Kapitel 27 – Ascending to Infinity

Mittwoch, 12.09.2018

Text-to-Speech gefiel mir immer besser: „Of Malik the Archangel and your fall off a Nebraskan grain elevator scared to death LOL” Nachdem sich dieser kleine Schreck ein paar Minuten gelegt hatte und wir auf dem Abstieg waren, setzte ich zum ultimativen Todesstoß für sein großes Mundwerk an: „Sag mal. Wenn wir am Montag zusammen exploren wollen und am Freitag schon bei mir zu Hause sind, dann bleibt ja das Wochenende. Da habe ich aber mit einem anderen Hobby von mir schon eine Veranstaltung. Würdest Du dahin mit kommen? Ist auch gute Action und ich kann Dich auch ein paarmal dran teilhaben lassen. Ist aber nichts für schwache Nerven.“
Er zögerte merklich, aber Text-to-Speech war eindeutig. „Los, mach es!“ „Du wirst doch wohl alles mitmachen, was er macht?“ „Du bist unser Held, enttäusch uns nicht!“ „Was soll es denn geben, was er sich nach der Sache eben traut und Du Dich nicht?“
Innerlich grinste ich. Der Plan war voll aufgegangen. Entweder er zog jetzt mit und machte sich nach meiner Einschätzung am Wochenende die Hosen voll oder er war für sein großes Mundwerk noch auf dieser Siloanlage entlarvt und bei seinen Fans im Stream blamiert. „Ich habe keine Ahnung und ich hasse so was. Ist es sicher?“ Was eine kleinlaute Schisshasenfrage. Und das Ei war schnell wieder laut: „Du enttäuschst mich!“ „Frag nicht so dumm!“ „Wenn Du nicht mitziehst, deabonniere ich Dich!“ Ja, das war etwas, das mir nicht gefiel und zum Glück auch egal sein konnte, da ich mein Geld mit dem Truck verdiente und nicht wie er seine Freizeit mit Youtube finanzierte. Man war dem Anhäufen von Abonnenten hilflos ausgeliefert, wenn man erlaubte, dass Youtube einen nennenswerten Anteil am Lebensunterhalt bestritt.
Weil er ansonsten ja sehr nett und sympathisch gewesen war, tat er mir fast schon leid. Dennoch hatte er sich seine Situation jetzt selber zuzuschreiben. Ich antwortete auch mal etwas herablassend: „Sicherer als das Dach eines Getreidesilos in Nebraska, viel sicherer als die Stahlstrebe von einer Hofbeleuchtung in Kalifornien und vor allem 100% legal! Es gibt auch zugelassene Zuschauer.“ „Na dann… Ich bin dabei! Kann ja nichts wildes sein, wenn Du mich einfach so mitnehmen kannst. Also, Leute – nehmt Euch am Wochenende nichts vor! Ich weiß nicht, worauf ich mich da gerade eingelassen habe, aber Ihr werdet es live und gleichzeitig mit mir erfahren!“ Spätestens jetzt kam er aus der Nummer nicht mehr raus.
Irgendein Scherzkeks, dessen Identität ich über den aufgezeichneten Stream noch herausfinden musste, meldete sich prompt und ließ die Roboterstimme für ihn sprechen: „War nett, Dich gekannt zu haben! Ich weiß genau, was kommt – und ich denke, dass Malik dabei wieder mal bis an die Grenze des Machbaren geht!“
Es musste einer aus meiner Clique oder noch wahrscheinlicher Randy sein, denn nur die wussten, was ich am Wochenende vor hatte und nur Randy wusste, wie ehrgeizig ich dabei wurde. Bei einem der mir unbekannten Nicknames vorhin hatte ich schon den Verdacht auf ihn. Weil er selbst keine Exploration Videos machte und wir noch nicht zusammen geklettert waren, hatte er mir nie seinen Szene-Namen verraten und ich noch nie danach gefragt.

