen der großen Gefahr bei 18 lag.
Und meine manchmal durch Mitleid auf meine Seite getriebene Mutter schaffte es sogar, dass ich meine Unterschriften unter einen Lizenzantrag für die 2011er Saison für Rundstrecken-Zeitfahrten bekam und ein kleines Mechanikerteam für die Wochenenden eingestellt wurde. Die Rennen fanden auf eher unbedeutenden Rennstrecken oder auf für das Wochenende gesperrten Flugplätzen statt. Ich schlug mich dafür auf dem Rundkurs ganz gut, fuhr in der ersten Saison, an der ich obendrein nur bis in den Sommer teilnehmen konnte bei 10 Rennen an 5 Veranstaltungswochenenden schon einmal aufs Podest.

Und im Frühjahr 2011 gab es dann eine hitzige Debatte. Randy und ich sollten auf Schüleraustausch nach Deutschland. Der Aufenthalt im Ausland sollte uns sprachlich weiterbringen und natürlich schwebte unseren Eltern vor, dass wir auch „standesgemäß“ untergebracht sein sollten, damit wir mit den ungefähr gleich alten Austauschpartnern Kontakte für die Zukunft schließen könnten. Das klappte aber nicht im Doppelpack. Randy sollte in eine Familie kommen, wo der Vater Entwicklungsleiter bei BMW war.
Aber meine Gastfamilie war „normal“, was nicht jedem in unserer Familie genug war: „Ich bezahle doch nicht hunderte Dollar, damit Du ein halbes Jahr bei so welchen wohnst. Was bringt Dir das denn?“ „Deutsche Sprachkenntnisse, einen Auslandsaufenthalt im Lebenslauf und einen größeren kulturellen Horizont?“ „So ein Quatsch! Bei der Familie eines Versicherungsvertreters in der Pampa? Welchen kulturellen Horizont soll das denn geben? Wir sind doch nicht irgendwer, der sich mit fahrendem Volk abgeben muss!“ „Was war denn Dein Urgroßvater, noch in Irland und dann er und Dein Großvater auch noch hier in Amerika? Die Druckerei hat erst Dein Vater gegründet! Wenn ein Außendienstmitarbeiter schon fahrendes Volk ist, was waren die als Tinker denn dann?“ „Das heißt nicht Tinker! Das heißt Pavee!“ Die vorwurfsvolle Bemerkung unserer Mutter, die eigentlich gar nicht über die mobile Vergangenheit unserer Vorfahren beider Linien sprach, wundert Randy und mich gleichermaßen. Unseren Vater störte dieses Erbe eher und er polterte nun sie an: „Ist egal, wie das heißt! Das Thema hat hier sowieso nichts zu suchen!“ Sie zuckte vor dem Patriarchen zusammen und ich hatte eine Ohrfeige sitzen. Wenn die sachlichen Argumente nicht mehr reichten, gab es ja noch schlagende, und der Zwerg namens Brandon konnte sich sowieso nicht wehren. Immerhin wurde ich nicht abgemeldet und saß dann im August mit meinem Bruder und einer Gruppe Jugendlicher zwischen 15 und 19 Jahren im Flieger nach Deutschland.
Bei der Begrüßungsfeier wurden wir natürlich als erstes mit unseren Gastfamilien zusammengebracht. „Brandon Ridley und Christian Hofer!“ Die deutschen Jugendlichen johlten beim Namen meines Gastbruders laut los. Als er mir zur Mitte des Raumes entgegen kam, dämmerte mir auch warum. Das Schlüsselband in Regenbogenfarbe war nicht zu übersehen. Randy grinste debil von einem Ohr zum anderen.
Die Hofers, meine Gastfamilie, waren sehr nett. Mein Gastbruder Christian war allerdings 3 Jahre älter als ich und ging nicht mehr zur Schule sondern hatte sogar schon vor ein paar Wochen seine Ausbildung als Lokführer beendet und steuerte jetzt S-Bahnen. Als wir in mein Heimatdorf für die kommenden 6 Monate fuhren, sah ich nur ein Problem: „Hoffentlich muss ich nie ein Taxi nach Hause bestellen.“ „Warum?“ „Weil ich dann nie ankomme. Overts… Oberseidelbeck“ Christian lachte sich halb kaputt: „Oberzeitlbach, Du wirst es schon lernen.“
Am nächsten Wochenende fragte Christian: „Hast Du eigentlich einen Motorradführerschein?“ „Nein, nur Auto. Warum?“ Der galt das halbe Jahr hier sogar, ich durfte mit 16, ab November 17 Jahren in Deutschland Auto fahren. „Sonst hätten wir mal zusammen eine Fahrt machen können und Du die Maschine meiner Schwester genommen.“ Wir fuhren aber zu einem Motorradzubehörgeschäft und ich kaufte mir dort Stiefel, Schutzkleidung und Helm, damit ich mal bei Christian als Sozius mitfahren konnte. Am Wochenende darauf musste Christian arbeiten und ich fuhr den Samstag bei ihm auf dem Führerstand der S-Bahn mit.
Und nach einigen Wochen hatte sich unsere ganze Gruppe bei ihren Familien eingelebt. Die Gastfamilien hatten bei diesem Programm überwiegend nichts miteinander zu tun. Also kannten sich unsere Gastgeschwister auch überwiegend nicht, sah man von ein paar Gruppentreffen in der Vorbereitungsphase ab. Sie waren wie wir zwischen 15 und 19, lebten in und rund um München und besuchten verschiedene Schulen oder machten eine Ausbildung. Randy war zum Beispiel in Grünwald, auf der anderen Seite Münchens untergebracht und ging im benachbarten Giesing mit seinem Gastbruder zur Schule, allerdings in verschiedene Jahrgangsstufen.
Dank moderner Kommunikationsmittel, im Volksmund Smartphone genannt, konnten wir aber Kontakt halten und so bekam ich die Frage, ob ich am Samstagabend zusammen mit Christian in eine Jugenddisco kommen wollte. Als ich Christian die Einladung zeigte, meinte er: „Nein, da lieber nicht.“ „Warum?“ „Der Laden ist mir zu hetero.“ Er hielt kurz sein sechsfarbiges Schlüsselband hoch. „Ach so.“ „Du kannst aber gerne hin. Meine Eltern fahren Dich bestimmt zum Bahnhof.“ „Hm, dann bin ich wohl der einzige ohne Austauschpartner.“ Ich war wenig begeistert.
