Diese Woche…
…wird Ilarion angequatscht…
…Timo will eine einsame Entscheidung treffen…
…und Ricky schreit jemanden an!
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Montag, 20.04.2015
Es ging am Morgen ungewöhnlich früh los, weil sich Marlon, Julian und ich schon vor 7 Uhr im Besprechungsraum zusammensetzten. Julian hatte in unserem aktuellen Trouble mit Timo durchblicken lassen, dass er nicht weiter beim Personalwesen mitmachen wollte. Daraufhin hatten wir hinterfragt, ob überhaupt jeder Bereich von zwei Leuten gemacht werden musste. Nach anderthalb Stunden Zeitvergleich, Planen, Schieben und „ich möchte das nicht!“ waren die neuen Aufgaben dann geklärt.
Marlon blieb Finanzminister, übernahm dazu noch das Justizministerium und die Kundenbetreuung. Julian bekam den Einkauf für alles außer Fahrzeuge, die Prüfung von Reisewarnungen und wurde zum Umwelt- und Sicherheitsbeauftragten. Für mich blieben somit die Bereiche Fahrzeuge, Personal und Gebäude.
Wenn es um schwerwiegende Dinge wie Bilanzabschluss, Handelsregistereinträge, oder Immobiliengeschäfte, sowie Anschaffungen über 100.000 Euro – also auch Neufahrzeuge – ging, stand sowieso in unserer Satzung, dass ein zweiter Inhaber die Dokumente gegenzeichnen musste.
Nachdem das geklärt, aber noch nicht offiziell war, empfingen Julian und ich noch Ilarion ein letztes Mal zu einem gemeinsamen Personalgespräch, bevor ich das demnächst alleine machen würde.
Auch seine Probezeit war jetzt schon zu Ende. In 2 Wochen wäre er fest übernommen und das war eine reine Formsache. Es gab keinen Grund, etwas an ihm zu kritisieren. Er fuhr unauffällig. Im GPS immer und auch bergab unter 85 km/h, außer in Ländern wie Frankreich, wo 90 erlaubt waren natürlich, aber auch keine Verspätungen, hervorragende Verbrauchswerte und das mit der rollenden Schrankwand.
Gegen 10 Uhr hatte ich dann meine Ladung Kohlepech bei ENI in Essen aufgesattelt und war auf dem Weg am Gelsenkirchener Kraftwerk vorbei in Richtung Holland.

Am frühen Abend erreichte ich den Hafen von Rotterdam und fuhr aufs Schiff. Timo hatte jetzt den ersten Tag in seinem Umlauf rum. Ich hatte mir vorgenommen, ihn nicht anzurufen. Er wusste ja, dass er sich jederzeit melden konnte. Und wenn ich ihn anrief, wirkte das mit ein Bisschen bösem Willen nach Bedrängen.
Dienstag, 21.04.2015
Dass mir ein Full Traditional nicht schmeckte, war auch selten der Fall, aber offenbar ging mir das Gezerre um Timo auf den Appetit. Also fuhr ich mal nicht pappsatt von der Fähre durch Hull.
Gegen 11 Uhr war ich in Manchester. Hier wurde ich die bisherige Fracht los und sollte dafür eine Ladung Hydrauliköl mitnehmen. Ich nutzte die Gelegenheit für einen Kantinenbesuch, nachdem sich doch der Hunger meldete, und die kleine Pause.
Bis zum Abend hatte ich es nach Glasgow geschafft, wo ich den Truck an einer Tankstelle am Stadtrand abstellte und den Abend in einem Pub in der Innenstadt verbrachte.
Mittwoch, 22.04.2015
Am Morgen um halb sieben war ich schon wieder unterwegs. Die Universität von Glasgow war gerade hinter einer Böschung verschwunden, als mein Handy klingelte.

Es war Ilarion, der an sich nie anrief. Wir sprachen meistens nur kurz in der Firma. Er war, ähnlich wie Marlon ein ruhiger Typ. Julian, Timo und ich waren die extrovertierte Fraktion, die zu allem einen Kommentar auf Lager hatte.