Nachdem wir wieder unten und über die Gleise vom Bahngelände runter waren, blieb uns eine Stunde Zeit. Wir machten noch mal eine ausführliche Kanisterwäsche, dann war der auch leer. Eigentlich brauchte man hierzulande keinen Wasserkanister, da man immer mindestens einmal am Tag bei einem Truckstop vorbei kam. In Europa war das anders. Allerdings hatte ich mir inzwischen angewöhnt, einen dabei zu haben, falls man sich mal bei einer spontanen Exploration dreckig machte oder wenn ich irgendwo wild in einem Gewerbegebiet parken musste und dort ein Bisschen Freerunning trainierte oder eine ambitionierte Runde mit den Inlinern drehte. Oft genug kippte ich das Wasser aber auch einfach ungenutzt wieder aus und ersetzte es durch frisches, wenn es sich nicht ergab. An Tee damit kochen brauchte man nicht zu denken bei unserem gechlorten Leitungswasser. Da musste das Flaschenwasser für herhalten. Danach gab es Frühstück. Ich nahm Mini-Wheats und weil Marius da nicht dran gedacht hatte, dass es auch mal Frühstück draußen geben könnte, nahm er sich was aus seinem Brotvorrat.
Nachdem ich gewendet hatte und zur I-80 zurückgefahren war, wechselten wir nach Iowa, dem nächsten Transitstaat. Und quasi direkt nach der Grenze auf dem Missouri River zweigte die I-29 ab, die uns ans Ziel bringen sollte. Nach knapp einem Drittel der Strecke verließen wir Iowa wieder in Richtung Missouri.

„Liegt Kansas City gar nicht in Kansas?“ „Ja und nein. Es gibt zwei Kansas Cities links und rechts des Missouri River. Das größere, wo wir jetzt auch hin fahren, liegt aber in Missouri. Das in Kansas ist nicht mal größte Stadt von Kansas.“

Obwohl wir noch vor der Mittagszeit ankamen, gab es Probleme. Das erste aber schon am Tor: „Hallo, Ihr seid eine Zweimannbesatzung?“ „Nein, er fährt so mit.“ „Dann muss er entweder draußen bleiben, also auf der Straße. Oder er bleibt drinnen, also in Deinem Truck.“ „Kommen wir denn gleich dran?“ „Halbe Stunde werdet Ihr rechnen müssen. Der Vorarbeiter ist gerade weg.“ „Rein oder raus?“ „Ich komme mit rein.“
Also fuhr ich aufs Gelände, stellte den Trailer schon mal an die zugewiesene Position und sah mir den Folgeauftrag an.

PICKUP: MOKCI-XYZ
DESTIN: PAPHL-DOL
TRAILER: DOL-2*BOX28
LOAD: CANNED CORN, FERTILIZER
WEIGHT: 36,960
REMARKS: STAA DOUBLE
DISPATCH: MABOS-CAT-BRW

Brian sorgte also für den Heimatschuss. Dole Foods würde auf jeden Fall mal wieder für einen dämlich aussehenden Zug sorgen. Immerhin waren Doubles als Endorsement-Aufträge nicht schlecht bezahlt. Nun hieß es warten und ein Brot schmieren.
Wenigstens war die Pausenzeit voll, als der Vorarbeiter zurückkam. Leider war er nicht der schnellste und brauchte geschlagene 25 Minuten, um die Ladung abzunehmen. Dann war ich endlich wieder unterwegs. Bei dem Betrieb, einer kleinen landwirtschaftlichen Genossenschaft, wollte man Marius gar nicht nicht rein lassen. „Schon okay, fahr rein und hol die Ladung. Ich suche mir so lange mal einen Busch.“
Auf dem Hof stand aber nur ein Pup mit Dünger. Den sattelte ich schon mal auf, während ein Traktor der Genossenschaft mit dem zweiten Pup und Dolly von der Konservenfabrik kam. Nun musste ich den zweiten noch ankuppeln und das komische Gespann war fertig. Ich sammelte die Papiere ein, am Tor noch Marius und war auf dem Weg zur Interstate.

Nach einiger Zeit passierten wir die Reste eines spektakulär aussehenden Unfalls. „Wie zum Henker kriegt man das hin?“ „Eine der einfachsten Sachen der Welt. Blinker setzen und rüber. Wenn es knirscht, sich erinnern, dass man einen Außenspiegel auf der Seite hat. Mit genug Geschwindigkeitsunterschied, weil einer bremst und der andere nicht, kommt so ein Dosenöffner dabei raus. Ich frage mich nur gerade, wo der zweite dazu ist und ob er von Swift oder Schneider war.“

„Swift oder Schneider?“ „Zwei Speditionen, die sich in schlechter Bezahlung und Ausbildung der Fahrer unterbieten. Ich meine, schon Costco bezahlt nicht grandios, bin selber für die gefahren. Aber die haben doch erkannt, dass man mit ein paar Extraschulungen und einer Handvoll Cent mehr je Meile billiger davon kommt als dauernd Trucks auszubeulen. Swift und Schneider stellen die meisten Helden auf Youtube, wobei es für mich immer so aussieht, als hätten sich bei Swift die Fahrer drauf spezialisiert, ihre Trucks kieloben in den Graben zu legen und Schneider National darauf, unter niedrigen Brücken stecken zu bleiben. Fairerweise muss man sagen, dass sie aber auch zu den größten Flottenbetreibern zählen, also nicht nur bevorzugt Fahranfänger beschäftigen sondern auch noch sehr viele davon auf einmal.“
„Okay. Wie lange fährst Du jetzt eigentlich schon Truck?“ „Seit über 4 Jahren. Und somit seit ungefähr einer halben Million Meilen oder 800,000 Kilometern in Deiner Rechnung unfallfrei, sogar als mir der Motor an meinem ersten eigenen Truck hochgegangen ist, bin ich auf der Straße geblieben und weder Zugmaschine noch Trailer hatten einen Kratzer. Lediglich Auto habe ich in der Zeit eins eingebüßt, aber nur weil mir ein Kleinhirn die Vorfahrt genommen hat.“ Über die Zeit davor wollte ich sowieso nicht sprechen.