„Tut mir ja leid, aber ich komme vielleicht mit nach München, aber gehe dann in einen schwul-lesbischen Jugendclub.“ „Hm…“ „Oder reden wir mal Klartext? Aber Du darfst mir nicht böse sein. Weder wenn ich mich geirrt habe, noch wenn ich richtig liege und Du darüber nicht reden willst. Dann sag es einfach.“ „Was?“ „Willst Du lieber mit mir in den Club?“
Mir blieb der Mund offen stehen, Christian wurde dafür nervös. „Brandon, sag was! Egal was.“ „Äääääh, wie hast Du das raus gefunden?“ „Als Du mit mir auf der Arbeit warst. Du hättest dem einen oder anderen Jungen nicht ganz so auf den Hintern starren sollen, wenn er die Treppe vom Bahnsteig rauf gegangen ist.“ „Ja, Du hast Recht. Ich komme lieber mit Dir.“ Das war eine neue und spannende Erfahrung, die ich in den USA ja schlecht machen konnte. Dazu war mir das Risiko, in San Diego erkannt und bei meinem Vater verpetzt zu werden, viel zu groß. Außerdem konnte man da erst mit 18 „richtig“ ausgehen. Christian streifte sich ein dunkelblaues und ein schwarz-weiß kariertes Gummi-Armband über das linke Handgelenk. „So, wir können los.“ „Was bedeuten die?“ Er suchte eine Seite im Internet und hielt mir sein Smartphone hin. „Muss man da so was tragen?“ So schnell zur Sache hatte ich eigentlich nicht eingeplant. „Nein, es erspart mir gleich aber eine Menge Gelaber.“ Christian schien die Dinge ungern anbrennen zu lassen.
„Nimm einen Ausweis mit! Den wirst Du brauchen, wenn Du ein Bier kaufen willst.“ „Was? Ausweis? Bier mit 16?“ „Ja, Bier mit 16. Deine ID-Card.“ „Habe ich nicht, die muss man bei uns extra beantragen. Habe nur den Reisepass. Zu Hause benutzen wir in Amerika den Führerschein, wenn wir einen Altersnachweis brauchen.“ „Dann nimm den mit, nehmen die da auch als Nachweis. Ach, und bevor Du Dir den Spaß entgehen lässt, das Age of Consent in Deutschland ist auch 16.“ schob er noch mit einem Augenzwinkern nach.
An dem Abend ließ ich mir diesen „Spaß“ noch entgehen und sah Christian nur nach, wie er mit jemandem aus dem Saal zu dessen Wohnung verschwand, nachdem er sich bei mir abgemeldet hatte, aber sagte, dass wir uns spätestens zur Abfahrt der U-Bahn Richtung Hauptbahnhof an der Station wieder treffen würden.
Beim zweiten Besuch fand sich ein süßer Junge und so wurde mein erstes Mal ein One-Night-Stand in dessen Wohnung, seine Eltern waren ohne ihn im Herbsturlaub. Das Publikum den dem Club war 16 bis 25 jahre alt, denn das waren das Mindest- und Höchstalter für den Eintritt. Und beim dritten Besuch in dem Club klopfte vor der Abfahrt Christian an meine Zimmertür: „Bist Du soweit?“ Ich machte die Tür auf und zog mir noch auf dem Flur mit einem lauten schnalzen ein hellblaues Gummiarmband über das Handgelenk, das ich mir die Tage mal in der Stadt gekauft hatte. Christian zog etwas überrascht die Augenbrauen hoch.
Der Laden lief rechtlich unter „Tanzveranstaltung“, was es mir erlaubte, bis Mitternacht dort zu sein. Wieder einmal hatte ich an dem Abend Randy abgesagt, in deren Disco zu kommen, damit ich stattdessen mit Chris losziehen konnte. Auf dem Weg von der U-Bahn zur S-Bahn kam er uns aber mit seinem Gastbruder auf der Rolltreppe entgegen. Ich grüßte ihn nur im Vorbeifahren, da wir beide nicht mehr wirklich spätere Verbindungen nach Hause hatten.
Am Sonntag, also zwei Tage danach, hatten wir Austauschtreffen. Hier nahm mich Randy mal bei Seite: „Na Bruderherz? Bist Du endlich da, wo Du heimlich schon immer hin wolltest?“ „Was meinst Du?“ Er hatte was bemerkt, ich saß wohl in der Tinte. Hier blieb nur die Flucht in die Ahnungslosigkeit. „Wenn Du weiter Versteck spielen wolltest, solltest Du wenigstens aufpassen, wenn Du das Ding schon nicht abnimmst, dass Du mit der Hand grüßt, an der kein Wristband ist.“ Er hatte nicht nur was gemerkt, er hatte sogar die Bedeutung erkannt.
„Was meinst Du? Das Ding sieht nur cool aus.“ „Ja, bestimmt. Es sieht nur cool aus, so ein Ding zu tragen, während Dein offen homosexueller Gastbruder eine Stufe hinter Dir auf der Rolltreppe steht mit Bändern die wohl seine Vorlieben anzeigen!“
Okay, aus der Nummer kam ich nicht mehr raus, Strategiewechsel. „Du kennst Dich ja gut aus. Erfahrungswerte?“ „So vorlaut gefällst Du mir schon besser. Nein. Ich weiß nur, dass es solche Farbcodes gibt und habe nach unserer Begegnung mal gesucht. Wir haben uns doch sonst immer vertraut. Du kannst mit mir immer noch über alles reden – auch da drüber. Ich habe es mir sowieso schon gedacht.“ „Also gut. Du hast Recht, ich stehe auf Jungs. Wie bist Du da drauf gekommen? Und wer sonst noch?“
„Ich hoffe mal für Dich, dass niemand sonst. Wir haben die 9 Monate vor unserer Geburt zusammen in einem Raum gelebt, der schon für einen am Ende zu eng ist. Auch wenn wir nicht eineiig sind, bleiben wir eben doch ein Leben lang Zwillinge und haben diese besondere Bindung, die nur Zwillinge haben. Du hast Deine Sache an sich gut gespielt und ich glaube zum Glück nicht, dass unsere Eltern was ahnen. Außerdem passt ein schwules Kind nicht in ihr Weltbild, also haben sie auch keins. Punkt. Aber mir kannst Du keine Lockerheit und Coolness vorspielen, wenn wir Gäste mit Jungen bekommen. Und bei Matthew Kendall wirst Du besonders nervös, wodurch deine aufgesetzte Coolness mir noch mehr auffällt. Aber ich glaube, dem geht es nicht anders.“ „Meinst Du?“ Das wäre zwar ein Traum zu schön um wahr zu sein, aber ich wollte es trotzdem nicht drauf ankommen lassen.
