Kapitel 52 – Schleudergefahr

Diese Woche…
…leert Ricky einen Briefkasten…
…Ilarion muss sich ausweisen…
…und Timo soll noch mal an was schönes denken!

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Montag, 13.04.2015

Ich bekam einen Trailer voll mit Diesel und sollte damit nach Bologna. Eine schöne Strecke, bequem in knapp unter 9 Stunden zu schaffen.
Das Wetter war am Montag nicht mehr ganz so schön wie am Wochenende. Aber es blieb trocken, trotz der Wolken. Gegen 8 Uhr rollte ich gemütlich gegen den Pendlerstrom aus Bari in Richtung Autobahn. Die gemütliche Stimmung wurde eigentlich nur durch einen Piepser gestört, als die Reserveleuchte anging.

Also durfte ich am ersten Rastplatz gleich wieder raus und tanken. Dennoch kam ich mit der ersten Fahrzeit bis Pescara. Als ich am Stadtrand vorbei fuhr, dachte ich an Dario und Sebastiano. Wohin sie wohl schon wieder unterwegs waren?

Einzig nennenswertes Hindernis auf dem weiteren Weg nach Bologna war der berühmt-berüchtigte Anstieg hinter Ancona. Während ich ihn mit 80 in Angriff nahm und nur einen Gang runter ging, schoss ein DAF mit Stahlrohren an mir vorbei, als hätte er seinen Begrenzer überbrückt, um so viel Anlauf zu nehmen.

Und schließlich ging es nach Bologna rein. In der Stadt wurde ich meinen Trailer los und suchte mir eine stille und sicher wirkende Ecke im Gewerbegebiet.


Dienstag, 14.04.2015

Schon um 06:30 Uhr ging es nach Frühstück aus der Dose mit dem selbst gemischte Müsli los, solo durch Norditalien. Um rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, musste Judith in die Trickkiste greifen. Das hieß, ich durfte mal wieder die gemütliche Welt der Chemielogistik verlassen und eine Lebensmittel-Rallye veranstalten. Dann war ich zwar einen Tag zu früh zu Hause, aber dann eben noch Nahverkehr. Anders wäre es gar nicht mehr gegangen.

Bei der neuen Logistikfirma TSM in Padova wartete ein Trailer mit Milchpulver auf mich. Ein Nachteil unserer neuen Lackierung fiel mir dann auf, als der Trailer dran war. Wenn man eine Subunternehmer-Lackierung hatte, sah es bisweilen blöd aus, wenn man einen Trailer einer anderen Firma aufsatteln musste.

Auch um halb 9 war es noch schwierig, Padova zu verlassen. Der von der Autobahn ständig nachfließende Verkehr nagelte mich am Stoppschild fest. Irgendwann erinnerte ich mich an Julians Lebensmotto „Wenn man weder Vorfahrt hat noch sie geschenkt bekommt, dann muss man sie sich nehmen“ und zog bei einer gerade so ausreichenden Lücke raus, um dem Autofahrer zu zeigen, dass ich es ernst meinte. Er quittierte es mit italienisch temperamentvollem Gehupe.
Bei heute wieder sonnigem Wetter ging es weiter durch Norditalien über die Landstraße bei Bruneck in Richtung Brenner. Die Mittagspause war auf eine Mautstation am Ende der A27 gefallen.

Ganz zu Ende war der Tag erst nach einer Gesamtlenkzeit von 10 Stunden in Deutschland, auf der Rastanlage Inntal direkt hinter der österreichischen Grenze.


Mittwoch, 15.04.2015

Der Tag konnte nur das werden, was er von hier aus werden musste – eine Hetzerei. Bereits um halb drei nachts fuhr ich los, zum Frühstück war ich vor Würzburg auf dem Rasthof Haidt. Die Zeit saß mir einigermaßen im Nacken. Nicht die Streckenfahrzeit, die war mit 3 Stunden Reserve in Ordnung. Aber ich musste wohl den Truck in Düsseldorf stehen lassen. Nach Hause kam ich so nicht mehr. Und noch mal 11 Stunden Pause vorm Abliefern war dann eben doch zu spät.