Der weitere Verlauf war unspektakulär, zumal ich die I-70 schon öfter gefahren war. Marius bekam immerhin wieder etwas Landschaft zu sehen und kurz vor 6 PM erreichten wir Illinois. Ich musste dann am Love’s Travel Stop in Greenville tanken.
„Muss ich bei dem Namen und Herzchenlogo aus Sicherheitsgründen auf einer eigenen Dusche bestehen?“ „Nein, der Gründer hieß mit Nachnamen nun mal Love und die Herzchen waren wohl der Marketingabteilung einfach nur nahe liegend. Illinois ist auch liberal. Von mir aus können wir den Duschgutschein wieder gemeinsam verbrauchen.“
Dass Fastfood in diesem Land die billigste Art war, satt zu werden, hatte ich gemerkt, als ich selbst sparsam das Land durchqueren musste. Also blieben wir, um Marius Reisekasse zu schonen, auf dem Truck Stop, wo wir zwischen Subway und Chester’s wählen konnten. Marius holte sich ein Sandwich. Weil ich Subway nicht als Hauptmahlzeit mochte, wich ich auf den KFC-Konkurrenten Chester’s aus.


Donnerstag, 13.09.2018

Dank Restzeit von gestern konnte ich etwas früher los. Der Regen, der gestern pünktlich zu Feierabend eingesetzt hatte, zog nun langsam ab. Wobei es noch stundenlang, nachdem die Sonne durchgekommen war, vorkam, dass gleichzeitig die Sonne schien und aus irgendeiner Wolke doch noch ein paar Tropfen fielen, so auch gegen 8:30 AM an der Grenze nach Indiana.

Dank perfektem Timing passierten wir gegen 12:00 PM Indianapolis weit außerhalb jeglichen Pendlerverkehrs. Die Mittagspause fand auf dem Pilot Travel Center Greenfield statt. Hier griffen wir mal wieder auf die Vorräte im Truck zurück.
Danach ging es noch weiter, es mussten heute noch zwei Grenzen dran glauben. Ziemlich bald nach der Rast fiel Ohio. Später am Nachmittag dann erreichten wir meinen Heimatstaat. „Pennsylvania, Pennsylvania, may your future be filled with Honor everlasting as you history!“
„Was war das jetzt?” „Die Hymne von Pennsylvania, zumindest ihr Refrain.”

„Cool. Singst Du die immer, wenn Du über die Grenze fährst?“ „Nur wenn mir danach ist. Willst Du die komplette hören?“ „Gerne. So wird wenigstens ein Bisschen Bildungsreise daraus.“ Also sang ich ihm einmal die komplette Hymne runter.

Dabei fiel mir auf, dass ich die Hymne von Kalifornien nicht mal mehr zusammenbekommen würde, obwohl ich sie schulisch bedingt einige Jahre länger singen musste und die von Pennsylvania nie wirklich lernen musste. Die kalifornische war mir aber sowieso im direkten Vergleich zu getragen und nachdenklich. Dann lieber zu Lebzeiten stolz auf die Wiege der Unabhängigkeit sein, als am Ende meines Lebens in schönen Hügeln zur Ruhe gebettet.

Und dann gab es noch einen Stau. Auf einem Schrottplatz in den hier ebenfalls schönen Hügeln zur ewigen Ruhe gebettet wurde dafür ein Acura TSX, dem ein Ford Pickup aufs heftigste ins Heck gerauscht war. Warum sich die Feuerwehr genötigt sah, die kläglichen Überreste der rechten Hintertür aus dem Rahmen zu stemmen wollten wir gar nicht mehr wissen.