„Hallo Ilarion. Wie geht es?“ „Wieder gut, die Wut ist verraucht. Ich habe Patrick Schütz getroffen.“ „Ach was. Und warum so wütend gewesen?“ „Der hat versucht, mich auch noch abzuwerben.“ Ich hatte es nach dem Streit der zwei in der Halle nur vermutet, aber aus irgendeinem Grund hatte Timo also mit ihm über das Thema gesprochen. Sein „auch noch“ bewies es unfreiwillig.
„Wie kam das denn?“ „Ich kam auf Berg rein, als es schon relativ voll war. Habe mich dann zu Marten Nottelmann und einem Patrick an einen Tisch gesetzt. Gibt ja genug mit dem Namen.
Wir haben uns unterhalten, worüber man halt als Trucker so spricht. Er mag keine Chemietransporte, fährt selber Lebensmittel für Dachser, hat ’nen DAF, bekommt aber demnächst Mercedes, ist aus Neuss. Da hatte ich schon immer mehr den Verdacht.“ Dafür, dass er Patrick nicht wirklich kannte, war er jedenfalls mal bestens über seinen Laden informiert – warum auch immer.
„Und kaum war Marten gegangen, war sein erster Satz die Frage, ob ich Lust habe, bei ihm ab Juni Skandinavien zu fahren.“ Dieser Dreckskerl. Er konnte wahrscheinlich nicht wissen, mit wem er es zu tun hatte, außer… „Hattest Du noch Dein Firmenshirt an?“ „Nein, einen Delije Sever Beograd Hoodie.“ Bei all seiner Liebe zu Roter Stern Belgrad – den Delija Sever, oder auf deutsch „Nord-Fan“, hätte ich ihm im Leben nicht abgenommen. Die Nordkurve war in fester Hand der diversen Ultra-Gruppen und das war ihre gemeinsame Bezeichnung. Wie war das mit der Tiefe von stillen Wassern noch mal?
„Zurück zu Patrick. Wie hast Du reagiert?“ „Habe ihm gesagt, dass ich auf den Stückgut-Scheiß mit ständiger Hetzerei und Rasen überm Tempolimit keinen Bock habe und dass er mich in Ruhe lassen soll.“ „Und was hat er gesagt?“ „Raserei? Nein! Mein DAF läuft 92! Sag mal ehrlich, der Typ hat doch den Knall nicht gehört. Okay, bei dem Tempo ist es eh zu spät, wenn er ihn hört!“ „Danke für den Hinweis. Und für Deine Loyalität.“ „Ist doch klar. Ich weiß, was ich hier habe.“
„Gut, dann sehen wir uns in anderthalb Wochen. Viel Spaß in Belgrad. Nur Omas Geburtstag oder auch Fußball?“ Die kleine Frage konnte ich mir nicht verkneifen. „Ey! Die Karte hab ich mir vor einem halben Jahr von meinen Cousins organisieren lassen, als die Partie fest stand. Derby gegen Partizan Samstag Abend!“
„Viel Spaß! Und komm lebend wieder nach Hause, Du Ultra.“ „Du kennst Ultras aus dem europäischen Ausland?“ „Mein Ex ist damals mir zu Liebe bei der doch etwas zu krassen Cardiff City Soul Crew ausgestiegen – noch Fragen zu europäischen Ultras?“ „Äh, nein.“
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, kochte ich vor Wut. Aktives Abwerben, die Branche schien auch immer skrupelloser zu werden. Wenn einer ziehen will, kann man ihn nicht aufhalten. Aber Patrick überfiel die Leute systematisch in ihrer Freizeit und lockte sie mit Geld und neuen Trucks. Ich wurde damals nicht mal angesprochen, ob ich wechseln wollte, als Mahler schon in der Branche kaum noch zu versteckende Schieflage hatte.
Das böse Erwachen kam aber noch. Ich hatte Timos GPS-Track gesehen. Er kam trotz 80 km/h pünktlich durch. Von Marl nach Esbjerg hatte er zwar nur 30 Minuten Reserve gegenüber dem von Patrick in der Tour nach Kolding angegebenen Dachser-Schnitt, aber war durch gekommen. Heute ging es eher in Richtung Ende der Tagesfahrzeit, aber auch da hatte er noch ein Bisschen Luft gehabt.