Dank der Abfahrt mitten in der Nacht stand mein Truck dann auch gegen 2 Uhr mittags in einem Gewerbegebiet in Mörsenbroich am Straßenrand und ich saß in der S6 Richtung Essen.

Obwohl heute noch einige Fahrer erwartet wurden, war ich der erste zu Hause. Also ging ich mit dem „Hausmeisterschlüssel“ genannten, großen Gebäudeschlüsselbund noch mal runter und an den Briefkasten.

Dort glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Ein Brief an Timo, verräterisches Format DIN A4 und im Adressfenster blitzte auf dem Briefbogen durch: „Transport Schütz, Am Hochofen 51, 41460 Neuss“. Wie konnte Patrick nur so blöd sein und an diese Adresse einen Brief auf Firmenbriefkopf an einen meiner Angestellten schreiben? Und dann auch noch mit vermutlich einem Arbeitsvertrag. Die zwei hatten vor ein paar Wochen ein Wochenende zusammen herumgehangen, das kam jetzt dabei raus?
Ich rief Julian an, der heute nicht ankommen würde. Er ließ mir freie Hand, wenn Timo einverstanden war, nur einem von uns gegenüber zu sitzen.

Timo selbst kam knapp eine Stunde nach mir in die Wohnung. Er war natürlich überrascht, zumal es in der Halle keine Hinweise gegeben hatte, dass ich zu Hause wäre.
„Tu es nicht, wenn es das ist, was ich denke!“ Ich ließ den Umschlag vor ihm auf den Tisch klatschen. „Äh, was?“ Dann sah er das Adressfenster und wurde blass. „Sollen wir uns mal unterhalten? Auch wenn Julian nicht da ist?“ „Ja, ich bin gleich wieder da.“

Nach nicht ganz 5 Minuten und dem Geruch nach einer Zigarette vor der Tür schien sich sein Kreislauf wieder so weit stabilisiert zu haben, dass er sich der Ansprache stellte. „Also, ist es das, wonach es aussieht?“ „Wenn Du einen Arbeitsvertrag meinst, dann ja.“ „Und warum willst Du hier weg?“
„Wollte ich erst gar nicht. Alles hat angefangen, als Patrick mich auf der Tour getroffen hat.“
„Und mit Dir ein kleines Wettrennen runter in die norddeutsche Tiefebene veranstaltet hat, das Du mit über 100 km/h wohl souverän gewonnen haben dürftest.“ „Nicht souverän aber ja. Das war vielleicht blöd von mir. Aber dann hat er mich gefragt, ob ich bei ihm anfangen will.“
Das sah Patrick ähnlich. Job anbieten, weil jemand zu schnell fährt. Er hatte schon komische Kriterien. Aber ich hatte ja auch mal wieder von 22 Tonnen Milchpulver gezeigt bekommen, warum er so scharf auf diesen Menschenschlag war.

„Und Du wolltest?“ „Nein. Erst nicht. Aber Du wurdest so komisch danach. Deine Bemerkungen, als Patrick mich abgeholt hat. Du stellst einen neuen Fahrer ein, ohne dass wir einen Truck für den hätten, seit Marlon angekündigt hat, den Premium im Nahverkehr fahren zu wollen. Dann das Telefongespräch vor anderthalb Wochen morgens im Büro. Und jetzt ist am Freitag die ganze Truppe einbestellt. Irgendwann habe ich vor Deiner Heimlichtuerei Angst bekommen, bin auf sein Angebot eingegangen und habe um den Vertrag gebeten.“

Ja, das war vielleicht ein Bisschen dumm von mir. „Okay, das ist unsere Lektion. In Großbritannien heißt das Personalwesen „Human Resources“, also „Menschliches Firmenkapital“. Und mit Firmenkapital spielt man nicht. Wir haben eine Menge Zeit und Geld in Deine Ausbildung gesteckt und wollen, dass Du hier bleibst. Du weißt doch, dass Du immer mit uns reden kannst, wenn Dir was Sorgen bereitet. Mit Julian und mir, mit nur einem von uns, wenn es der andere nicht mitkriegen soll – und wenn Du mit keinem von uns beiden reden willst, auch mit Marlon.
Aber noch hast Du ja wohl nichts unterschrieben, oder? Flüchtest Du nur vor Deiner unbegründeten Angst oder ist das Angebot besser?“
„Auf jeden Fall nicht schlecht. Ich lese mal, was es am Ende geworden ist.“