Um 6 PM war aber wie geplant am Pilot Flying J Breezewood Schluss. Heute gab es nicht unbedingt einen Grund für eine Dusche und würde es auch keinen mehr geben. Zwar stand ein paar hundert Yards die Straße hoch ein verlassenes Haus, aber die US-30 hatte hier keinen Bürgersteig und ging durch einen Einschnitt. Die Wahrscheinlichkeit, das Haus zu erreichen war geringer als bei einem Kollegen als Kühlerfigur zu enden. Aber wir mieteten uns dafür eine Waschmaschine und sorgten mal für Nachschub an sauberer Kleidung.


Freitag, 14.09.2018

Gegen 7 AM startete ich zur letzten Etappe, von hier waren es noch knapp 4 Stunden bis Philadelphia, nicht die längste Zeit, die ich heute am Steuer verbringen würde. Und tatsächlich, gegen 11 AM waren wir bei Dole im Süden von Philadelphia. Ich sattelte ab, gab die Papiere ab und fuhr zu meiner bescheidenen Halle. Dort ließ ich erst mal den Truck draußen stehen, weil ich den Platz drinnen zum Rangieren brauchte. Marius kam mit rein, sein Blick fiel auf den Anhänger und seine Ladung. „Nein! Auf keinen Fall! Sag mir, dass das Wochenende nichts zu tun hat mit diesem orangenen… Ding!“ „Doch, das Wochenende dreht sich ausschließlich um dieses orangene Ding!“
Nachdem ich den Camper auf den Silverado gesetzt hatte, die Anhängerkupplungsverlängerung montiert und den Autotransporter angekuppelt hatte, fuhr ich das Gespann aus der Garage und den Truck rein. Marius war sehr einsilbig geworden. Ich genoss meinen Triumph schon jetzt.

Auch diese Woche durfte die Statistik nicht fehlen:

WEEK DRIVE: 52:59 HRS
WEEK WORK: 55:18 HRS
WEEK START: SU:11:53 AM
WEEK END: FR:11:38 AM
WEEK FRAME: 4D:23H:45M
WEEK MILES: 3.107
REVENUE MILES: 3.020
PERFORMANCE: 97.2%
WEEK PAYLOAD: 60.778
SH TON MILES: 43.423
WEEK FUEL ECO: 5.9 MPG
WEEK AVG SPEED: 58.6 MPH

Warum auch immer der Verbrauch so schlecht war. Die hohe Effektivität hatte ich mit relativ geringer Bezahlung des Fremdauftrags für Dole erkauft. Als Double ging es noch über den Endorsement Bonus, aber mit CAT hätte ich mehr verdient. Ich machte den Pete aus und wir stiegen in den Silverado.

Nun stand erst einmal ein kleiner Einkauf im Bala Cynwyd Shopping Center auf der Agenda, den Kühlschrank auffüllen. Immerhin blieb Marius tapfer bei mir. Ich hatte damit gerechnet, dass er doch noch auskneift, wie auch immer er das dann seinen Fans beibringen wollte. Aber so verbrachte er die I-76 zurück bis Harrisburg und dann die I-81 und ein paar Meilen I-64 und VA-92 noch mal fünfeinhalb Stunden als mein Beifahrer. In Neola (VA) auf einigen Wiesen und Weiden war dann das Fahrerlager eingerichtet. Ich fuhr auf unseren Stellplatz, fuhr die Beine vom Camper aus, aber ohne ihn vom Pickup zu lösen und schloss Strom und Wasser an.

Danach gab es endlich mal richtiges, selbstgekochtes Essen, aus Zeitgründen nur Nudeln mit Bolognese-Soße.

Samstag, 15.09.2018

Erst einmal mussten wir Marius einkleiden. Dazu griff dann ich in die Tasche für die Leihgebühr von „feuerfester“ Unterwäsche, einem Rennfahrer-Overall, einem Helm, HANS-System und einem Interkomm-System. HANS, ausgeschrieben „Head and Neck Support“ war eine Vorrichtung, die bei einem schweren Unfall Genickbrüche durch das Umherschleudern des Kopfes verhindern sollte. Heute gab es drei Sichtungsfahrten auf der 6.6 Meilen langen Strecke und das Qualifying. Morgen durfte man nur dann starten, wenn man maximal 10% langsamer gefahren war als der schnellste seiner Klasse.

Da ich weder die Strecke noch das Verhalten meines zwar sehr gut beherrschbaren, aber immer noch recht neuen Autos darauf kannte, machte ich die beiden ersten Sichtungsfahrten natürlich alleine. Die Strecke war schmal und nicht überall in gutem Zustand. Ich fand aber zwei Stellen, die ich gleich brauchen würde. Während der Wartezeiten für den nächsten Lauf sah ich mir immer und immer wieder einen Abschnitt eines Videos von Marius an, wo er sich richtig in Rage geredet hatte über Leute, die meinten, ihm sagen zu müssen, dass zu gefährlich war, was er in seinen Videos zeigte.