Die hatte man schnell mal verschossen, zumal ihm auf unserer Ersatzplanung rauf das halbe Ruhrgebiet erspart geblieben war, wo Patricks Fahrer durch mussten. Ein Stau und mit 80 hattest Du verloren, darauf hatte ich gehofft. Aber zweimal an aufeinander folgenden Tagen brauchte ich Stau bei Hamburg und dann war an beiden keiner.
Nach anderthalb Stunden Fahrt durch die Highlands kam ich bei dem Steinbruch an, wo ich den Trailer lassen sollte. Die Betreiber bunkerten das Öl in Ruhe und füllten den Trailer dann im Laufe des Tages mit Altöl, morgen wurde er von jemand anders wieder abgeholt.

Der Rückweg nach Glasgow war Solo, bevor ich dort eine Ladung Flüssigdünger für Frankreich aufnahm. Das Zeug war mal wieder oxydierend, die Landwirtschaft war schon immer eine überraschend gute Quelle von Gefahrguttransporten.
Auch wenn das Navi der Meinung war, ich sollte die Fähre von Newcastle und später Hull nehmen, entschied ich mich für den Landweg und fuhr den West Coast Motorway runter auf Manchester und Birmingham. Unterwegs überholte ich einen blau-roten Truck, der ein paar Tage älter war, aber der TIR-Tafel nach noch auf großer Tour war. Und wieder mal fragte ich mich, ob ich nicht mal Ausschau nach so einem Liebhaberstück halten sollte, auch wenn ich eher andere Marken im Kopf hatte.

Ohne große Vorkommnisse kam ich noch bis hinter Birmingham. 20 nach 4 Nachmittags ging der Cursor 13 unter mir auf Corley Services aus. Wenn es denn vernünftigen Tee gäbe, wäre ein guter Moment für eine Tea Time. So wurde bei Starbucks eine Coffee Time draus. Und weil die warme Küche ebenso systemgastronomisch von Kentucky Schreit Fi**en gestellt wurde, machte ich mir lieber was im Fahrerhaus warm.
Donnerstag, 23.04.2015
Entsprechend gab es zum Frühstück auch mein Selbstbau-Müsli aus fertig zu Hause zusammen gemischten Haferflocken, Nüssen, Zartbitterschokolade und Rosinen. Einen Apfel oder eine Banane rein geschnitten, je nach Laune und Verfügbarkeit Milch oder griechischen Honigjoghurt drüber und gut. Halb 5 rollte die Fuhre dann wieder.

Noch bevor der Berufsverkehr alles lahm legte, fuhr ich die M25 um London. Auch die Sonne ließ sich gerade schon blicken.

Das könnte ein schöner Tag werden. Ich überlegte, nach Dover zur Fähre zu fahren und auf der Fähre ein Full Traditional als zweites Frühstück einzuschieben, entschied mich aber dagegen.
Erstens waren sowieso schon jetzt 20 Kilo zu viel auf den Rippen und zweitens wurde es sonst vielleicht etwas eng mit der Tagesarbeitszeit heute Abend. Ammoniumnitratlösung war freigegeben für den Shuttlezug.
Allerdings zog das Gewitter auf der Gegenfahrbahn auf. Ein blauer DAF, bis da hin noch nichts Besonderes. Aufgedonnert mit allem, was der Stahlrohrgroßhandel auf Lager hatte, auch nicht so besonders. Machten inzwischen ja doch einige.
Im Auftrag von Dachser, das wurde langsam besonders. Auch wenn die Subunternehmer sich ihre Trucks aussuchen durften, legte Dachser wohl Wert darauf, denen in die Firmenpolitik rein zu quatschen und sie zu zwingen, ihr Geld Mercedes in den Rachen zu schmeißen. Also fuhren die meisten auch welche.
Das deutsche Kennzeichen NE-TS 1002, Namensschild Patrick und genau der am Steuer war dann aber das Ende vom sonnigen Tag. Der Griff ging nach oben ans Funkgerät.