Natürlich bestand der Aufenthalt in Deutschland nicht nur aus meinem Coming-Out und Party. Aber es war für mich natürlich das einschneidende Erlebnis. Die daraus resultierende Lockerheit und steigendes Selbstbewusstsein, wenn ich mit Christian unterwegs war, machten sich auch bemerkbar. Die Erkenntnis, dass mein Bruder trotzdem zu mir hielt, es geahnt hatte und dabei indirekt auch unsere Eltern kritisierte, war mir sehr wichtig.
Ich ging ein halbes Jahr in eine deutsche Schule und lebte in einer deutschen Familie, verbesserte dabei meine deutsche Sprache. Die Lehrer mussten per Gesetz hochdeutsch unterrichten und Christian mit seiner ganzen Familie sprach auch nur einen ganz schwachen Dialekt.
Außerdem bemerkte ich in Gesprächen mit Randy einen weiteren Vorteil daran, dass Christians Familie nicht so reich war. Es ging ihnen schon ganz gut, aber sie waren eben noch eher durchschnittlich. Das Haus war groß, die Autos waren neu und von einem Premiumhersteller. Aber sie hatten kein Personal, das einem alles abnahm. Ich musste mein Zimmer in Ordnung halten, beim Putzen helfen und wurde zusammen mit Christian oder seiner Schwester einkaufen geschickt. Wenn wir abends alleine waren, weil die Eltern eingeladen waren, mussten wir alleine kochen und hinterher spülen. Ich lernte hier was für das alltägliche Leben, das ich in Kalifornien dank Haushälterinnen nie hatte. Wenn alles nach Plan lief, dann sollte ich das in meinem Leben nicht brauchen. Aber irgend so ein komisches Gefühl im Bauch sagte mir, dass es vielleicht auch nicht nach Plan laufen würde.
Kulturell war es auf jeden Fall auch eine interessante Erfahrung. Ich feierte meinen 17. Geburtstag deutsch, ich feierte ein deutsches Weihnachten und bereits ziemlich zu Anfang der Zeit das Oktoberfest. Wobei das eigentlich nichts deutsches mehr hatte, denn es war fest in chinesischen und japanischen Händen. Außerdem ging ich mit ihm, auch wenn es Christian nicht sonderlich interessierte, zu einem Fußballspiel vom FC Bayern München. Das gehörte mehr oder weniger zum Programm, wenn man in München zu Gast war. Ich überredete ihn außerdem, mal zum Eishockey zu gehen und so besuchten wir ein Spiel von Red Bull München, mein erstes Livespiel überhaupt. Da war ich Amerikaner, aber diesen Sport der amerikanischen Big Four sah ich das erste Mal live in der DEL, einen ganzen Kontinent entfernt.
Im Februar gab es dann die Halbjahreszeugnisse und am Abend eine Abschiedsparty mit allen Familien, die am Austausch teilgenommen hatten. Und danach blieb uns nur noch der Samstag, an dem schon Koffer packen auf dem Programm stand. Es wurde ein emotionaler Abschied. Nach 6 Monaten war Christian gefühlt wirklich ein zweiter Bruder für mich geworden und auch seine ganze Familie fühlte sich an wie eine richtige. Sie waren offen für mich gewesen, nicht so distanziert wie unsere eigentlichen Eltern. Sie hatten mich freundlich aufgenommen und akzeptiert, wie ich war. Denn dass ich die Wochenenden nicht getrennte Wege gegangen war, sondern zusammen mit Christian um die Häuser gezogen war, hatte sich nicht lange verheimlichen lassen.
Auf jeden Fall war sicher, dass Christian und ich auch in Zukunft dank Internet und Smartphones in Kontakt bleiben würden.
Zurück in Kalifornien ging es im dortigen Alltag weiter. Highschool, gesellschaftliche Termine mit unseren Eltern, für mich auch wieder Rundstreckenrennen mit meinem kleinen Honda. Was hier vor November nicht ging, waren Ausflüge ins Nachtleben, denn in Kalifornien musste man sowohl um – egal zu welcher Tageszeit – eine Tanzbar zu betreten als auch für jegliches sexuelle Abenteuer 18 sein. Für Alkohol sogar 21.Nachmittags beschäftigten wir uns aber auch mit normaleren Hobbys für Teenie-Jungs. Bei mir war das vor allem Inlineskaten. Randy nutzte die Rampen und Geräte im Park eher zum Klettern und für anspruchsvolle Sprünge. Vor unserem Aufenthalt in Deutschland hatte er das noch nicht gemacht.
Aber so lange etwas im öffentlichen Raum passierte, durfte ich aber auch mit 17 schon dran teilnehmen. Es durfte nur keiner von meinen Eltern erfahren. Immerhin hatte die seit über einem Jahr gewonnene Freiheit mit dem Auto einen Vorteil, wir kamen inzwischen ohne Aufpasser ans Ziel. Zwar waren unsere Sicherheitsleute auch Personenschützer, wenn es erforderlich sein sollte, aber das galt im Normalfall allenfalls für unseren Vater.
Als zwar ziemlich reiche, aber dennoch eher unbekannte Industrielle waren wir kein Verbrechensziel wie Politiker, Weltstars oder Vorstände von Weltkonzernen. Die Hauptaufgabe war geschäftlicher Art. Sie überwachten meistens die Dienstreisen unseres Vaters, stellten sicher dass er dabei nicht ausspioniert wurde und dergleichen. Dass sie uns zur Schule gefahren hatten, war mehr weil es nun mal keinen Schulbus aus dem Villenviertel zur Privatschule gab und ein gewisses Entführungsrisiko hatte es dann in unserer Kindheit doch gegeben.