Und dann war zur dritten Sichtungsfahrt Marius großer Moment gekommen. Er setzte sich auf den Beifahrersitz und schaltete seinen Livestream an. Auch das Text-to-speech-Ei war an. „Das kannst Du gleich ausmachen. Wenn der Motor erst mal läuft und den Turbolader antreibt, ist das einzige, was Du außerdem noch hörst, meine Stimme im Interkomm.“ „Und die Zuschauer?“ „Die hören uns auch auf dem Interkomm, denn das hat eine Line-Out-Buchse, die Du in Dein System einschleifen kannst.“ Also verkabelte er seine Kamera mit unserem Gegensprechsystem als externem Mikrofon und testete es aus.
„So Leute. Ich hasse mich jetzt schon. Wie Ihr seht, sitze ich in einem Rennwagen, wir sind bei einem Bergrennen.“ So lange das Ei noch zu hören war, bekamen wir auch die Kommentare mit. Ich musste aufpassen, dass ich nicht lachte und mich bei ein paar Insiderwitzen, die man nur kennen konnte, wenn man seinen Kanal kannte, als Abonnent verriet.
„Sorry, ich muss Dir jetzt mal in den Schritt greifen. Keine Ahnung, was der Vorbesitzer des Wagens für einen Dicken Bruder gehabt hat, aber den Beifahrersitz habe ich bisher nicht gebraucht und der Mittelgurt ist für Dich mal 3 Inch zu weit vorne.“ Weil auch regelmäßige sexuelle Anspielungen mit seinem Kumpel zu den Running Gags gehörten, glühte das Ei wieder, ob der denn nicht eifersüchtig würde. Allerdings betonten Marius und der auch regelmäßig, dass das eh nur Scherze waren und nach dem Wehrdienst wollte sein Kumpel sowieso zu seiner Freundin ins Ausland ziehen. Wenigstens Schmerzensgeld für die folgenden knapp 6 Minuten Folter kassierte er aber gerade über Text-to-speech.
Schließlich war Marius verzurrt und er kommentierte seine missliche Lage: „So, ich bin jetzt fest mit diesem Auto verbunden, kann außer meinen Füßen und meinen Armen kaum was bewegen, den Kopf nur noch etwas zur Seite drehen. Das werden auf jeden Fall mal die längsten sechs Minuten meines Lebens. Wenigstens sind wir alleine auf der Strecke bei einem Bergrennen und können mit niemandem zusammenstoßen hat mir Malik erklärt.“ Ich fuhr zur Startlinie.

Es lief immer ein Countdown runter, seit das letzte Auto gestartet war. Bei null trat ich das Gas durch und beschleunigte. Die 227 vom Turbolader zwangsbeatmeten Pferde brüllten auf. Typisch Rennwagen mischten sich die Sportauspuffanlage, das Pfeifen des Turboladers und das Kreischen des Getriebes zu einem infernalischen Lärm. Schon der unerwartet kräftige Schub nach vorne wurde von Marius mit einem erschrockenen „Waaah!“ quittiert. Gelegentliche, verzweifelte Geräusche zeigten mir, dass er sich nicht so ganz wohl in seiner Haut fühlte. Er hatte nur dann keine Angst vor gefährlichen Situationen, wenn er sie kontrollieren konnte. Und weder war er ein routinierter Autofahrer um die Lage einschätzen zu können noch war ein Beifahrersitz ein Ort, von dem aus man Kontrolle auf etwas ausüben konnte.
Einerseits hatte er meinen vollen Respekt dafür, dass er nicht gekniffen hatte und mir taten meine Rachegelüste schon etwas Leid. Andererseits hatte er mich auch, dazu noch unberechtigt, bloßgestellt.
Nach für Marius schon einer ziemlich nervenaufreibenden Hälfte der Strecke kam dann die Kurve, die ich mir ausgesucht hatte, um ihm so richtig zu quälen. Anstatt saubere Linie zu fahren, ging ich schon beim Anlenken in einen dermaßen steilen Drift, dass ich für die kontrollierte Kurve schon ziemlich weit in seine Richtung gucken musste.

„F**K! WILLST DU UNS UMBRINGEN? Mach so was, wenn Du alleine fährst, aber bring mich gefälligst sicher oben an!“ Das war so ungefähr das, worauf ich gewartete hatte. Sofort folgte aber eine längere Strecke mit nur leichten Kurven, die nicht viel Konzentration erforderten und auf der ich meinen größtenteils aus seinem Video auswendig gelernten Text abspulte.