Er machte den Brief auf und studierte die Bedingungen. „Finanziell auf jeden Fall besser.“ „Denk dran, dass Du den geldwerten Vorteil der nicht gezahlten Miete gegen rechnen musst, den Du hier für das gestellte WG-Zimmer im Firmengebäude hast. Aber wem sage ich das?“ „Na da würde ich dann mit einem Kumpel in Köln in eine WG einziehen. Das kommt sich ungefähr gleich. Und eine Ablösesumme gibt es auch, die ist neu.“

Na toll. Waren wir hier beim Fußball oder was? „Wenn Dich Geld glücklich macht, dann kann ich Dich nicht halten. Deine Bezahlung hier ist nicht schlecht und das weißt Du. Mehr können und wollen wir nicht geben. Und erst recht keine Halteprämie.“ Ich war nun angefressen, dass Timo sich als Söldner erwies.

„Na ja. Es ist nicht nur das. Kein Gefahrgut…“
„Den Spruch kann sich jemand, der sich seinen Traumberuf auf der alten Trasse der North Yungas Road ausgesucht hat, auch sparen!“ Das war doch Patricks Propaganda pur.
„Neuer Truck, aktuelles Baujahr.“
„Was denn?“ „Ein Actros.“ „Ist Dein TGX plötzlich so schlecht?“ „Na ja. Besonders die Multimedia-Ausstattung ist nicht so prall. Nicht mal ein Anschluss für einen USB-Stick.“ Ja, wie war das mit dem kleinen Finger und der ganzen Hand?

„Und wie schaut es mit den Zeiten aus? Immerhin haben wir Dir auf Dein Bitten beziehungsfreundliche Dispo eingerichtet. Oder wohnt Deine Freundin im Raum Düsseldorf und Du kommst zeitlich ähnlich gut weg?“ Er schluckte seine erste, spontane Antwort runter. Aber so wie er zusammensackte, war das aus irgendeinem Grund ein wunder Punkt. „Nein, in Essen.“

„Patrick hat von ruhigem Linienverkehr gesprochen.“
„Darf ich die Linien mal sehen?“ „Nein, den Vertrag zeige ich Dir nicht im Detail. Aber es ist ein monatlicher Umlauf. Erste Woche Montagmittag von Neuss nach Rendsburg, Kolding, Malmö, Langenhagen, Zevenaar, Neuss. Von Mittwochmittag bis Donnerstagabend frei, dann zwei Nächte im Dreieck Neuss, Willebroek, Waddinxveen, Neuss. Eine Woche bis Donnerstag nationaler Fernverkehr auf Dispo…“ „Grüß mir die Zimmermann.“ Die spontane Nadel schien einen kleinen Wirkungstreffer gelandet zu haben.
„Ha! Ha! Dritte Woche wie die erste und die vierte Nachtschicht Frankfurt und zurück.“
Na da hatte aber jemand schlecht gerechnet. „Und das soll besser sein als hier? Du hast unter der Woche jeweils einen Tag zu Hause in den schwedischen Wochen und der ungeplanten Dispowoche, fährst dafür aber auch dreimal monatlich auf Samstag in die Nachtschicht, was Dir hier bis auf Ausnahmen erspart bleibt. Kommt also allenfalls aufs gleiche raus wie hier, tendenziell im Monat eine Nacht weniger.“ Timos Gesicht nach hatte er das irgendwie nicht eingerechnet, wobei er eher so wirkte, als würden ein paar Nächte mehr fehlen als eine im Monat.