Jetzt konnte ich einfach in mein Auto steigen und fahren wohin ich wollte. Und im Juni wollte ich 120 Meilen nach Norden. Weil mir San Diego ein zu heißes Pflaster war, ging es zum L.A. Pride, eine Veranstaltung, die man außerhalb der USA als Christopher Street Day bezeichnet hätte, aber dieser Name war hier der Veranstaltung rund um die Namen gebende Straße in New York vorbehalten.
Schon die Anfahrt konnte sich sehen lassen. In vielen Autos saßen junge Männer mit Muscleshirts oder oben ohne, die keinen Zweifel ließen, dass sie das gleiche Ziel hatten wie ich. Und mein schmächtiger Körper steckte in einem ganz normalen T-Shirt und Shorts. Aber ich hatte ja auch keine aufreizende Kleidung zu Hause und wenn ich hätte, wäre ich damit nicht aus dem Haus gekommen, ohne unangenehme Fragen aufzuwerfen.
Und als ich dann in L.A. hinter einem kleinen Van einparkte, war ich mir nicht sicher, ob ich mich freuen sollte, die Flucht ergreifen oder im Boden versinken. Zusammen mit zwei anderen Jungs stieg kein geringerer aus diesem Van als Matthew Kendall. Die Optionen wurden mir aber genommen, da er erst mal reichlich überrascht meinen Mustang und mich hinterm Steuer anglotzte und dann freudig zu winken anfing.
Die drei trugen nur Badehosen, keine Shorts sondern auch noch Speedos. Matthew kannte einen von ihnen aus der Schule, der andere war dessen Freund.
Sie waren der Meinung, dass sie sich so nicht mit mir sehen lassen könnten. Da ich mich nicht in so ein knappes Höschen zwängen lassen wollte, durfte ich als Kompromiss meine Shorts anbehalten, ließ aber T-Shirt und Unterhemd im Auto. Wir sahen uns die Parade an und irgendwann meinte Matthew zu mir: „Ich hätte ja mit allem gerechnet, aber nie damit, Dich hier zu treffen.“ „Ich Dich auch nicht. Heute ist der schönste Tag in meinem Leben.“ „Warum?“ Ich nahm all meinen Mut zusammen: „Weil ich Dir endlich sagen kann, dass ich in Dich verliebt bin.“ Er starrte mich eine gefühlte Ewigkeit mit offenem Mund an, ich dachte schon, ich hätte es versaut. Aber dann zog er mich zu sich heran. Es war so unglaublich. Seit Jahren hatte ich mich versteckt, nur das halbe Jahr in Deutschland war ich mal frei gewesen. Und jetzt stand ich in Los Angeles am Straßenrand, die L.A. Pride Parade zog vorbei und mein Traumboy küsste mich.
Auf dem Weg zurück schaute ich wieder mal sehnsüchtig einem Truck hinterher, der uns entgegen kam. Frei sein, um zu lieben ohne Schmerz und Leid…
Danach wurde unser Leben aber nicht unbedingt einfacher. Nun wurde es nur noch schwerer, uns nichts anmerken zu lassen, wenn sich unsere Eltern trafen. Und zumindest Randy hatte mal wieder den Durchblick und fragte mich irgendwann, ob wir zusammen wären. Als wir endlich 18 waren und zumindest nicht mehr mit strafrechtlichen Folgen zu rechnen hatten, sollte man uns trotz aller Vorsichtsmaßnahmen im Bett erwischen, fuhren wir oft etliche Meilen weit weg, um uns in einem Motel zu treffen. Lediglich wenn einer von uns sturmfreie Bude hatte und auch das Personal in dem Haus den Tag frei hatte, wurden wir mutiger.
Ich träumte von einem unkomplizierten Leben in Deutschland, wie Christian in einem alltäglichen Beruf. Aber da kam man auch nur als Fachkraft aus den USA rein. Und so einfach schien dessen Leben auch nicht zu sein. Jedenfalls hatte er inzwischen bei der Bahn gekündigt und war auf die Straße umgestiegen. Er fuhr jetzt für das Unternehmen aus dem Nachbardorf Linienbusse.
Das Jahr 2013 fing an und das auch nicht unbedingt gut. Ich durfte jetzt bei Bergrennen starten und gleich beim ersten Lauf überschätzte ich mich, verlor die Kontrolle über mein Auto und verstand, warum man 18 sein musste, um hier anzutreten. Beim Bergrennen passierten Sachen, die man verantwortungsvolle Eltern bestimmt nicht für ihren Nachwuchs unterschreiben lassen wollte.
Nachdem feststand, dass ich definitiv nicht auf der Straße bleiben würde, bestanden meine Optionen darin, den Versuch zu starten, nach links das Auto wieder unter Kontrolle zu bekommen, dann das Rennen fortzusetzen und ein gewertetes Resultat zu bekommen. Wenn ich dabei scheiterte, würde es aber dafür auch 70 Yards in die Tiefe gehen. Nicht als Absturz, sondern den Steilhang runter rutschend, aber dennoch ohne Kontrolle, was ich womit wie schnell treffen würde. Das wollte der Rennfahrer. Die zweite Option bestand darin, das Auto nach rechts zu retten, wo es aber sicher in die Felswand klatschen würde. Das wollte wohl mein Unterbewusstsein und so endete mein Lenkreflex mit einem saftigen Blechschaden. Mein Mechaniker würde mir am Abend sagen, dass das Auto so krumm war, dass ich damit nie wieder Rennen fahren sollte. Präzises Lenken würde damit nicht mehr gehen, selbst wenn man den Rahmen auf einer Richtbank wieder strecken würde.

Mein Vater hatte danach Oberwasser: „Ich habe Dir doch gleich gesagt, dass das gefährlicher Unsinn ist. Lass es sein und werde vernünftig. Spiel Basketball wie Dein Bruder! Wir sind doch nicht in Finnland, wo es von verrückten Kerlen wimmelt, die mit viel zu kleinen Autos über viel zu schmale Wege heizen!“ Ich wurde natürlich nicht vernünftig sondern holte mir um weiter Rennen zu fahren einen Subaru Impreza WRX STI Baujahr 2006. Noch mehr PS, Turbo und Allradantrieb, um die Kraft auf die Straße zu bekommen.