„Der Einstieg in eine Strecke ist immer schwierig, bis ich die Streckenführung verinnerlicht habe. Ab dem zweiten, dritten Durchlauf ist es ziemlich einfach. Ich wiederhole immer die gleichen Abläufe. Wiederholung ist das gleiche wie eine Routine und Routine ist das beste Sicherheitskonzept in unserer Gesellschaft.“ „Oh Nein!“ Das klang weinerlich. Schon erkannt, wo ich das her hatte?
„Wenn Du meinen Fahrstil kritisiert, dann kritisierst Du die Ausführung, die Kurventechnik direkt, basierend auf negativen Folgen, die Du zu erkennen glaubst!“ „Das ist mein Text! Mein Video! Woher zur Hölle kennst Du das?“
„Mein Fahrstil basiert auf dem gleichen Modell von Wiederholung und Routine, der Du jeden Tag vertraust und folgst, um zu überleben! Wenn Du also meinen Fahrstil oder jede andere meiner Aktivitäten kritisierst, mit der Begründung sie wären nicht sicher, dann kritisierst Du Dein eigenes Sicherheitskonzept, dem Du folgst und vertraust. Also widersprichst Du Dir selbst, indem Du behauptest, dass Wiederholung und Routine nicht die sicherste Art zu leben sind, nicht die Art zu leben sind, die Du vorziehen würdest!“
„Verdammt! JA!!! Hör auf und fahr! Ich weiß was als nächstes kommt!“
„Ohne also eine sicherere Ausführung meiner Kurventechnik nach Deiner Kritik vorzuschlagen, zeigst Du, dass es Dir nicht darum geht, zu kritisieren sondern zu verteidigen – Deine Vorstellung von Sicherheit zu verteidigen! Weil Du Dir eben nicht sicher bist! Und Deine Kritik an meinen Aktivitäten, ohne negative Folgen zu spüren, zeigt Angst und Unsicherheit aus Deiner Perspektive, bedeuten aber nur, dass Du daran zweifelst, dass sicher ist, was Du selbst machst und versuchst das zu kompensieren, indem Du versuchst zu argumentieren, dass unsicher ist, was ich mache!“
Vom Beifahrersitz kam nichts mehr, bis ich über die Ziellinie schoss und danach noch mal zeigte, was die Bremsen konnten.
„Glückwunsch, Du hast immerhin nicht in den Helm gekotzt.“ Während wir durch das hier sehr kleine Berglager zu einem Stellplatz rollten, riskierte ich einen Blick rüber. Marius schaute mich aus großen Augen an: „Ich komme wegen der Halskrause nicht dran. Kannst Du bitte die GoPro ausmachen? Leute, ich melde mich! Wer meinen Kanal kennt, weiß eh warum ich gerade so durch den Wind bin. Der Rest muss halt das passende Video raussuchen oder geht einfach nur Maliks Text von eben durch und ersetzt jedes Mal Fahrstil oder Kurventechnik mit Klettern und stellt sich meine Stimme dazu vor.“ Ich griff rüber an seinen Helm und drückte die Stopptaste an der GoPro.

„Wie lange dauert es, bis Du wieder hier oben bist?“ „Ich bin wieder ziemlich zum Schluss dran, dank der Ringstraße haben wir hier wenigstens keine Rückführungsfahrten. Ich denke in zweieinhalb Stunden. Warum?“ „Weil ich nachdenken will und das hier oben im Wald besser kann als unten.“ „Dann sei auf jeden Fall in zwei Stunden wieder hier. Lass den Helm da.“ „Okay, meine Ausrüstung kannst Du in den Camper tun.“

Er stieg aus und ging mit weichen Knien auf den Wald zu. Ich fuhr runter, räumte seine Sachen aus dem Auto und wartete auf meinen Start. Nach einiger Zeit kam sein Stream von vorhin automatisch auf Youtube für Abonnenten online. Ich hatte nur die Hälfte seiner panischen Geräusche mitbekommen und aus seiner Sicht konnte man auch sehen, wie er manchmal zusammenzuckte, wenn ich eine Kurve für mich normal, für ihn natürlich viel zu spät anbremste.
Schon da kamen im Chatverlauf Kommentare in Richtung „Na, der Typ scheint ja doch ziemlich tough zu sein. Im Auto jedenfalls ist er der mutige.“ Oder auch bewundernde Kommentare wie „Alter, will der eigentlich gar nicht bremsen?“ „Brauchen Rennfahrer für ihr Auto eigentlich einen Führerschein oder einen Waffenschein?“ Viele spotteten aber nun so über Marius, wie sie es vorher über mich getan hatten, gerne die gleichen. Und irgendwie fühlte ich mich nun gar nicht mehr so toll wie noch am Ziel. Eigentlich hatte ich mich noch bescheuerter benommen als Marius. Er war in seinem Tunnel auf dem Silo, hatte nur an sein tolles Erlebnis gedacht und war von seinen Followern vor sich her getrieben worden.
Ich hatte das eben dann nur aus einem Grund gemacht. Ich wollte ihn vor den gleichen Leuten bloßstellen. Und wenn ich ehrlich war – noch am Start oder auf der Strecke hätte ich mich wahrscheinlich diebisch gefreut, wenn er sich in den Helm übergeben oder die Hosen vollgemacht hätte. Aber als ich dann vorhin die traurige Gestalt neben mir sitzen sah, zu der ich als Explorer und Freerunner immer noch aufschaute, merkte ich, dass ich mir mein eigenes Idol zerstört hatte, den Menschen dahinter blamiert hatte – alles für 6 Minuten eines sehr niederen menschlichen Gefühls: Rache.