„Es ist doch schön zu wissen, dass man auf dem Arbeitsmarkt begehrt ist.“
„Ich suche nur die Haare in Patricks Suppe, die Du so bedenkenlos mit essen willst. Aber ich schaue mal, ob ich Dir in den kommenden zwei Wochen bei der Entscheidung helfen kann.“
„Die Entscheidung kannst Du mir überlassen!“
Er stand nach dieser giftigen Antwort auf und ging auf sein Zimmer. Ein Gespräch am Küchentisch war privat, so lautete die Regel. Also war ich gerade trotz des Themas nicht sein Chef gewesen und musste mir von einem Freund so eine Antwort ohne Folgen für ihn in der Firma anhören können.
Ich war sauer. Sauer auf Patrick, der hier mit einer Mischung aus Geld auf dem Gehaltszettel, Geld für einen neuen Truck, dummen Sprüchen über ADR-Transporte und für mich sofort erkennbare Verarsche in meinem Personal wilderte. Sauer auf Timo, der anstatt das Gespräch zu suchen, lieber seinen Dickkopf durchsetzen wollte. Und sauer auf mich selbst, weil ich ein Spielchen mit ihm getrieben hatte, das gerade nach hinten losging. Warum sollte jemand, der mal im Handstreich seinen eigenen Vater abserviert hatte, das auch mit sich machen lassen? Auch ich verkrümelte mich aufs Zimmer.


Donnerstag, 16.04.2015

Schon um 7 Uhr saß ich im Büro und wählte eine Hürther Nummer, die ich immer noch auswendig konnte. „Alfred Talke Logistic Services, Sie sprechen mit Petra Brückner, guten Tag.“ „Hallo Petra, Ricky Kaiser hier.“ „Hallo, was kann ich für Dich tun?“ „Ich schicke Dir gleich mal einen Plan rüber. Schau mal, ob Du das irgendwie von den Entfernungen und möglichst auch Himmelsrichtungen bei Euch abbilden und auf einen Truck disponieren kannst.“ „Okay, meine E-Mail kennst Du.“

Inzwischen war Judith eingetroffen. „Hallo Judith! Hast Du Timo schon für nächste Woche disponiert?“ „Nein.“ „Gut, dann lass das auch bitte erst mal sein bis heute Abend zumindest.“ „Okay.“ Sie war etwas überrascht, aber ich musste los zur S-Bahn und wollte nichts weiter erklären.

Ich sammelte meine Zugmaschine in Mörsenbroich ein und machte mich auf den Weg nach Neuss, Straße „Am Hochofen“.
Wenn Blicke Feuer legen könnten, würde Patricks Firmensitz jetzt in Flammen stehen. Aber mein Ziel war gegenüber. Ein Silo, das wie auch immer hier gestrandet war, war heute Nacht hier angekommen. Der Empfänger hatte jedoch keine Nachtschicht und der Dachser-Truck war bestimmt schon wieder irgendwo in Süddeutschland. Zu meiner Überraschung stand auch ein Tieflader mit Bagger drauf beim Kistenschieber. Da waren wohl ein paar Lücken im Zugmaschinenumlauf zu stopfen gewesen.
Am Ende hatte Talke sich die endgültige Zustellung wieder selbst gesichert und ich musste den Kessel Kunststoffgranulat jetzt rüber nach Düsseldorf bringen. Als ich die Straße runter in Richtung Dachser-Einfahrt fuhr, kam mir einer von Patricks aufgedonnerten DAF XF106 entgegen. Weil er ihn aber nicht selber fuhr, war mir das relativ egal. Was konnte der Typ am Steuer schon für seinen Chef?

Danach hieß der nächste Auftrag einmal mit Getränken von Düsseldorf nach Osnabrück und wieder mit Tiefkühlessen zurück, lustigerweise nach Essen.

Im Berufsverkehr durfte ich mich dann nach Hause durchschlagen. Im System sah ich bei meinem Umweg durchs Büro, dass Petra zumindest damit angefangen hatte, ganze Arbeit zu leisten. Die Bereitstellungen passten zu meinem oder eher Patricks Plan.

Timo ging uns allen aus dem Weg und verbarrikadierte sich in seinem Zimmer.


Freitag, 17.04.2015

In aller Frühe ging es nun mit einem Konvoi aus 5 Solozugmaschinen nach Dormagen, wo für uns fünf gereinigte und leere Trailer von Talke bereitstanden. Danach hieß das Ziel Grevenbroich, genauer gesagt ADAC Fahrsicherheitszentrum.

Unser Trainer Christopher empfing uns, wir einigten uns aufs Du, suchten uns ein Mittagessen für nachher aus und dann gab es erst einmal Theorie, Verhaltensregeln auf dem Gelände und die Aufforderung, körperlich zu arbeiten. Wir sollten nämlich die Trailer erst einmal absatteln und Solo fahren.