„Ey, Schütz! Lass meine Leute in Ruhe!“ „Versau mir nicht meine Sprachnachricht du Affe, ich hab meine Frau am Handy!“ Schön, 1:0 direkt nach dem Anstoß und Two Steps from Hells „Wrath of Sea“ im Hintergrund sorgte für die akustische Dramatik. „Was kann ich denn dazu? Du provozierst es doch!“ Außerdem wusste ich nicht, ob man eine Sprachnachricht an die Frau nicht sowieso schon dadurch versaut hatte, dass sie mit Rammsteins „Du hast!“ hintergrundvertont wurde. Ich hielt es jedenfalls für einen interessanten Einblick in seine Ehe.
„Womit denn? Timo ist von alleine zu mir gekommen! Das erste Angebot war mehr freundschaftlicher Spaß, aber dann kommt eine Scheiß Aktion, und du lässt ihn zappeln. Mensch, der Junge ist 21! Kein Wunder das der sich sorgen macht und woanders umsieht!“
„Das war ein Fehler, aber der weiß, dass er jederzeit und über alles das Maul auf machen kann. Und Ilarion ist jawohl nicht auch von sich aus zu Dir gekommen?“
„Das Ding ist, er traut sich nicht! In deiner Bude würde ich das Maul bei Problemen auch nicht aufmachen, sondern könnte gleich das Köfferchen packen! Sieht man doch. Timo hat einmal Spaß in seiner Karriere, ein einziges mal, und am Ende kommt der arme Junge zu mir, weil du ihn zappeln lässt und dumme Spielchen abziehst! Anstatt die Eier zu haben und auf den Tisch zu hauen, wartest du. Müssen die Fahrer erst mit Fahrverbot kommen, bevor du was von alleine merkst?“
Schön, wie er sich bei uns intern auskannte und vor allem Timo kannte, den er ja unbedingt haben wollte. Der traute sich nämlich zu viel, weil er sich mit seinem Teenie-Gesicht und auch Teenie-Körper in der Branche nur mit einem schlagfertigen Maul hatte Akzeptanz holen können. Bei anderen Chefs wäre man für das eine oder andere, was der sich geleistet hatte, achtkantig raus geflogen. Und persönlich miteinander reden war auch nie ein Thema gewesen.
Mit Timo und mir hatten in den letzten Wochen einfach nur zwei Tiere, die am Anfang beide halb Katze und halb Maus waren, vergessen, wer in ihrem harmlos gestarteten Katz-und-Maus-Spiel eigentlich wer war. Und das hatte sich aufgeschaukelt, weil wir beide uns rein gesteigert hatten und keiner das Gespräch angefangen hatte, das wir beide jederzeit hätten anfangen können. Und jetzt hatte ich den Salat und war am Ende die alleinige Maus geworden.
„Fahrverbot liegt bei Dir doch näher in der Luft. 92 Sachen und das auch noch stolz auf einem Autohof rumposaunen. Und der Spaß, wie Du ihn definierst, ist letzte Woche beim Fahrsicherheitstraining wohl allen vergangen. Also ist Timo, wenn er es beherzigt, sowieso wertlos geworden für Dich. Du brauchst ja die Fahrer, die Spaß dran haben, am Rande vom Führerscheinentzug rumzuprügeln.“
„Unterstell mir nicht so ne Scheiße! Die Autos sind auf 90 begrenzt, und mir ist es egal wie meine Fahrer fahren. Rasen ist kein Kriterium, oder glaubst du ich hätte Spaß dran, eines meiner Fahrzeuge um die hälfte kleiner in der Tagesschau zu finden?“
„Raserei? Nein! Mein DAF läuft 92! Deine Worte! Hast Du Realitätsverlust oder Gedächtnislücken? Oder beides?“
„Alter, noch ein Ding und ich komm zurück, und wir unterhalten uns mal richtig! Dass das klar ist, es sind meine Worte, aber wo rase ich? Rasen fängt bei 100 an und endet bei Führerscheinentzug. Und was DAF am Tacho macht, da kann ich nichts für!“
Na ja. Verantwortlich fürs Einhalten von Tempolimits war er schon. Zumindest wenn das Fahrzeug zu schnell war. Wenn ihm bekannt war, dass die Eichung nicht stimmte, konnte er als Geschäftsführer dafür haftbar gemacht werden, den LKW nicht zur Nachkalibrierung des Tachos zu bringen.