Schließlich wurde mein Startblock aufgerufen. Also fuhr ich zum Start vor und wartete auf meinen Qualifikationslauf. Jetzt war Marius egal, sobald ich die grüne Ampel bekam, war ich auch in einem Tunnel und blendete meine Gedanken über alles andere aus. Zumindest dachte ich das, aber war gescheitert. Im Ziel war ich 81. von insgesamt 96 Startern im Qualifying. Das würde nicht mal reichen, da morgen nur 80 Plätze vergeben wurden. Einzige Hoffnung war, dass ein Fahrzeug gerade noch technisch untersucht wurde, offensichtlich war da was gefunden worden. Nach mir kamen noch vier andere, davon drei in meiner Klasse, also hieß es auch noch um den Start zittern, sollte es eine Disqualifikation geben. Mit 8.7 % Breakout Time und eher schwachen Konkurrenten bei diesen dreien dürfte ich aber theoretisch antreten, so lange keiner schneller fuhr als ich.
Marius hatte ich am Berg wieder eingesammelt. Er stand nun, nachdem ich erklärt hatte, in welcher Lage ich mich befand, schweigend neben mir und fieberte mit mir. Nicht nur bei mir hatte sich was verändert, auch er schien irgendwelche positiven Schlüsse bei seiner Meditation im Wald gezogen zu haben.
Endlich kam eine Durchsage: „Nummer 58, Edward Cory, wird aufgrund einer irregulären Leistungssteigerung disqualifiziert. Nachrücken auf den 80. Startplatz wird damit aus der Sport Racing Klasse die Nummer 71, Brandon Ridley, auf seinem Nissan 200 SX.“ Marius und ich fielen uns jubelnd um den Hals und machten sofort danach beide einen überraschten Schritt zurück.

Nun durften wir also den Rest des Abends tun was wir wollten. Und als erstes wollten wir essen. Ich hatte die Zutaten für Schnitz en knepp, ein ursprünglich deutsch-niederländisches Essen, typisch für Pennsylvania, eingekauft. Weil ein Braten für zwei zu groß war, bereitete ich es mit Schnitzeln zu. Dazu gab es eine Apfelsoße (Schnitz stammt von „Schnitze“ für die ursprünglich zur Lagerung getrockneten und in der Soße wieder aufgekochten Apfelspalten) und Spätzle (knepp, von den deutschen „Knöpfle“, als sehr kleine Spätzle).

Nach dem Essen saßen wir dann im Camper am Tisch. Marius hatte wohl inzwischen auch erkannt, was gelaufen war. „Du hast auf dem Silo am Mittwochmorgen nicht Musik gehört, sondern meinen Stream geschaut?“ „Ja.“ „Es tut mir leid, was ich da oben gesagt habe.“ „Tut es Dir leid, weil Du erkennst, dass Du im Unrecht warst oder tut es Dir leid, weil es Dir leid tun muss?“ „Nein, weil ich eigentlich schon dort durch Kommentare anderer Amerikaner gemerkt habe, dass ich Dir Unrecht getan habe und Du nicht wolltest, dass man uns da oben entdeckt und uns den Weg abschneidet und verhaftet, bevor wir unten sind. Ich wollte mich dann hinterher bei Dir entschuldigen, aber Du musstest mich ja auf dem Weg runter schon in die Enge treiben und mir blieb nur ein Ausweg.“
„Und genau das war falsch von mir. Ich hätte Dich nicht zwingen dürfen, etwas zu machen, wovon ich schon ungefähr wusste, dass Du Angst davor hast.“ „Ich hätte doch ablehnen können.“ „Hast Du aber nicht und ich wusste, dass Du es gar nicht kannst mit Deinen Followern live dabei. Von denen übrigens diejenigen, die am meisten über mich gelästert haben, das heute auch bei Dir gemacht haben.“ „Interessant.“ Auch er sah sich jetzt mal beide Streams noch mal an.
„Du filmst ja auch. Wo ist denn Dein Kanal?“ „Streetclimber Malik“, aber da sind auch andere Sachen drauf. Inliner und so. Und von dieser Woche noch gar nichts.“ Er sah sich einige meiner Videos an. Besonders beim Langwellensender Annapolis staunte er. „Wow! Ich meine, ich habe das auch schon gemacht. Aber ich kenne viele, die bei so einem Turm kalte Füße kriegen. Du bist echt gut. Und Du machst das jetzt echt erst seit anderthalb Jahren?“ „Ja.“ „Krass!“