Erste Übung für uns wurde die Vollbremsung. Zuerst auf griffigem, feuchten Asphalt und dann auf den Gleitstreifen. Hier sollten wir erst einmal vor allem lernen, wie man richtig bremst. Außerdem trennte sich hier die Spreu vom Weizen.
Timo und ich hatten die besten Bremswege, was aber nicht an der Achsfolge lag, denn die Liftachsen hatten wir anheben müssen.

Die größte Lachnummer im Bremstraining war natürlich Ilarion mit dem Magnum. Auf der Straße nicht so lustig wie hier im eingezäunten Abenteuerland, aber als Christopher seinen Bremsweg auf der Gleitfläche sah, kam über den Funk sein Kommentar: „Hast Du für den Bremsweg wenigstens Deinen Reisepass dabei?“
Es ging weiter mit Slalom und vor der Mittagspause kam die Schleuderplatte. Unter der Hinterachse wurde die Platte zur Seite geschoben und wir mussten die schleudernde Zugmaschine einfangen.

Nach der Mittagspause sattelten wir wieder auf und wiederholten die Übungen, die wir gefahrlos mit Trailer fahren konnten. Schließlich sagte Christopher:
„Wir fahren jetzt mal das so genannte Hochgeschwindigkeitsoval ab. Keine Sorge, wir haben keine Steilkurve.“

Wie vor jeder Übung stellten wir nach der Einweisung in den Fahrweg die Fahrtenschreiber auf „Warten“ und gingen zu Christopher. „Ich habe hier ein Tor aus zwei Pylonen aufgebaut. Wir haben trockenen Asphalt, optimale Bedingungen. Ihr fahrt die Übung mit 60 an, also Landstraßentempo. Wenn Ihr durchs Tor kommt, sagt Ihr in normalem Tempo „Einundzwanzig“ um die Reaktionszeit zu simulieren und dann geht Ihr voll auf die Bremse. Mal sehen, wo Ihr so stehen bleibt.“

Die Bremswege waren wie erwartet. Dann sagte Christopher: „Du mit dem Magnum fährst noch mal, bitte.“ Er ging dann da hin, wo Ilarions Stoßstange war. „So, wir stellen uns jetzt mal vor, einen halben Meter vor seinem Truck war ein Hindernis. Das heißt, wenn Du wieder mit 60 fährst, stehst Du wieder knapp davor. Die anderen entsprechend früher.“
Er stellte daraufhin einen halben Meter vor Ilarions Truck ein Hütchen-Tor auf und kam wieder zu uns: „So, ein Bisschen Reserve hattet Ihr ja noch auf der Anfahrt, also fahrt Ihr die Übung jetzt mal mit 70 an, wieder mit der Reaktionssekunde. 10 km/h mehr fährt ja jeder mal. Und 60 auf der Landstraße ist doch so was von 50er Jahre, oder? Wir haben alle Hochleistungsscheibenbremsen und Radial-Breitreifen, statt Trommelbremsen und Diagonalschallplatten.“
Wir schafften es alle nicht, rechtzeitig stehen zu bleiben. Bei Timo und mir fehlte nicht viel, aber es würde doch reichen, bei einem Trailerende die Kabine nachhaltig zu verformen. Bei einem PKW wäre die Stoßstange krumm. Ilarion wäre seinem Schatten-Gegner noch ziemlich kräftig drauf gebrummt.