Die Trucks aus den 80ern liefen ihre 130 und hatten nicht mal einen Tempomat. Trotzdem waren wir damit weitestgehend 80 gefahren, es ging also, wenn man nur wollte. Aber ich bezweifelte, dass Patrick mit Namen wie Iveco TurboStar, Mercedes SK oder DAF 3300 überhaupt was anfangen konnte.
Und die eigene Firma hatte er ja auch vor allem, weil er mal erzählt hatte, sein letztes Angestelltenverhältnis selbst dadurch beendet zu haben, sich vom Chef erwischen zu lassen, mit 112 einen Berg runter zu schieben.
„Ach so. Rasen fängt bei 100 an. Aber Spaß macht es ja doch. Denn bei 102 hatte Timo ja laut Dir welchen. So wie Deine Auslegung der Wahrheit knackt, bricht sie gleich!“ „Für Spaß muss ich nicht Rasen, dazu habe ich am Wochenende ne Frau! Und wenn Timo bei 102 einer abgeht, ist das meine Angelegenheit?“
Zum Rasen oder für den Spaß hatte er die? Und Timo hatte bestimmt keinen Spaß daran gehabt, über 100 zu fahren, sondern er hatte Spaß daran gehabt, einmal im Leben Patrick zu versägen, der ihn am ersten Tag geärgert hatte. Ein Dummejungenstreich mit Folgen.
„Wenn er zu Dir in die Firma kommt, wird es das jedenfalls.“ „Er wird zum Teil meine Angelegenheit, aber wenn er nicht fahren darf, ist das sein Problem!“ „Ist bei uns nicht anders.“ „Ja also, warum soll ich dann so schlimm sein?“
„Wegen Deiner Doppelmoral Marke „Jeder der schneller fährt als ich ist ein Verrückter und jeder der langsamer fährt, ist ein Idiot!“ Erst kommt „Hau auf den Tisch, oder müssen die Fahrer erst mal mit dem Fahrverbot kommen?“ aber dann „Wenn er nicht fahren darf, ist das sein Problem!“
Seit dem Tag stand Timo unter Beobachtung. Aber während seiner Zappelzeit war er das langsamste Pferd im Stall. Wenn man Ilarion kennt ein wahres Kunststück! Wäre er da noch mal mit 100 und mehr einen Berg runter gefallen, hätte ich garantiert was gesagt. Man kann zwar eh nicht mehr lesen, was drauf stand, aber auch ich muss keinen meiner Trucks abgebrannt oder säurezerfressen in der Tagesschau finden.“
„Ganz ehrlich, wo ich recht habe, habe ich recht. Wer mit 100+ die Berge runter maschiert, hat definitiv nicht mehr alle Latten am Zaun. Und wer mit 70 über die Piste schleicht, hat auch einen am Sender! Ich habe Bergab meinen Tempomaten auf 88+2 km/h, und verhalte mich absolut den Vorschriften entsprechend.“
„Erstens: gilt das mit 100+ auch für Züge der Firma Böttcher, pilotiert von heute in Neuss selbst geschäftsführenden Personen? Zweitens: 70 fährt auch keiner bei uns. Denn so großzügig sind nicht mal die Fahrzeiten bei ADR kalkuliert. Drittens Die Vorschriften wären, wenigstens in Deutschland, bei 80 zu Ende, da sind 88+2 schon mal gut drüber und nicht mehr entsprechend. Aber schon erstaunlich, dass Du ausgerechnet so scharf auf den Fahrer bist, dem Du einen löchrigen Zaun unterstellst. Doppelmoral eben!
Und als Timo seinen kurzen Aussetzer hatte und auf 102 ist, hatte er Dich laut Abstandsradar auch mit 95 eingemessen. Ich bin schon erstaunt, wie oft Du Dir in einem Satz widersprechen kannst.“
„Er muss das ja nicht gleich als Absicht nehmen. Einmal kurz gepennt, aber gleich darauf gebremst, so sieht es aus! Und wenn er denkt ich will ein Rennen fahren, Sorry! Mir hängt zu viel an meiner Frau und meinem Sohn.“ „Wer hat gepennt? Du oder der auf 88+2 eingestellte Tempomat?“
„Tempomat….vergessen….zu schnell….“ Ich unterstellte mal, dass er wirklich aus der Reichweite gefahren war. Die Zeiten, wo manche Fahrer einen Taschenventilator oder Elektrorasierer mit durchgekniffener Entstördrossel dabei hatten, um einen Funkausfall zu simulieren, weil man keinen Bock mehr auf ein Funkgespräch hatte, waren ja längst vorbei. Aber gefühlt war das ein 5:1 Sieg für mich.