Nachdem wir geduscht hatten, lagen wir nebeneinander im Doppelbett, das über der Pickup-Kabine im Alkoven untergebracht war. Irgendwann hörte ich ein leises Schluchzen. „Was ist?“ „Ich verbaue mir alle Freundschaften in meinem Leben.“ „Wie meinst Du das?“ „Du kennst meinen Kumpel in Kaunas ja aus den Videos. Und die Anspielungen.“ „Natürlich.“ „Und für mich sind das keine Anspielungen. Jetzt, wo es zu spät ist und er wegzieht, weiß ich, was ich schon immer für ihn empfunden habe.“
„Aber Du hast Dich doch in den Videos selbst als asexuell bezeichnet, wenn wir Euch ja schon quasi nach den Anspielungen verkuppeln wollten.“ „Bin ich aber nicht. Das war ein Drittel Angst vor meinen Followern wenn aus Scherz Ernst wird, ein Drittel Angst vor seiner Antwort dass er nichts für mich empfinden könnte und ein Drittel Angst vor meiner eigenen Festlegung.“ „Und jetzt zieht er doch zu seiner Freundin.“ „Das eine verhindert bei ihm das andere nicht. Der ist genauso Bi wie ich und hatte im Gegensatz zu mir auch genug Mumm, das unter Freunden zu sagen.“ „Noch ist es ja nicht zu spät. Wenn Du fühlst, dass Dir das wichtig ist, dann sag es ihm.“

Er grübelte eine Weile, dann sprach er mich wieder an: „Brandon, Bist Du noch wach?“ „Ja.“ „Warum hast Du nicht von Anfang an gesagt, dass Du mich kennst?“ „Keine Ahnung. Vielleicht wollte ich meine Zeit mit dem Menschen verbringen und nicht mit dem Youtuber.“ „Na den Menschen habe ich ja selbst hinter dem Youtuber versteckt. Sei bitte ehrlich. So bescheuert wie ich mich benommen habe, bist Du doch froh, wenn Du mich am Dienstag wieder los bist, oder?“ „Nein. Du warst die meiste Zeit Mensch. Und ein sehr netter dazu. Und für die bescheuerten 20 Minuten von Dir habe ich mich ja heute im Zeitraffer 6 Minuten lang revanchiert. Da haben wir uns glaube ich beide nichts vorzuwerfen. Und gegenseitig entschuldigt haben wir uns schon. Von meiner Seite tragen wir uns nichts nach.“
„Ich hätte geglaubt, dass Du mich hassen würdest, nachdem Du mitbekommen hast, wie ich über Dich abgezogen habe. Deshalb doch auch die Aktion heute von Dir.“ „
Nein. Das war Rache. Auch keine anständige Emotion aber noch lange kein Hass. Mein Vater hat mir beigebracht, was es bedeutet, gehasst zu werden.“ „Ich hätte gerne einen Vater gehabt.“ „Und ich gerne drauf verzichtet.“ Er erzählte, wie er bei seiner überforderten, alleinerziehenden Mutter aufgewachsen war, er einen Großteil der Überforderung selbst verursacht hatte. Und ich erzählte vom Albtraum im goldenen Käfig.

Wir wurden durch unsere emotionalen Erzählungen immer vertrauter miteinander, begannen zu verstehen, warum wir so geworden waren, wie wir heute sind. Und ich musste gestehen, dass ich mich noch nie so tief selbst reflektiert hatte wie heute.
Und bei so viel gegenseitiger Vertrautheit passierte es. Ich hatte keine Ahnung, ob das unser nächster Fehler war. Mich würde es nicht aus der Bahn werfen, hatte ich doch eine gewisse Routine mit One Night Stands aus dem halben Jahr in München und der „wilden“ Zeit in Philadelphia vor Javier. Aber wie würde Marius mit dieser für ihn komplett neuen Erfahrung klar kommen? Wir schliefen still und Arm in Arm beide nach einiger Zeit ein.

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