Mit einem zweiten Platz in der Rookie-Wertung und dem 14. in der Gesamtwertung war die Premiere mit diesem Auto auch nicht schlecht. Als ich zusammen mit den beiden anderen Anfängern auf dem Siegerpodest der Rookies stand, ahnte ich noch nicht, dass dies das erste und letzte Rennen mit diesem Auto gewesen sein sollte.

Und in der Woche danach bestand ich die letzte Abschlussprüfung an der High School, es könnte kaum besser laufen
Aber nur anderthalb Wochen später gab es diesen verhängnisvollen Nachmittag. Meine Eltern waren weg, wir mussten nicht mit, das Personal hatte frei und Randy wusste sowieso, was Parole war. Also kam Matthew zu mir und wir gingen auf mein Zimmer, das wir natürlich trotzdem abschlossen. Irgendwann war auch das schönste und längste Vorspiel zu Ende. Matthew packte ein Kondom aus.
Kurze Zeit später wurden wir aus dem tiefsten Beischlaf gerissen. Als erstes klingelte mein Telefon, und zwar das Haustelefon. Ich ging nicht davon aus, dass Randy mich verarschen wollte – das hieß Gefahr: „Schluss! Hier stimmt was nicht!“ Noch bevor Matthew reagieren konnte, flog mit einem lauten Krachen die abgeschlossene Zimmertür aus den Angeln. Mein Vater und sein Bodyguard standen in der Tür, Matthew und ich wurden so weiß wie die Bettwäsche.
„Wusste ich es doch!“ Sein Bodyguard riss Matthew und mich auseinander und mein Vater zog mich aus dem Bett und redete auf mich ein, aus seiner Sicht der Dinge natürlich. „Es ist vorbei. Ich zeige ihn an und dann bekommt er die gerechte Strafe dafür!“ Zu Matthew, den der Bodyguard an die Wand nagelte, schrie er: „Und Dein Vater soll in seiner Tinte gefälligst ersaufen! Von jemandem, dessen Missgeburt meinen Sohn verführt bekommt der keinen Auftrag mehr!“
„DU HAST JA GAR KEINE AHNUNG!!!!!!“ Mit heftiger Gegenwehr von meiner Seite hatte mein Vater in den vergangenen 18 Jahren noch nie zu tun gehabt. Nicht mal mit starker Gegenwehr in Worten. Ich hatte zwar nicht immer getan, was er wollte. Aber Widerworte kamen selten und schon gar nicht in dieser Lautstärke, nicht zuletzt weil die meistens mit einer Backpfeife endeten. Dementsprechend erstarrte er für einen Moment zur Salzsäule. Und in dem Moment setzte ich mit voller Wucht an und drängte ihn zurück. Mit einem lauten Klirren stieß ich ihn in die Vitrine in der meine Sammlung Modell-Rallyeautos stand. Der Bodyguard ließ Matthew los und drehte sich um: „Mr. Ridley! Sir! Oh Gott! Sie bluten!“ Die Schnittwunde im Oberarm würde er überleben, aber wenn ein schmächtiger Sohn dieses Fettfass von Vater verletzte und er es weder erwartete noch reagierte, war das Versagen als Personenschützer. „Matthew, komm!“
Ich griff unsere Sachen und wir liefen los. Auf dem Flur streiften wir uns auf einem Bein hüpfend die Jeans über, als wir die Treppe unten angekommen waren, stand meine Mutter fassungslos auf dem Flur, machte aber keine Anstalten, uns aufzuhalten. Der Bodyguard hatte schnell gemerkt, dass er hereingelegt worden war und uns wieder auf den Fersen. Randy stieß hinter uns einen Tisch um, worauf der Sicherheitsmann mit einem lauten Krachen zu Boden ging.
„Warum muss es nur so mit uns enden?“ Matthew sprang in seinen BMW 335i und fuhr los. Was meinte er damit? Ich hatte ein ganz mieses Gefühl und außerdem wollte ich nicht hier sein, wenn mein Vater und sein Bodyguard ihre Knochen wieder sortiert hatten. Also stieg ich in den Shelby und fuhr Matthew hinterher. Im Spiegel sah ich, wie noch ein Auto auf unserem Hof gestartet wurde. Es war Randys Dodge Challenger.
Während der Fahrt versuchte ich, Matthew anzurufen, aber er ging nicht ans Telefon. Ich hatte ihn aus dem Wohngebiet auf die Hauptstraße einbiegen sehen und war ihm gefolgt. Aber an einer Straßengabelung hatte ich keinen Sichtkontakt. Wo war er lang gefahren? Ich entschied mich für die Straße, die in die Stadt zurück führte, musste aber nach ein paar hundert Metern feststellen, dass hier eine Baustelle den Weg blockierte.
Ich wendete mit der Handbremse und schrie beim Beschleunigen zum gefühlt 100. Mal die Sprachsteuerung meines Autos an: „Matthew Kendall anrufen!“ Es klingelte wieder 5-mal, bevor die Roboterstimme kam: „Dies ist die AT&T Sprachmailbox von…“ Ich fuhr die andere Straße und nach ein paar hundert Metern bot sich mir ein Bild des Schreckens.

Ich stellte mein Auto ab, stieg aus und wollte zu dem Wrack. Matthew musste den Anfang des Brückengeländers mit hoher Geschwindigkeit getroffen haben und war dann bis zur Brückenmitte geschleudert. Der Fahrer des Lieferwagens, der beim Ausweichen ebenfalls im Brückengeländer gelandet war, lief auf die Überreste des BMW zu. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass Randy knapp hinter mir gewesen und ebenfalls ausgestiegen war, bis er mich festhielt. „Brandon! Du solltest nicht da hin!“ „Lass mich los, ich will zu meinem Freund!“ Der Lieferwagenfahrer rief mit ziemlich blassem Gesicht rüber: „Bleib wo Du bist und behalte Deinen Freund so in Erinnerung, wie Du ihn kanntest! Du kannst nichts mehr für ihn tun!“ Ich umklammerte Randy und weinte hemmungslos.
Die nächsten Tage waren Horror für mich. Das lag nicht nur an Matthews Tod, sondern auch an meinem Vater, der das Heft des Handelns an sich gerissen hatte. Er konnte sich mein Verhalten nur so erklären, dass ich durch Matthews „Verführung“ seelischen Schaden genommen haben musste. Also schickte er mich zum Psychiater, natürlich das ganze doch so gut durchgeplant, dass ich zu Matthews Beisetzung den ersten Termin hatte. Manchmal erstaunte mich dann doch, wie sehr er zwischen seiner und der tatsächlichen Realität springen konnte.