Das Hauptquartier rief mich während der Wartezeit in Folkstone an. „Hallo Judith!“ „Hallo Ricky! Willst Du morgen früh eine Fracht nach Hause oder nach Stuttgart?“ „Nach Hause. Und bitte disponier mich nächste Woche noch nicht, wenn Du noch nicht angefangen hast.“ „Nein, habe ich noch nicht. Warum nicht?“ „Das mache ich am Freitagabend oder am Samstag selber, hängt aber nicht nur von mir ab.“
„Timo?“ Wie konnte in dem Laden auch irgendwas geheim bleiben? Insbesondere wenn die Zentralstelle für Klatsch und Tratsch mit einem der Inhaber verbandelt war? „Wie ich merke, bist Du mal wieder bestens informiert. Ja, es ist wegen Timo.“
Dem schickte ich im Anschluss eine Nachricht über Whatsapp, dass ich morgen rein kam und wir dann reden könnten, wenn er wollte.
Nachmittags lieferte ich den Dünger bei ADM ab und fuhr dann zu einem Hotel.
Freitag, 24.04.2015
Am Morgen holte ich einen alten Raupenbagger aus einem Steinbruch ab. Also kamen mal wieder die „Convoi Exceptionnel“ Schilder zum Einsatz.

Aus Mangel an Parkplätzen fand die Mittagspause am Straßenrand statt. Dann ging es weiter in Richtung Ruhrgebiet. Unterwegs rief Timo an. Mein Puls stieg rapide an, als ich die Telefontaste drückte: „Hallo Timo.“ „Hallo Ricky! Wir sehen uns nachher vermutlich nicht.“ „Warum nicht?„
„Ich war heute Morgen mehr tot als lebendig, weil ich Nachtschicht nicht kenne und gestern Nachmittag nicht lange genug im Bett war. Bevor ich mir im Schlaf die Rübe abfahre, habe ich den Truck in Leverkusen bei Talke stehen lassen.
Ich muss nachher gegen 16 Uhr dann zur S-Bahn und esse in der Chemiepark-Kantine noch was bevor es losgeht. Die Dispo sagt ja auch Abfahrt 19 Uhr.“ „Okay. Hast Du wenigstens für diese Nacht vorgeschlafen?“
„Ja. Und bitte nimm es mir nicht übel. Meine Entscheidung wird endgültig erst diese Nacht fallen, auch wenn ich mir schon ziemlich sicher bin. Da möchte ich dann morgen persönlich mit Dir drüber sprechen.“ „Okay. Dann bis morgen. Gute Fahrt.“ „Danke, Dir auch.“
Na was sollte ich ihm nicht übel nehmen? Dass ich bis morgen warten musste, oder die Entscheidung, die er bis da hin zu treffen gedachte?
Ich hatte es mir verkniffen, ihn noch einmal auf seine Entscheidung anzusprechen, seit er Patricks Vertrag hatte und wir den Abend unsere am Ende heftige Aussprache hatten. Die Entscheidung musste er selber treffen, oder zumindest musste er entscheiden, wenn er einen Rat haben wollte und von wem. Ich würde mich, so sehr ich es wollte, hüten, ihm da rein zu reden.
Einen Mitarbeiter, den ich zum Bleiben überredet hatte, konnte ich nicht gebrauchen, denn der war dann unzufrieden. Seine Entscheidung konnte sich hinterher für ihn als richtig oder falsch herausstellen. Aber dann war es auch seine. Er würde irgendwie seinen Weg weiter gehen, bei uns wie bei Patrick. Stark genug dazu war er. Das hatte er bewiesen, als er seinen Vater auf unserem Hof abserviert hatte.