„So, beeindruckt genug?“
Er wartete unsere Antwort nicht ab. „Stellen wir uns mal vor es war Autobahn und nicht 70 statt 60, sondern 90 statt 80. Da macht ja der Truck dann zu, auch bergab wird es da oft eng. Ihr habt dann die Schubabschaltung oder auch kleine Motorbremse genannt, wenn der Diesel abgedreht wird und Eure Motoren von der Energie beim Rollen durchgedreht werden müssen. Je höher die Drehzahl umso besser wirkt das. Und gerade bei leichten Lasten und wenn wegen der guten Zugkraft für überdurchschnittlich schweren Tanker eine kurze Hinterachse verbaut ist, wird das stark genug, dass Ihr nicht über die 90 raus geschoben werdet. Was kann man da machen?“
Weil Christopher ohnehin meistens rhetorische Fragen stellte, warteten wir einfach eine Sekunde. „Ihr mit den Halbautomaten drückt natürlich N. Und Du mit dem Handschalter könntest Die Kupplung treten. Aber da schläft Dir ja der Fuß ein. Und außerdem kriechst Du irgendwann zu Deinen Chefs und willst ein neues Ausrücklager. Das gibt auch komische Rückfragen. Also Schaltknüppel in die Mitte. Und so fahrt Ihr jetzt die Übung. Wieder mit 70 rein, Gang raus oder Getriebe auf N, einundzwanzig sagen, peng!“
Ilarion wurde bleich. Er wusste, was passieren würde: „Ohne Retarder und Stauklappenbremse stehe ich mit dem Ding doch frühestens in Jülich!“ „Wenn Du Pech hast, stehst Du da hinten in der Kurve. Dein ABS ist ja noch da, Bremsen in der Kurve kannst Du, also kein Thema. Ich will hier keine aktive Motorbremse hören, kein Lüfterrad für die Abwärme vom Retarder bei den Trucks, wo er hinterm Getriebe sitzt und kein herunterschaltendes Automatikgetriebe!“

Nach dem erschreckenden Ergebnis ging es wieder ins Gebäude und in den Schulungsraum. „So, Ihr habt gesehen, selbst beim Sicherheitsabstand für 60 mit 70 gefahren, knallt es sogar ganz leicht, sogar wenn der vor Euch deutlich schwächere Bremsen hat. Wenn das bei 90 und dem Sicherheitsabstand passiert, wo es mit 80 gerade noch so reicht, dann habt Ihr schon ein Problem. Wenn Ihr einen Truck mit gleich guten Bremsen wie Ihr selbst vor Euch habt, klebt Ihr dem mit bis zu 20 drauf, das ist auf eine platte Wand schon unangenehm für Euch und das Ende für Eure Zugmaschine. Die Sattelplatte macht das aber normalerweise noch mit. Je nach Aufliegertyp vor Euch braucht Ihr aber schon die Feuerwehr mit dem Universalschlüssel für die Tür. Autotransporter sind besonders schön. Da kommt dann genau auf Höhe Fahrerkopf so eine Blechrampe durch die Frontscheibe.“
Die Gesichter im Team waren schon geschockt genug. Aber Christopher setzte noch einen drauf: „Und wenn man mit 100 und ohne Gang unterwegs ist, wird das noch krasser. Denkt nicht ans Bremsen, das ist verschwendete Zeit. Denkt die eine Sekunde lieber an ein schönes Erlebnis aus Eurem Leben. Ihr werdet nämlich gleich mit so viel Tempo in der Rückwand eines stehenden Überseecontainers oder so einschlagen, dass die Sattelplatte nicht mehr mitspielt. Vorne geht schon jeglicher Überlebensraum verloren und von hinten rauscht dann Euer Trailer auch noch rein und macht das Fahrerhaus zu einer Sandwichblechplatte. Dann kommt die Blechschere nur noch zum Einsatz, damit die Sauerei, die da auf dem Lenkrad klebt, würdig beerdigt werden kann!“

Jeremy Clarkson hätte gesagt: „And on this bombshell it’s time to end the training!“ Wir mussten noch einen Bogen ausfüllen, in dem wir das Training bewerteten, danach war das Training und somit auch die Arbeitswoche rum.


Die Firma TSM war damals eine Errungenschaft der Truck Sim Map. Da einer der Modder auch eigene Prefabs erstellen konnte, hatten sie ein Firmengelände eingebaut, auf dem es ein paar besondere Leckereien und Sauereien gab. Ladeplätze in der Halle. leicht und schwer anzufahrende außen.

Der Abwerbeversuch von Patrick hatte sich spontan ergeben, als wir in Skype miteinander gesprochen haben, was Timo an dem einen Tag bei ihm so alles erlebt hatte. Ich habe diese Interaktionen geliebt, aber in dem Umfang war Bedingung, dass man wöchentlich fährt und schreibt, das war andererseits auch sehr zeitaufwändig. Wer die Story noch nicht von TSM kennt, kann gespannt sein, was die folgenden Kapitel ergeben.

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