Die professionelle Hilfe hatte ich natürlich nötig und hatte jeden zweiten Tag Termine. Der Psycho-Doc machte seine Arbeit und nicht die meines Vaters, auch wenn der ihn ausgesucht hatte. Er sprach mit mir über die Vorgeschichte und gab mir zu verstehen, dass ich nichts falsch gemacht hatte und keine Schuld an irgendetwas hatte. Das war mir eine große Hilfe und Trauerbewältigung, nachdem ich schon nicht zur Beisetzung konnte.
Zu Hause herrschte also Hochspannung. Die Eltern erwarteten Anzeichen der Besserung, während ich mich immer weiter von meinen Eltern abkapselte, nicht zuletzt, weil durch die Therapie mein Selbstbewusstsein wuchs. Randy hielt sich offiziell raus, sprach aber oft mit mir und auch mit „der anderen Seite“. Auch für ihn war die Sache nicht einfach. Er wollte später die Firma übernehmen und sich schon alleine für seine Zukunft mit unseren Eltern gut stellen. Auf der anderen Seite hatte er aber auch Verständnis für mich und meinen Freiheitsdrang, kannte mein Geheimnis, als es noch eins gewesen war und hatte Verständnis dafür, dass ich oft nicht so wollte wie ich sollte. Wenigstens einen Lichtblick gab es dann, am kommenden Wochenende stand nach der langen Pause, weil der Doc meinte, ich sollte nicht fahren, da ich mental dem Druck nicht gewachsen war, endlich das nächste Rennen auf dem Programm.
Da hatte allerdings „die andere Seite“ etwas gegen, wie ich am Donnerstag erfahren durfte. Unser Vater kehrte nachmittags von einer Reise aus Lexington bei Boston zurück und begann die Dinge gleich mal bei einer Familienversammlung mit Kaffee und Keksen zu regeln: „Am Samstag empfangen wir Geschäftspartner aus Massachusetts. Ich erwarte Anwesenheit.“ „Aber am Samstag und Sonntag ist das Rennen am Granite Peak!“ Das war bei Redding, also Anreise am Freitag, Rückreise am Montag.
„Ich sagte, ich erwarte Anwesenheit. Auch und gerade Deine!“ Die Stimme meines Vaters war eisig. „Es geht hier um den Vertrag mit Vistaprint für das Geschäft. Du solltest langsam wissen, dass das Vorrang vor Deinem Blödsinn hat! Der Geschäftspartner weiß, dass ich zwei Kinder habe, also sind auch zwei Kinder hier. Ende der Diskussion! Deinem Team habe ich sowieso abgesagt. Immerhin sind das meine Angestellten!“ Wenn Randy ein Basketballspiel hatte, wurden Geschäftstermine da drum herum oder auch schon mal in die VIP Lounge der Basketballhalle verlegt. Dass es bei den Rennen auch VIP-Pavillons gab, wusste er.
„Du wirst schon sehen, was Du davon hast!“ „Was willst Du damit sagen? Ich dulde keinen Widerspruch. Das solltest Du langsam wissen!“ „Du bist ihn vielleicht nicht gewöhnt, aber dulden wirst Du ihn müssen! Ich fahre das Rennen!“ „Das tust Du nicht!“ „Wann bist Du das letzte Mal bis auf die Knochen blamiert worden?“ Meinen Eltern entgleisten die Gesichtszüge, Randy war sehr bemüht, ein neutrales Gesicht zu wahren, schien diese Bemerkung und meinen Triumph aber zu genießen. Dieses Machtmittel in unseren Händen, wenn sie uns gegen unseren Willen zu irgendwelchen Veranstaltungen zerrten, auf die wir nicht wollten, hatten unsere Eltern wohl noch nie bedacht. Ich war aber auch gerade in dem Moment erst darauf gekommen.
Unserem Vater schien nur die Drohung als Ausweg zu bleiben: „Du solltest wissen, dass es hier nicht nach Dir geht. So wie es in Deinem Alter für mich auch nach meinem Vater ging. Wenn Du mich mal beerbt hast, dann kannst Du machen was Du willst. Und wenn Du der Meinung bist, dass das anders sein sollte, dann kannst Du jederzeit gehen oder wenn Du Dir was zu heftiges leistest, fliegst Du raus und kannst sehen wo Du bleibst. Jetzt bist Du ja 18 und ich zu nichts mehr Dir gegenüber verpflichtet! Aber dann komm auch nie, nie wieder! Dann siehst Du keinen Cent mehr von uns!“ „Das Angebot hättest Du mal machen sollen, bevor Matthew gestorben ist!“
Auf diese unerwartete Breitseite musste unser Vater erst einmal nach Luft schnappen. Da Geld sein einziger Liebesbeweis zu uns Kindern war, hatte er gedacht, mit „Liebesentzug“ ein Druckmittel zu besitzen, das alle unsere ausstach. Diese Denkpause nutzte unsere Mutter, um sich zu Wort zu melden: „Was haben wir denn bei Dir falsch gemacht? Wir haben Randolph und Dich doch immer gleich behandelt. Warum bist Du nicht geworden wie er?“ „Weil ich nicht er bin! Und das ist Euer Fehler! Ihr seid nie individuell auf uns eingegangen.“ „Wir haben Euch beiden alles ermöglicht. Sei nicht so undankbar! Randolph ist es ja auch nicht! Randolph, sag doch auch mal was!“
Unsere Mutter schubste nun meinen Bruder in den Mittelpunkt, wo der eigentlich gar nicht hin wollte und versuchte, sich diplomatisch raus zu winden. Er wollte sich hier nicht zwischen den Fronten aufreiben lassen, zwischen denen er sowieso stand. Teils weil er sich wirklich für die Firma interessierte, teils weil er es auch dadurch einfacher hatte, dass seine Neigungen mehr auf Linie waren. Auf der anderen Seite war er der einzige hier, der zu mir gehalten hatte, bei dem ich mich ausheulen konnte und es auch in den vergangenen Jahren reichlich getan hatte – Zwillingsbindung eben. Diplomatie war die Kunst, mit 1000 Worten zu verschweigen, was man mit einem einzigen sagen könnte. Und das beherrschte er in dieser Familie am besten. Ich konnte es nicht so gut wie Randy, aber ich verstand es.
„Das ist von beiden Seiten eskaliert. Brandon ist anders als ich. Er hat andere Interessen, die Euch vielleicht nicht passen. Und durch Eure Ablehnung hat er sich da nur noch mehr rein gesteigert, aber…“ „Halt den Mund! Wenn Du nichts beitragen kannst, brauche ich Deine Wortmeldung nicht!“ Ich konnte nur zu deutlich sehen, wie Randy erstmals auch so was wie direkte Ablehnung gegen unsere Eltern aufbrachte. Er blieb scheinbar gefasst, aber ich konnte seine Halsschlagader pulsieren sehen und hatte gemerkt, wie sich sein ganzer Körper mit einem Schlag angespannt hatte.
„Deine Mutter hat Recht! Ihr hattet beide alle Möglichkeiten, nur Du hast sie nicht genutzt und unsere Zuneigung mit Füßen getreten statt dafür gedankt!“ „ZUNEIGUNG? Es wundert mich, dass Du dieses Wort überhaupt kennst! Finanzielle Zuneigung ist nun mal nicht alles. Ihr habt eine Menge Geld in die Hand genommen, aber das war es auch!“ „Reicht Dir das nicht?“ „Nein! Denn Menschlichkeit habe ich von Euch nie bekommen. Die gab es für mich nur das halbe Jahr in Deutschland! Ihr habt mich nie bei meinen Zielen unterstützt.“ „Du hast einen Abschluss auf einer der besten High Schools in Kalifornien! Was für Ziele kannst Du damit nicht erreichen?“ „Sprich nicht von meinen Zielen, wenn Du Eure meinst! Nur widerwillig habt Ihr mir die Rennlizenz unterschrieben und zwei Mechaniker eingestellt. Aber nie ist jemand von Euch bei einem Rennen gewesen! Bei Randy seid Ihr immer zu den Basketballspielen gefahren und wenn es Terminüberschneidungen gab, dann habt Ihr die Geschäftstermine sogar in die Basketballarena gelegt! Ihr habt Euch nie darum gekümmert, was wirklich in uns vorgeht. Hauptsache wir funktionieren als Vorzeigeobjekt und Firmenerben!“
„Als nächstes willst Du mir noch erzählen, Du hättest Dich freiwillig mit diesem kranken Typen ins Bett gelegt?“ Das Kind war nicht nur in den Brunnen gefallen, es war in den letzten Minuten auch schon längst darin ertrunken. Also wurde mir langsam alles egal: „Wer fragt, kriegt Antworten! Ja! Wir hatten seit einem Dreivierteljahr eine Beziehung!“ Für unsere Mutter wurde das zu viel: „Oh Gott! Warum hast Du mich mit so einem Monster als Kind bestraft?“ Wie meistens, wenn es zwischen unserem Vater und mir krachte, suchte sie am ruhenden Pol der Familie Halt. Sie teilte zwar die Ansichten unseres Vaters, aber sie hasste es, wenn es zu Konflikten kam. Am liebsten wäre ihr, wenn alle so stromlinienförmig dem Familienoberhaupt folgen würden wie sie selbst. Jetzt stieß Randy aber ihre Hände schroff weg: „Du hast kein Monster als Kind und Gott kann auch nichts dafür! Ihr selbst habt aus Eurem Kind etwas gemacht, das Euch wie ein Monster vorkommt, aber einfach nur das Ergebnis von 18 Jahren Eurer Unterdrückung ist!“
Unser Vater fiel eine Sekunde lang in Schockstarre. So ein verbaler Genickschlag von Randy war eine Sensation. Unsere Mutter brach endgültig in einem Weinkrampf zusammen. Dass er sich auf meine Seite stellte, war wohl zu viel. Unser Vater fand wieder Worte, die seinen üblichen Umgang mit mir auf Randy ableiteten: „Du kannst gerne auch abhauen, wenn Du ebenfalls unsere Leistungen für Euch nicht anerkennen willst!“ „Und wer erbt dann Dein Imperium? Verzeihung – Opas Imperium!“
Das hatte gesessen. Ein schwarzes Schaf konnte er ausgleichen, nachdem damals zwei Jungs drin gewesen waren, aber zwei nicht. Dann hatte er wirklich ein gesellschaftliches Problem. „SCHLUSS JETZT!!!!! Am Wochenende kommen wichtige Leute von Vistaprint! Ich will, dass hier alle das tun, was von ihnen erwartet wird! Und sie haben eine nette Tochter in Eurem Alter!“ Randy war liiert und das war bekannt. „Für wen?“ „Für Dich natürlich! Wenn Du Dein Glück nicht selbst erkennst, dann muss ich nachhelfen!“ „Lass mich mein Leben leben, mit wem ich es will und werde vernünftig! Wir sind doch nicht im nahen Osten wo es von verrückten Vätern wimmelt, die ihre Kinder zwangsverheiraten!“ Unser Vater schien den Satz wieder zu erkennen, denn er wurde bleich. Nur war er damals von ihm gekommen und es ging um Finnland und Motorsport. „Mir reicht das Theater. Du hast mir die Tür angeboten, ich nehme sie jetzt!“ „Zu Fuß!“ Unser Vater griff sich den Schlüssel für den Mustang aus dem Korb neben der Tür. „Mal sehen!“ Der Zündschlüssel vom Subaru, der ohnehin mir gehörte und nicht ihm wie der Ford, war nämlich in meiner Hosentasche, ich ging raus. Aber ihm fiel dann auch ein, dass er was übersehen hatte. Der Wagen wurde an der Strecke mit dem Frontschnabel, den Verbreiterungen für die Rennreifen und dem Riesenflügel am Heck ausgestattet, hatte aber eine Straßenzulassung und einen schmaleren Heckflügel für Straßenbetrieb. „Der Rennwagen! Snyder, halten Sie ihn auf!“ Nun hatte ich also mal wieder seinen Bodyguard auf dem Pelz.
Snyder stellte sich vor die Ausfahrt aus der Großraumgarage. Ich rauschte auf ihn zu und wusste genau, wo ich bremsen musste, um ihn nicht zu erwischen. Aber er wusste nicht, dass ich das wusste und schon gar nicht, wie beängstigend dicht an ihm dran dieser Punkt war, weshalb er schon weit vorher zur Seite sprang. Als er sich in seinen Dodge Charger geklemmt hatte, war ich schon die Hofeinfahrt runter und auf der Straße. Allerdings war Snyder trainierter Fahrer. Es wurde nicht so leicht, den abzuschütteln. Ich fuhr durch eine ziemlich üble Gegend mit leer stehenden Wohnblöcken, den Dodge immer im Rückspiegel. In einer Seitenstraße hatten sich ein paar Halbstarke eine Rampe gebaut, über die sie mit Motorrädern sprangen. Einer von ihnen musste übelst bremsen, damit wir ihn nicht bei seinem Auslauf von der Maschine sensten.
Irgendwie machte das keinen Sinn. Ich hatte nichts gepackt, ich hatte einen Verfolger, ich hatte den Tank nur ein Viertel voll und würde sowieso nicht weit kommen. Mein Freund war tot, ich hatte die Vergangenheit weggeschmissen und keine Zukunft. Inzwischen war ich um den Block und die Rampe der Motocrosser war vor mir. Matthew, ich komme zu Dir!
Als das Auto in die Luft aufstieg, wurde mir klar, dass ich für Selbstmord was Entscheidendes vergessen hatte. Die Bordsysteme taten ihren letzten Dienst am Fahrer, auch wenn die Seitenairbags bei Rennwagen wegen des Gitterrahmens deaktiviert waren. und das Zubehörlenkrad keinen hatte. Die bei diesem Gurtsystem insgesamt drei Gurtstraffer zündeten aber und nagelten mich in den Sitz. Der Gitterkäfig aus 2,5″ (64 mm) Edelstahlrohren mit 3/16″ (4,5 mm) Wandung würde sein übriges tun. Selbst wenn der erste Einschlag genau mit der Dachkante über meinem Kopf passieren würde, hätte der brüchige Asphalt in dieser heruntergekommenen Straße ein Loch, aber definitiv nicht mein Schädel.
Die Welt drehte und drehte sich, dann erfolgte der erste von ungezählten Einschlägen. Die Geschwindigkeit wurde nur allmählich bei den Überschlägen auf dem Asphalt abgebaut. Schließlich kam das Auto oder was davon übrig geblieben war, am Ende der Straße auf dem Dach zum Liegen. Ich hatte es vermasselt – mein Leben und meinen Tod! Okay, theoretisch war der Tod einen Knopfdruck entfernt. Ich musste nur auf den Gurtlöser drücken ohne mich abzustützen und mein oberer Halswirbel steckte im Kleinhirn, im Volksmund als „Genickbruch“ bekannt. Es war aber eine Kurzschlusshandlung gewesen und als mir in der Luft klar wurde, dass es nicht klappen würde, weil ich den Sicherheitsgurt nicht gelöst hatte, hatte ich auch erkannt, dass da oben noch keine Wolke für mich frei war.

Ich sammelte mich und drückte als erstes mal den Killschalter, um den Motor und die Benzinpumpe abzuschalten. Draußen hörte ich die Stimme eines der Motorradfahrer: „Da ist der Dodge Charger, der ihn hier rein gehetzt hat! Ryan! Du hast eine 450 cc Supermoto, verfolg ihn und hol wenigstens eine Autonummer für die Polizei! Dylan, ruf die Polizei und einen Rettungswagen!“ Ein V8 und ein Einzylinder brummten um die Wette vom Ort des Geschehens weg. Dann kroch einer auf Knien in das Auto. Ein halbschwarzes Gesicht mit Lockenkopf sah mich besorgt an: „Alles in Ordnung mit Dir?“ „Ja!“ „Ich helfe Dir.“ „Nein, ich komme alleine raus.“ Der Bewegungsablauf musste für die Rennlizenz im Simulator einstudiert werden. Ich stemmte mich mit den Beinen gegen das Armaturenbrett, drückte mich mit dem rechten Arm vom Dach ab und entriegelte mit dem linken das Gurtschloss, worauf die Gurte aufsprangen, bevor ich mich wie eine Katze aus dem Fahrersitz auf das zum Fußboden gewordene Autodach abrollte und aus dem Auto kroch. Nun konnte ich mir die Bescherung anschauen, die ich angerichtet hatte.

„Ich bin Robbie.“ „Brandon.“ Robbie wurde beim Blick die Straße entlang feindselig: „Noch ein schwarzer Dodge auf der Suche nach Dir oder was? Ist da ein Nest?“ Ich sah auch die Straße runter: „Lass ihn, das ist mein Bruder. Der einzige Mensch in diesem Land, der zu mir hält!“ Randy stellte sein Auto ab und kam auf mich zu gelaufen: „Brandon, bist Du okay?“ „Ja.“ Er umarmte mich erleichtert. „Aaaaah! Wohl doch nicht so ganz!“ Ein Stich fuhr mir durch den Brustkorb. In der Ferne waren die ersten Sirenen zu hören.
„Was ist hier denn passiert?“ Ich holte Luft und bereute es im gleichen Moment, weil mir die geholte Luft gleich wieder weg blieb. Robbie brachte dafür eine Version vor, die ich mir mal lieber gut merken sollte, falls einer fragte: „Er ist erst die Straße da runter von einem schwarzen Dodge Charger gejagt worden. Dann haben wir ihn plötzlich von dort kommen sehen, den Charger auf den Fersen. Er hat unsere Sprungschanze erwischt und sich überschlagen. Der Charger ist abgehauen.“ Das war so alles nicht gelogen, es fehlte nur Hintergrund, der auch niemanden so richtig was anging, da er mich auch in eine Klinik für die eher seelischen Leiden führen könnte. Fahrerisch hätte ich der Sprungschanze ausweichen können, wenn ich gewollt hätte, aber mental hatte Snyder mich wirklich in diesen Überschlag gehetzt.
Am Abend lag ich dann im Krankenhaus in einem Einzelzimmer, Hauptsache gut versichert. Ich hatte zwei Rippen gebrochen, eine Prellung im Beckenbereich und außerdem eine leichte Gehirnerschütterung und ein paar Schrammen am linken Arm. Die erste Nacht wurde unruhig und schmerzhaft.
